Intensiv geführte S-Bahn-Diskussionen

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Seit rund 15 Jahren steht die S-Bahn-Liechtenstein auf der politischen Agenda. Intensive Planungsarbeiten, aber auch verschiedene Verzögerungen haben dazu geführt, dass die entsprechende Absichtserklärung zwischen Liechtenstein und Österreich erst im April 2020 unterzeichnet werden konnte. Der Landtag hat dem Projekt im Juni schliesslich mit 18 Stimmen grünes Licht erteilt und dem Volk den Finanzbeschluss vorgelegt.

Seit die Meinungsbildung zur S-Bahn Liechtenstein Anfang Juni endgültig in die heisse Phase getreten ist, dominiert dieses Thema die Leserbriefspalten der Landeszeitungen. Ausserdem ging die Regierung mit ihren coronabedingt auf zehn Gemeinden verteilten Veranstaltungen neue Wege in der Information der Bevölkerung. Regierungschef-Stellvertreter Daniel Risch sowie Experten aus der Verhandlungsdelegation mit Österreich und aus der Wirtschaft ging es dabei darum, die grösseren Zusammenhänge zum Mobilitätskonzept 2030 aufzuzeigen. Die S-Bahn ist eines der darin enthaltenen zehn Leitprojekte, die zusammen mit 48 Einzelmassnahmen dafür sorgen sollen, dass Liechtenstein auch in Zukunft nicht im Verkehr erstickt und sowohl die Lebens- als auch die Standortqualität erhalten bleiben. «Das Verkehrsproblem können wir nur mit einem ausgewogenen Mix an Massnahmen lösen. Die S-Bahn ist dabei ein erster Schritt und nur, wer den ersten Schritt tut, kann auch den zweiten gehen», sagte Regierungschef-Stellvertreter Risch bereits im April.

Breite Front der Unterstützer
Unterstützung erhalten hat der Infrastrukturminister unter anderem von allen elf Gemeindevorstehern, der LIHK, der Wirtschaftskammer, der VU und der FBP, welche eine Ja-Parole für die Abstimmung ausgegeben haben, sowie von der Freien Liste und der neu formierten IG Mobiles Liechtenstein. Auch Erbprinz Alois hat sich explizit für die Realisierung des Projekts ausgesprochen. Die Befürworter führen unter anderem die Solidarität mit kommenden Generationen ins Feld, aber auch mit den Nachbarstaaten und -regionen, welche auch zum Vorteil der Einwohner Liechtensteins Hunderte Millionen von Franken und Euro in die Verkehrsinfrastruktur investieren. Ökologische Aspekte und die Reduktion des Liechtensteiner CO2-Ausstosses spielen bei der Argumentation ebenfalls eine Rolle. Das Hauptziel ist und bleibt aber weiterhin die Entlastung der Strassen vom Pendlerverkehr.

Die Argumente der Gegner
Die Gegner der S-Bahn Liechtenstein wiederum versuchen vor allem, mit emotionalen Argumenten zu punkten – wobei sie lediglich in der Sache vereint sind. Das von den Demokraten pro Liechtenstein (DpL) zunächst angestrebte «überparteiliche» Gegenkomitee ist in seiner Überparteilichkeit unter anderem deshalb nicht zustande gekommen, weil die von den Unabhängigen (DU) abgespaltene Partei nicht mit ihren ehemaligen Mitstreitern zusammenarbeiten möchte.

Die gemeinsamen Argumente gehen jedoch dahin, dass nur die ÖBB als Betreiberin der Strecke vom Doppelspurausbau profitiere. Dafür müssten Böden enteignet werden, welche der ÖBB anschliessend «geschenkt» würden, damit diese schliesslich ein Vielfaches an Güterzügen durch Liechtenstein schleusen könne. Ausserdem argumentieren die Gegner mit den Kosten in Höhe von 71,3 Millionen Franken inklusive Mehrwertsteuer.

Das Verkehrsproblem können wir nur mit einem ausgewogenen Mix an Massnahmen lösen. Die S-Bahn ist dabei ein erster Schritt.

Daniel Risch, Regierungschef-Stellvertreter und Infrastrukturminister

Gutes Verhandlungsergebnis
Die Befürworter argumentieren hingegen mit den zahlreichen Vorteilen, die Liechtenstein aus diesen Mitteln generieren könnte. Neben dem Gewinn für den öffentlichen Verkehr führen sie an, dass Österreich sich zu einem grossen Teil an den Kosten auf Liechtensteiner Hoheitsgebiet beteiligt und auch rund 30 Prozent der Investitionen für die geplante Auflösung des Stauschwerpunkts Engelkreuzung in Nendeln übernimmt. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass Liechtensteiner Unternehmen Aufträge in einem Umfang von rund 40 Millionen Franken generieren können.