Post in früheren Zeiten

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Postkutsche vor dem Hotel Post in Balzers, ca. 1895 / Unbekannt / AKU-LA (Foto: Liechtensteinisches Landesarchiv)

Vor rund 20 Jahren (1. Januar 1999) ist der Postvertrag zwischen Liechtenstein und der Schweiz im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst worden. Die Regierung Frick verfolgte eine eigenständige Politik im Bereich des Post- und Fernmeldewesens.

Post und Telekommunikation in Liechtenstein sind im 19.Jhd. von Österreich -Ungarn verwaltet worden. Auch hatte Liechtenstein die vertragliche Berechtigung zur Ausgabe eigener Briefmarken. Dann trat am 1.3.1920 eine neue Vereinbarung mit der Republik Österreich in Kraft, die Liechtenstein auf den 31. Januar 1921 kündigte. 

Aufgrund eines am 10.11.1920 mit der Schweiz geschlossenen Vertrags (in Kraft ab 1.2.1921) besorgte neu die Schweizer PTT den Post-, Telegrafen- und Telefondienst in Liechtenstein auf liechtensteinische Rechnung. Es galten diesbezüglich die schweizerischen Gesetze und Vorschriften sowie die einschlägigen Verträge und Übereinkommen der Schweiz mit Drittstaaten. Liechtenstein konnte aber selbständig Vertragspartei von internationalen Übereinkommen in diesen Bereichen werden und weiterhin eigene Postwertzeichen herausgeben. Eine 1978 erfolgte Revision (in Kraft ab 1.1.1979) brachte u.a. die Anerkennung der liechtensteinischen Sendehoheit für Radio und Fernsehen. Aufgrund der Liberalisierung und Privatisierung der Telefonie wurde der Postvertrag auf den 1.1.1999 in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst. Liechtenstein verfolgt seither eine eigenständige Politik im Bereich des Post- und Fernmeldewesens. Quelle: Jahresbericht Post AG, 2016, Autor: Dr. Peter Geiger; Rechenschaftsbericht, Regierung 1922bis. /Roland Marxer. 

Dr. Peter Geiger hat im Jahresbericht 2015 der Liechtensteinischen Post AG einen interessanten historischen Beitrag zur Post verfasst: Seit dem Spätmittelalter galt das Postwesen als Regal, das der römisch-deutsche Kaiser reichsweit an das Adelsgeschlecht der Thurn und Taxis vergab. Länder und Städte des Reiches, Klöster und Kaufmannsgilden unterhielten eigene Postdienste. Doch wie spedierte man zum Beispiel vor 300 Jahren, um 1715, einen Brief von Schaan nach Como? 

«Lindauer Bote»
Der Schaaner Absender brachte den Brief nach Balzers ins «Rössle» («Post»). Dort kam wöchentlich der «Lindauer Bote» (auch «Fussacher Bote») vorbei. Er war von der Reichsstadt Lindau aus über den Bodensee nach Fussach gefahren und zu Pferd nach Feldkirch und Balzers gelangt. Dort nahm er den Schaaner Brief mit. Weiter ging die Reise, unter Boten- und Pferdewechseln, nach Maienfeld, Chur, zu Fuss durch die Viamala, über den Splügenpass nach Chiavenna und mit dem Schiff nach Como, wo der Bote den Schaaner Brief abgab und vom Empfänger das Porto erhielt. Danach ging es weiter nach Mailand. Alles innert fünf bis sechs Tagen, ebenso zurück. In Balzers und Feldkirch übernahm der Bote jeweils Briefe in Richtung Lindau und Augsburg. Das Oberamt in Vaduz gab ihm Amtssachen mit, es hatte aber auch einen eigenen Boten, den Oberamtsboten. 

Zuschg, Rod, Floss, Fähre
Wie transportierte man zu jener Zeit Pakete, überhaupt Waren? Wie Personen? Kleinere Pakete konnte der «Lindauer Bote» mitführen. Grössere Warensendungen wurden auf Schiffen über Flüsse und Seen, auf Wagen und Pferden entlang der «Reichsstrasse» und auf Saumtieren über Pässe transportiert. Personen konnten sich anschliessen, später reisten sie in Postkutschen. Man musste Pferde wechseln, Waren umladen und lagern, nächtigen. Dazu diente die «Zuschg», meist verbunden mit einem Gasthaus. Zuschgen gab es schon 1390 in Schaan, Vaduz und Balzers, später auch in Schaanwald, Nendeln und Triesen. Goethe und sein Begleiter Kayser waren im Frühjahr 1788 von Mailand bis Lindau sechs Tage unterwegs. Sie nächtigten auch in Vaduz. 

Der Warentransport nach Süden und Norden war ab dem späten 15. bis Anfang des 19. Jahrhunderts genossenschaftlich in «Rodfuhren» organisiert: Bauern des Unterlandes führten die Waren von Feldkirch bis Schaan, Oberländer weiter bis Balzers, Balzner dann bis Maienfeld, und umgekehrt. Die Rodgenossen erhielten Entgelt, hatten aber die Reichsstrasse instand zu halten. Auch der Rhein diente als Transportweg. Güter wurden geflösst, vorab Steine sowie Bau- und Brennholz aus Graubünden. Fähren verbanden die beiden Ufer, die letzte in Ruggell bis 1919. 

Zuschg in Schaanwald um 1950. An diesem Ort steht heute die neue Zuschg.

Ab 1817 k. k. österreichische Post
In Balzers war das passend benannte Gasthaus «Rössle» beziehungsweise «Post» Pferdewechselstation und Briefsammelstelle. Ab 1814 führte sie die Witwe Maria Anna Wolfinger anstelle des Mannes weiter. Das alte Reich existierte nicht mehr. Im Jahr 1817 – dem schrecklichen Hungerjahr – verlegte die österreichische Post, die in Chur einen Briefsammler beschäftigt hatte, dessen Funktion nach Balzers. Die «Postwirtin» leitete so die erste k. k. Briefsammelstelle im Land. Kurz darauf übernahm ihr 17-jähriger Sohn Josef Ferdinand Wolfinger den Dienst. Fürst und Regierung waren mit der Poststelle unter dem Vorbehalt einverstanden, dass die Souveränität unbeeinträchtigt bleibe. Zwar wurde die Stelle 1819 mangels Umsatz aufgelassen, doch 1827 wieder bleibend in Betrieb genommen, da der «Lindauer Bote» den Dienst einstellte. Postwirt Wolfinger war k. k. Briefsammler und Postbeförderer, ab 1839 erster k. k. Postmeister im Land. Eine zweite, von Johann Georg Rheinberger geführte Briefsammelstelle folgte 1845 in Vaduz. 

Langsamer Briefverkehr 1848
Wie langsam der Briefverkehr noch erfolgte, zeigen die im Revolutionsjahr 1848 zwischen Vaduz und Wien gewechselten Schreiben. Sie beanspruchten jeweils einige Tage. Schreiben der Revolutionsausschüsse unter Führung von Peter Kaiser an Fürst Alois II. und dessen Antwort aus Wien waren gegenseitig öfter überholt. Die Revolutionäre forderten etwa erneut, was im noch auf dem Weg befindlichen fürstlichen Brief schon zugestanden war. 

Das Unterland erhielt erst 1864 in Nendeln die erste Poststelle, dazu kamen im Oberland 1872 eine in Schaan und 1890 eine in Triesen. Bis 1912 blieb es bei fünf k. k. Postämtern. Ab 1864 waren Briefträger angestellt, jedoch waren sie schlecht besoldet. 

Schneller per Ticker 1869 und Hörer 1898
Der schnellen Nachrichtenübermittlung per Telegrafie schloss sich Liechtenstein 1869 durch den Bau einer «Telegraphenleitung Feldkirch-Vaduz» an. Die k. k. Telegraphen-Station Vaduz, von Postmeister Theodor Rheinberger betreut, war der Öffentlichkeit an sieben Tagen in der Woche zugänglich. 1887 wurden die Spinnerei in Vaduz und die Weberei in Triesen telefonisch verbunden, vorerst privat. Ab 1898 gab es dann ein öffentliches Telefonnetz in Liechtenstein: Es umfasste die Regierungs- und die Landgerichtskanzlei sowie eine öffentliche Telefonstelle, die sich jeweils im Postamt oder in einem Gasthaus befand, und zwar in jeder Gemeinde sowie in den Weilern Schaanwald, Nendeln, Rotenboden, Sücka und Mäls. Nur die Gemeinden Planken und Schellenberg erhielten die öffentliche Telefonstelle etwas später. 

Briefmarken: Einträgliche nationale Identität seit 1912
Mit dem Postvertrag von 1911 übernahm Österreich die gesamten Post-, Telegrafen- und Telefondienstleistungen im Fürstentum – ausgenommen die Briefmarken. Solche gab nun Liechtenstein seit 1912 selber heraus als Zeichen der Souveränität und Identität, aber auch als Mittel zur Generierung von Einnahmen. Zuvor hatte auf Briefen aus Liechtenstein das Bild des österreichischen Kaisers Franz Josef geklebt. In den Übergangsjahren galten auch noch österreichische, später schweizerische «Mitläufer»-Marken – so ab 1916 das Konterfei von Kaiser Karl, das 1919 republikanisch mit «Deutschösterreich» überdruckt wurde. Später stand kurz auch der Schweizer Tellensohn in Verwendung. Aber dann triumphierten ausschliesslich die liechtensteinischen Briefmarken, künstlerisch hochstehend, imagebildend und finanziell bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Säule der Staatseinnahmen sowie ein Kaleidoskop der liechtensteinischen Geschichte. 

Österreich 1817, Schweiz 1920, Liechtenstein 1999
Der Wechsel nach hundert Jahren österreichischer Post zur schweizerischen PTT nach dem Ersten Weltkrieg war eine zwingende Parallele zum Schweizerfranken und zum Zollvertrag mit der Schweiz. Liechtenstein kündigte 1919 den Zollvertrag und 1920 den Postvertrag mit (Rest-)Österreich, schloss mit der Schweiz 1920 den Postvertrag und 1923 den Zollanschlussvertrag. Ab dem 1. Februar 1921 war Liechtenstein schweizerisches PTT-Inland, bis 1999 der Postvertrag aufgelöst und die PTT-Dienste in Liechtenstein verselbständigt wurden. Äusserliches Zeichen dafür ist die Telefonvorwahl für Liechtenstein, die damals von 075 auf 00423 wechselte. Ohnehin war im Postwesen alles in Bewegung durch technische Beschleunigung, Liberalisierung, Privatisierung und Umstrukturierungen. Längst vorbei sind die oft romantisch verklärten Zeiten des «Lindauer Boten».