Deutschkenntnisse der Kindergartenkinder

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Regierungsrätin Dominique Hasler hatte mehrere kleine Anfragen zu beantworten.

Kleine Anfrage des Landtags-Abg. Alexander Batliner an Regierungsrätin Dominique Hasler

In der Oktober-Session des Landtags stellte der Abg. Alexander Batliner an Regierungsrätin Dominique Hasler u.a. eine Kleine Anfrage zu sprachlichen Defiziten bei vielen Kindergartenkinder.

 

Auf Seite 9 des Berichts und Antrags Nr. 93/2020 zur Abänderung des Lehrerdienstgesetzes kann nachgelesen werden: «Waren es früher nur vereinzelte Kinder im Kindergarten, welche sprachliche Defizite aufwiesen, so sind dies heute teilweise mehr als die Hälfte der Kindergartenkinder.» Im Koalitionsvertrag FBP-VU für die Mandatsperiode 2017 bis 2021 steht auf Seite 9: «Stärkung der Deutschkenntnisse fremdsprachiger Kinder bereits vor Eintritt in den Kindergarten (Frühförderung), unter anderem durch den Einbezug der Eltern mit geeigneten Mitteln.»

Frage:

  1. Welche konkreten Massnahmen wurden während dieser Legislatur vom Ministerium für Inneres, Bildung und Umwelt eingeführt und umgesetzt, um dieser Passage im Koalitionsvertrag nachzukommen?
  2. Worin liegen die Gründe für diesen massiven Anstieg an sprachlichen Defiziten bei über der Hälfte der Kindergartenkinder?
  3. In der Interpellationsbeantwortung Nr. 11/2015 betreffend Kindergartenpflicht fremdsprachiger Kinder werden in Bezug auf die Frühförderung sieben Projekte aufgeführt. Zusammenfassend wird festgehalten, dass die Ziele der frühen Förderung auf die Schnittstelle ‹Kindergarteneintritt› ausgerichtet seien. Was ist falsch gelaufen, dass trotz dieser Vielzahl an Projekten und trotz dieser Zielsetzung ein solcher Anstieg an sprachlichen Defiziten bei Kindergartenkindern zu verzeichnen ist?

Zu Frage 1:

Frühe Förderung ist eine Querschnittsaufgabe, welche grundsätzlich beim Ministerium für Gesellschaft und beim Amt für Soziale Dienste angegliedert ist, jedoch in Bezug auf sprachliche Frühförderung sinnvollerweise mit dem Schulamt koordiniert wird. Dabei übernehmen auch die Gemeinden eine sehr wichtige Aufgabe.

Bereits im Jahr 2012 wurde mit einem Pilotprojekt in Eschen-Nendeln angefangen und in den letzten Jahren wurden an insgesamt sieben Standorten Angebote der sprachlichen Frühförderung aufgebaut. Neben Eschen-Nendeln waren dies: Mauren-Schaanwald, Schaan, Planken, Vaduz, Triesen und Balzers. Es handelt sich dabei um kostenlose Eltern-Kind-Angebote für Kinder vor ihrem Kindergarteneintritt. Das Schulamt unterstützt die Schulen in ihrem Engagement, Kinder und ihre Bezugspersonen auf die – nicht nur sprachlichen – Herausforderungen im Kindergarten vorzubereiten und steht in ständigem Austausch mit der Koordinations- und Beratungsstelle frühe Förderung des Eltern Kind Forums. Insgesamt konnten im Schuljahr 2018/19 an allen Standorten 224 Veranstaltungen durchgeführt werden. Total haben 1’302 Kinder und 940 erwachsene Begleitpersonen daran teilgenommen. Davon waren gut 70% der Kinder nichtdeutscher Muttersprache.

Ebenso erarbeitet Liechtenstein Languages Materialien für Eltern-Kind-Deutschkurse und führt parallel zum Angebot «Spielkiste» im Bereich der sprachlichen Frühförderung einen Kurs durch. Auch werden Weiterbildungskurse für Lehrpersonen im Bereich der sprachlichen Frühförderung Angeboten, die überdies auch für andere Fachpersonen beispielsweise aus Spielgruppen und Kindertagesstätten zugänglich sind.

Zu Frage 2:

Geprägt wurde dieser Anstieg Anfang der 90er Jahre mit der ersten Flüchtlingswelle, die nach dem Balkankrieg nach Liechtenstein kam. In den letzten fünf Jahren war ein Anstieg von Teilnehmern im Intensivkurs Deutsch als Zweitsprache zu verzeichnen. Dieser stand im Zusammenhang mit der europäischen Flüchtlingskrise. Sowohl die Flüchtlingswelle als auch deren Familiennachzug haben in der Zwischenzeit wieder abgenommen, wodurch sich auch der Anstieg von Teilnehmenden im Intensivkurs Deutsch als Zweitsprache wieder nivelliert hat.

Die sprachlichen Defizite sind in den letzten Jahren nicht massiv angestiegen. Es gibt jedoch Gemeinden wie z.B. Vaduz, wo durchschnittlich über alle Standorte ca. 40% der Kinder nichtdeutscher Muttersprache sind. Dies hängt auch mit dem Standort des Flüchtlingszentrums zusammen. Andererseits gibt es Gemeinden, in denen der Anteil Kinder mit Deutsch als Zweitsprache konstant sehr niedrig ist wie beispielsweise Schellenberg, Triesenberg, Planken und auch Ruggell. Im Durchschnitt erhalten landesweit 20-25% der Kinder an den Gemeindeschulen Zusatzunterricht in Deutsch.

Kinder mit Deutsch als Zweitsprache werden erst ab Kindergarteneintritt systematisch erfasst. Durch die Angebote der sprachlichen Frühförderung, welche an den Schulen angegliedert sind, erhalten die Schulen aber einen Eindruck über die sprachlichen Fähigkeiten und Förderbedürfnisse, welche diese Kinder bei Kindergarteneintritt noch aufweisen. Sie können im Kindergarten entsprechend auf diese Bedürfnisse mit Ergänzungsunterricht und Zusatzunterricht in Deutsch als Zweitsprache reagieren.

Zu Frage 3:

Aufgrund der Migration und aufgrund von Flüchtlingsströmen sind Schwankungen nichts Ungewöhnliches. Auf solche gesellschaftlichen Entwicklungen hat die Schule keinen Einfluss. Es ist jedoch Auftrag des Staates die Kinder im Bereich der frühen Förderung und anschliessend im Bildungssystem bestmöglich in der Entwicklung von ihren Potenzialen zu unterstützen.

Die sprachliche Frühförderung ist ein wichtiger Teil der frühen Förderung, aber nicht der einzige. In der frühkindlichen Bildung müssen die verschiedenen Kompetenzen gesamthaft betrachtet werden. Motorischer, emotionaler, sozialer, musischer und sprachlicher Kompetenzerwerb werden gemeinsam und ganzheitlich gefördert.

Deshalb besteht in Liechtenstein ein vielfältiges Angebot. Durch den Besuch von Spielgruppen, Kindertagesstätten, das Angebot von Eltern-Kind-Deutschkursen und die sprachliche Frühförderung an den Gemeindeschulen werden die verschiedenen Kompetenzen der Kinder gezielt gefördert. Zudem finden regelmässige Vernetzungstreffen der verschiedenen Institutionen und Beteiligten statt, um das Angebot der frühen Förderung kontinuierlich den Unterstützungsbedürfnissen entsprechend weiterzuentwickeln.