«Es mangelt an positiver politischer Kultur»

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Walter Kranz, Initiativkomitee HalbeHalbe

«Wenn die Initiative vom Volk angenommen wird, haben wir einen Punkt gewonnen, aber nicht das Match», sagt Walter Kranz von Initiativkomitee HalbeHalbe. Gleichzeitig warnt er vor der «Ja – Aber»-Strategie, unter der er die Einwände der Gegner zusammenfasst. 

Herr Kranz, eine provokative Frage als Einstieg und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Als «älterer weisser Mann» entsprechen Sie eher dem oft bemühten Klischee des Gegners der Gleichberechtigung. Was hat Sie bewogen, sich für die Initiative HalbeHalbe als Mitglied des Komitees einzusetzen?
Walter Kranz: Gerechtigkeit, vor allem soziale Gerechtigkeit war und ist mir im beruflichen und privaten Leben wichtig. Dass Frauen in politischen Gremien nicht gerecht vertreten sind, ist offensichtlich. 

Wieso braucht Liechtenstein Ihrer Ansicht nach mehr Gleichberechtigung bzw. wo mangelt es?
Es mangelt an positiver politischer Kultur. Das ist zwar auch ein Hindernis für Männer, aber ein noch grösseres Hindernis für Frauen. Ein Beispiel: Eine Politikerin hat mir geschildert, dass sie als emotional, also unsachlich, kritisiert werde, wenn sie sich für eine Sache so richtig ins Zeug lege. Wenn Männer das tun, würden sie als engagiert, also positiv, wahrgenommen. Der Hickhack-Stil in der Parteipolitik schreckt ab, Frauen noch mehr als Männer. Und dann kommen noch die groben Sachen: Wie die Landtagsdebatte um die Absetzung der Aussenministerin vor einem Jahr die Lust auf Politik beeinflusst hat, wissen wir nicht. Durch einen höheren Anteil von Frauen in politischen Gremien wird die Kultur freundlicher werden. Es wird mehr Anstand in der Politik einkehren.

Und wie könnte die Initiative HalbeHalbe im Falle ihrer Annahme zu mehr Gleichberechtigung und einer besseren Kultur beitragen? Was könnte sich konkret ändern?
Dass die Initiative zustande kam, ist allein schon ein erfreulicher Beitrag. Es wäre völlig neu in der Politik, dass die Person oder Gruppe, welche ein Problem aufzeigen, gleich auch für die Lösung verantwortlich sind. Es findet eine breite Diskussion statt über die Teilhabe der Frauen am politischen Leben. Das tut der Sache gut.

Die Initianten haben stets betont, dass der vorgeschlagene Zusatz in der Verfassung keine rechtlich einklagbaren Konsequenzen nach sich ziehen wird. Dennoch gibt es Bedenken, dass eine Geschlechterquote durch die Hintertür eingeführt werden soll. Was entgegnen Sie den Kritikern?
Die Kritiker der Initiative bedienen sich an der «JA – ABER» Strategie: «Das Ziel ist gut, aber der Zeitpunkt ist schlecht.» «Das Ziel ist gut, aber der Weg ist schlecht.» «Das Ziel ist gut, aber man kann den Initianten nicht trauen weil sie nicht zum politischen Establishment gehören.» Und so weiter. Diese Strategie ist eigentlich sehr durchsichtig und «verhebt» nicht, aber ihre Anwender fallen gerne auf sich selbst herein.

Wenn die Initiative aber keine rechtlichen Konsequenzen haben wird: Warum braucht es sie dann überhaupt?
«Mann und Frau sind gleichberechtig.» So steht es jetzt in der Verfassung. Mit dem Zusatz «Die ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in politischen Gremien wird gefördert», sind vor allem Landtag und Regierung, aber auch weitere Gremien aufgefordert die Gleichberechtigung tatsächlich herzustellen. 

Der öffentliche Tenor in den Medien, den klassischen wie sozialen, geht eher in die Richtung einer Ablehnung der Initiative. Mit welchen Argumenten würden Sie Unentschlossene von einer Zustimmung überzeugen?
Fallen Sie nicht auf die «JA – ABER» Strategie herein. Zu dieser gehört auch die Behauptung, man müsse die Verfassung vor weichen Formulierungen und «symbolischen Zeichen», so die Junge FBP, schützen. Die Verfassungsbestimmung, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind, wird durch den Zusatz nicht aufgeweicht, sondern geschärft. 

Sollte die Initiative dennoch abgelehnt werden: Was bedeutet das für das Engagement des Komitees? Werden Sie als Gruppe zusammenbleiben und allenfalls zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Vorstoss lancieren oder sich anderen bzw. ähnlichen Themen widmen?
Sportlich formuliert: Wenn die Initiative vom Volk angenommen wird, haben wir einen Punkt gewonnen, aber nicht das Match. Wird die Initiative abgelehnt, haben wir einen Punkt verloren, aber nicht das Match. Die Namen der Frau- und Mannschaften und ihre Zusammensetzungen können sich ändern, aber der Einsatz für das politische Anliegen geht weiter. Versprochen!