Episoden aus längst vergangenen Zeiten

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Die altehrwürdige Kaplanei von Mauren vor der Gemeindeabstimmung vom 13. März 1994, welche mit deutlicher Mehrheit einen Abriss des alten Gebäudes befürwortete.

Die Kaplanei

Beim Kaplaneihaus handelte es sich um einen ehemaligen herrschaftlichen, also dem Kloster bzw. fürstlichen Besitz zugeordneten Torkel. Dieser wurde bereits 1723 und in den Landesbeschreibungen von 1808 und 1815 erwähnt. Neben der Kirche und dem Pfarrhof dürfte es sich bei der Kaplanei um das einzige geschichtlich dokumentierte Gebäude in Mauren handeln. 

Die Kaplanei bestach durch ihre auffallende, eigenwillige Form und die besonderen Proportionen, welche auf das vorgängige Torkelgebäude hinwiesen. Das Haus ist unzertrennlich mit der Maurer Wirtschafts-, Herrschafts- und Pfarreigeschichte verbunden.

Laut Ergebnis eines von einem neutralen Archäologen im Jahr 1993 erstellten Gutachtens wird bezweifelt, dass die Überreste von einem herrschaftlichen Torkel bzw. Vorgängerhaus stammen. Das sogenannte Kaplaneihaus wurde gemäss den baugeschichtlichen Grundlagen im Jahre 1877 erbaut. Der geschichtliche Eigenwert wird darin u. a. als «bescheiden» charakterisiert. 

Die Initiativgruppe «für den Erhalt der Kaplanei», die eine
Unterschriftensammlung durchführte, bezeichnete hingegen die Kaplanei als seit 1723 aktenkundigen Herrschaftstorkel. Die Meinungen gingen auseinander, und so kam es am 13. März 1994 zur Gemeindeabstimmung. Bei dieser votierten 70,4 Prozent für und 29,6 Prozent gegen den Abbruch (Von den 1321 Stimmberechtigten gingen 635 Personen an die Urne; von den 628 gültigen Stimmen waren 186 Ja- und 442 Nein-Stimmen). Mit dieser klaren Entscheidung folgten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Empfehlung des Maurer Gemeinderates. Damit wurde Platz für die Schulerweiterung geschaffen. Die Kaplanei fiel kurze Zeit später der Spitzhacke zum Opfer.

 

Erzählungen aus der Buchreihe «Menschen, Bilder & Geschichten – Mauren von 1800 bis heute», Geschichten des Maurer Ahnenforschungsvereins

Text: Herbert Oehri

In den fünf Bände der Buchreihe «Menschen, Bilder & Geschichten
– Mauren von 1800 bis heute», herausgegeben vom Verein für Ahnenforschung, Pflege der Kultur und des Brauchtums Mauren (Präsident: Herbert Oehri), finden wir neben den genealogischen Erforschungen der Familiengeschlechter eine Fülle von Erzählungen und Episoden aus längst vergangenen Zeiten. Lesen Sie in unserem heutigen Teil der historischen Erzählungsreihe einige solcher Geschichten: 

Der letzte Nachtwächter
Man stelle sich Mauren vor 100 Jahren vor: Viele aneinandergebaute Holzhäuser, Ställe und Scheunen. Mauren war – wie damals alle Gemeinden des Landes – bäuerlich geprägt. Die Leute von damals kämpften gegen die Urgewalten wie Rüfe, Rhein, Föhn und Feuer. Viele Häuser und Häusergruppen wurden im Verlaufe der letzten 100 Jahre Opfer der Flammen.

Die ältere Generation erinnert sich noch an den letzten Nachtwächter der Gemeinde Mauren, der jährlich offiziell durch den Gemeinderat gewählt wurde. Er hiess Matthäus Schreiber (1861–1941) und wohnte im Rechenmacher-Meier-Haus Nr. 119 auf dem Rennhof (späteres Anwesen von Alwin Wohlwend). Matthäus Schreiber war mit Anna Schreiber, geb. Ruther (1863–1936) verheiratet. Ihr Sohn Matthäus Schreiber (1902–1977) war Mesmer von Mauren. 

Matthäus Schreiber war von 1897 bis 1902 und von 1919 bis 1933 Nachtwächter. Dann wurde der Nachtwächterdienst aufgelöst.

Wer war Matthäus Schreiber?
Diese Frage beantworteten uns Zeitzeugen wie Johann Wohlwend und Otto Ruther, Neffe des Matthäus Schreiber. Ausserdem sind Sitzungsprotokolle der Gemeindevertretung von anno dazumal vorhanden. «Der Nachtwächter Matthäus Schreiber war eine robuste und starke Natur», erinnert sich Johann Wohlwend, «mit einem dicken Mantel umhüllt und einem Hut bekleidet, um sich vor der Kälte der Nacht zu schützen, das Horn umgehängt und stets eine Tabakpfeife im Mund, tat er von abends 22 Uhr bis morgens 4 Uhr Dienst in der Gemeinde. Er war eine hilfsbereite Persönlichkeit. Die Bauern gaben dem Nachtwächter Bescheid, er solle auf seiner Tour einen Blick in ihre Stallungen werfen, wenn z.B. eine Kuh vor dem Kalben stand. Wenn es soweit war, weckte er die Bauernfamilie. Es wurde dabei für den Nachtwächter stets ein Schnaps bereitgestellt, den er dankbar angenommen hat.»

Der Jahreslohn betrug 155 Gulden
Sein Lohn betrug laut Gemeinderatsprotokoll vom 29.12.1896 pro Jahr 155 Gulden. «Er verspricht, die Nachtwache abends 10 bis 4 Uhr früh derart zu halten, dass er in jeder Stunde die Kontrolluhr mit einem anderen Markierschlüssel markiert. Ferner, wenn ein Brand in oder ausser der Gemeinde entdeckt wird, erstattet er Anzeige beim Ortsvorsteher und Feuerwehrhauptmann sogleich…» 

Matthäus Schreiber war der letzte Nachtwächter in Mauren.

Seine Hauptaufgabe bestand also darin, ausbrechendes Feuer sofort zu signalisieren. Das tat er mit dem umgehängten Horn, das weit herum hörbar gewesen ist. Otto Ruther erinnert sich: «Der Nachtwächter wurde vom Vorsteher kontrolliert. Dazu musste der Nachtwächter jeden Tag vor den Augen des Vorstehers das Blättchen in der Stechuhr auswechseln. Somit wusste der Vorsteher, ob der Nachtwächter die vier vorgegebenen Orte in der Gemeinde während der Nacht angelaufen hatte.» Das muss man sich so vorstellen: An vier verschiedenen Orten in der Gemeinde waren sogenannte Markierschlüssel angebracht. Die Stechuhr trug der Nachtwächter stets bei sich. Beim Rundgang nahm er die Uhr, stach in die fixierte Schlüsselvorrichtung und hatte damit den Beweis erbracht, dass er die Stelle aufgesucht hatte. In der Uhr lag eine Papierscheibe (Blättchen) mit den Angaben der Uhrzeit, 1–24 Stunden. Damit war die Kontrolle tags darauf für den Vorsteher gegeben. Die Papierscheibe hatte die Grösse von einem Fünffrankenstück. 

Das Horn wird heute von Enkel Fridel Schreiber aufbewahrt. Die Stechuhr liegt im Gemeindearchiv. In seinen letzten Lebensjahren wohnte Nachtwächter Matthäus Schreiber bei seinem Sohn Matthäus Schreiber (1902–1977) im Haus Nr. 167, der dieses kleine Anwesen käuflich erworben und ausgebaut hatte. Es wurde in der Zwischenzeit abgebrochen, und an gleicher Stelle sind neue Wohneinheiten entstanden. Nachtwächter Matthäus Schreiber starb am 25. August 1941 im Alter von 80 Jahren.