«Die beste Lösung ist, zurück zur Normalität»

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Wirtschaftskammer Liechtenstein zur aktuellen Lage, im Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor des Schweizerischen Gewerbebands.

Die Wirtschaftskammer Liechtenstein hat aufgrund der aktuellsten Geschehnisse rund um die Ausbreitung des Corona-Virus eine Einschätzung der jetzigen Lage beim SGV eingeholt. Der Wirtschaftskammer ist es wichtig, diese Einschätzung nicht nur den Mitgliedern, sondern auch der Öffentlichkeit mitzuteilen.

WKL: Einschätzung der jetzigen Lage; wer ist betroffen und wie sind die Auswirkungen auf diese Branchen?
Henrique Schneider: Die gewerblichen und KMU-Branchen machen eine schwierige Phase durch. Das hat zwei Gründe: Der Umsatzschwund führt zu Liquiditätsengpässen. Und trotz der Reduktion von variablen Kosten, wie Arbeit, bleiben die fixen Kosten, wie Miete, bestehen. Je länger die Situation andauert, desto stärker, und zwar überproportional, steigen die Kosten für Gewerbe und KMU an. Betroffen sind letztlich alle.

Gibt es für diese Branchen überhaupt eine nachhaltige Lösung und wenn ja welche?
Die beste Lösung ist, zurück zur Normalität. Freilich ist es nicht ein Schalter, denn man einfach umkippen kann. Es geht um eine schrittweise Normalisierung. Die bisherigen Massnahmen hatten Breitenwirkung. Das war auch gut so. Doch jetzt wäre angezeigt, mehr auf Risikogruppen zu fokussieren und die anderen wieder arbeiten zu lassen.

Welche Branchen werden zeitversetzt betroffen sein?
Machen wir uns nichts vor. Betroffen werden die allermeisten sein. Der Grad der Betroffenheit variiert aber mit dem Geschäftskonzept. Das ist heute schon so. Eine Wäscherei, die sich auf Gastro-Betriebe spezialisiert hat, ist heute schon genauso betroffen, wie die Gastronomie selbst es ist. Auch mit einer schrittweisen Normalisierung werden etwa der Bau und das Ausbaugewerbe auch betroffen sein, weil weniger Mittel für Investitionen bereit sein werden. Und selbst die Industrie, die heute noch läuft, vermeldet schon einen Rückgang des Auftragseingangs.

CH und FL KMU‘s waren seit jeher innovativ, werden diese Betriebe es auch ohne Hilfe schaffen?
Die kleinen und mittleren Unternehmen sind innovativ und flexibel genug, jeweils einen eigenen Weg zu finden. So brutal es tönt: Jede Krise hat bisher zu enormen Produktivitätsgewinnen geführt. Es liegen keine Anzeichen dafür, dass sich das nicht wiederholen sollte. Wenn man über staatliche Massnahmen nachdenken will, dann sind steuerliche Instrumente die besten. Überhaupt: Wir besteuern heute Eigenkapital und animieren die KMU dazu, Schulden aufzunehmen. Die Krise zeigt es gut: Eigenkapitalisierte Unternehmen sind stabiler. Sollte man künftig nicht das Eigenkapital steuerlich besser behandeln? Ich denke, schon.

Wie hoch wird der volkswirtschaftliche Verlust, nach heutigem Stand sein?
Frag nie einen Ökonomen nach Zahlen: Lagen die Prognosen für das weltweite Wirtschaftswachstum für das Jahr 2020 noch zu Beginn des Jahres bei etwa +3.5 Prozent, befinden sie sich nun bei 0 bis 1.5 Prozent. Für die Schweiz sieht das Staatsekretariat für Wirtschaft Seco für das Jahr 2020 einen markanten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts BIP auf ein Niveau von −1.5 Prozent (Prognose von Dezember 2019: +1.3 Prozent). Diese Zahl setzt jedoch eine rasche Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Tätigkeit voraus. Bleibt sie aus, würde die unvermeidliche Rezession noch stärker ausfallen. Für das Fürstentum Liechtenstein liegen mir leider keine Zahlen vor.

Neben allen Massnahmenpaketen seitens der Regierungen (CH/FL), rufen viele nach nicht zurückzahlenden Krediten, ist dies sinnvoll?
Wenn man bald, also kurz nach dem 19. April, Schritte in Richtung Normalisierung gehen kann, sollen Ausfallsentschädigung und Liquiditätshilfen ausreichen. Sollte diese Sondersituation weiter andauern, sind weitere Massnahmen seitens der Regierungen notwendig. Schon der Ruf nach diesen Pauschalbeiträgen seitens der Regierungen zeigt: Die aktuelle Situation ist wirtschaftlich nicht lange haltbar.

Was kann das Konsumverhalten der Bevölkerungen beeinflussen, dass auch in der “Zeit danach“ beim einheimischen vermehrt Gewerbe eingekauft wird?
Ich rechne eher damit, dass es eine Gruppe von Kundinnen und Kunden geben wird, welche das Verhalten so disponiert.

Welche Massnahmen müssen in Zukunft unbedingt ergriffen werden, um den Einkaufstourismus ins Euro-Land einzudämmen?
Auch hier gilt es, der Realität ins Auge zu schauen. Solange es Preisdifferenzen gibt, wird es Einkaufstourismus – in der Ökonomensprache heisst es Arbitrage – geben. Gründe für Preisdifferenzen gibt es viele. Die höheren Löhne im Fürstentum ist eines dieser Gründe. Aber es gibt Hebel, andere Gründe für die Preisdifferenzen abzubauen. Zum Beispiel könnte man den Mehrwertsteuerrabatt für Einkaufstourismus aufheben. Man kann auch die Direkt- und Parallelimporte für KMU stärken. Dafür kämpft übrigens in der Schweiz der sgv.

Wird es eventuell auch ein Umdenken geben, dass notwendige Zulieferketten im nationalen und nicht internationalen gesucht werden?
Auch hier bin ich skeptisch, ob dieses Umdenken stattfinden wird. Zunächst ist festzustellen, dass Liechtenstein selber insgesamt damit verlieren würde. Das Fürstentum ist stark in der globalen Wertschöpfungskette eingebunden. Würde diese mit neuen Barrieren versehen werden, hätte Liechtenstein Mühe im Export und im Import.

Eine nationale, gesamte Lieferkette, wird die Produkte verteuern, wird dies von den Konsumenten angenommen. Oder haben wir zolltechnische bzw. steuerliche Möglichkeiten, dies zu fördern (Stichwort: Heimatschutz)?
Gerade für eine Wirtschaft, die sich erfolgreich in der internationalen Wertschöpfungskette integriert hat, ist der Ruf nach Heimatschutz problematisch. In allen Ländern, wo dieser „Schutz“ ausgeprägt ist, zahlen Konsumentinnen und Konsumenten sowie KMU dafür. Man muss sich nur etwa Frankreich vor Augen führen, wo KMU-sterben eine Realität ist. Und in den USA hat Heimatschutz zum Verlust der Produktivität geführt, namentlich bei den KMU.

Und ganz zum Schluss; wo steht das Schweizer und Liechtensteiner Gewerbe im Juni 2020?
Ich hoffe, auf dem Weg zur Normalisierung und in der wirtschaftlichen Erholung.

Henrique Schneider ist stellvertretender Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv und Professor für allgemeine Volkswirtschaftslehre an der Nordakademie, Hochschule der Wirtschaft. Ausserdem arbeitet er zusammen mit dem „Geopolitical Intelligence Services“ in Vaduz. Sein neuestes Buch ist „Der Wert der KMU“.