«Ich bin ein Mensch zweier Welten»

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Jule Buehler auf dem Glanna, Alvierkette im August 2013

Die Lebensgeschichte des USA-Auswanderers Julius Bühler – sein grosses Hobby, die Liechtensteiner Auswandererfamilien

Julius («Jule») Bühler, geb. 1933, wanderte 1960 in die USA aus und machte dort als Aktienmakler bei einer Brokerfirma in Chicago Karriere. Er hat den Kontakt zu seiner Heimatgemeinde Mauren und nach Liechtenstein nie abgebrochen. Jedes Jahr besucht er seine Heimat, um sich mit seinen Verwandten, Freunden und Bekannten hierzulande zu treffen und das Neueste auszutauschen.

Jule Bühler ist heute gesundheitlich noch voll auf der Höhe. Er unternimmt Reisen, besucht auch oft Nachkommen liechtensteinischer Auswanderer und half in der Vergangenheit mit Recherchen ebenfalls mit, die Bücher von Norbert Jansen und Pio Schurti über die Auswanderer in die USA zu verfassen. Darüber hinaus deckte er die Lebensgeschichte eines in den USA der Vierzigerjahre schon namhaften Musikers auf, der 1978 mit seiner Frau in Wichita, Kansas ,brutal ermordet wurde. Julius Bühler war der Initiant für die Verwirklichung eines interessanten Films über die im Mittleren Westen der USA bekannte Persönlichkeit des Big-Band-Leaders Norman Lee, des Klarinettisten, Saxophonisten und Sängers Lee (in Ableitung «Üali»), dessen Vorfahren, Uehle, aus Mauren/Schaanwald stammten. Er drehte den Film mit Arno Oehri an den Originalschauplätzen. Wir haben Jule Bühler getroffen, und er hat uns seine Lebensgeschichte zusammengefasst. 

«Ich bin in Mauren im Ziel geboren und aufgewachsen. Nach Absolvierung der Volks- und Realschule habe ich bei der damaligen Brown Boveri in Baden eine Lehre als Kleinmechaniker gemacht, nachher in München die Ingenieurschule auf dem Gebiet der Hochfrequenztechnik absolviert, und nach zweijähriger Anstellung im Fernmeldewesen bei Brown Boveri bin ich dann im Dezember 1960 nach Amerika ausgewandert, wo ich in Chicago bei der Familie meines Onkels Johann («Hanni») Bühler, eines Bruders meines Vaters Alfred, Unterkunft fand. 

Seitdem sind es schon bald 60 Jahre her, und damals hatte ich keine grosse Mühe, mich relativ schnell im Leben in Amerika zurechtzufinden. Der Reiz lag darin, viel Neues und Interessantes kennenzulernen. 

Meine Kontakte zu Familie und Freunden in Liechtenstein blieben jedoch erhalten, und heute bin ich ein Mensch zweier Welten, fühle mich wohl auf beiden Seiten des Atlantiks. Beruflich fand ich am Anfang eine Anstellung bei der grossen Telefonfirma AT+T und dann im Finanzwesen als Aktienmakler bei einer Brokerfirma in Chicago. 

In der Freizeit intensiv mit der liechtensteinischen Auswanderung befasst
Seit den 1970er-Jahren habe ich mich in der Freizeit und nach der Pensionierung noch intensiver mit der liechtensteinischen Auswanderung nach Amerika befasst. 

Das war wohl eine der interessantesten Zeiten in meinem Leben, die Begegnung mit Landsleuten und deren Nachfahren. Den Anstoss gaben meine Recherchen für das vom Historischen Verein im Jahre 1976 herausgegebene Buch «Nach Amerika!». Da ich in Chicago lebe, war der Mittlere Wes-ten für mich von grösstem Interesse. Diese Gegend war für unsere frühen Auswanderer sehr attraktiv, waren sie doch mehrheitlich Bauern, und das Land bot den erdenklich besten Boden zum Anpflanzen. Man konnte sich bestens ernähren, was bei uns in Liechtenstein damals nicht immer der Fall war. In einem Brief von Andreas Matt, ausgewandert mit seiner grossen Familie im Jahre 1863 von Mauren nach Guttenberg, Iowa, schrieb dieser an seinen Lehrer in Mauren, «wir alle haben Arbeit und genug zum Essen auf dem Tisch». 

Guttenberg und Dubuque in Iowa, Wabash und Floyds Knobs in Indiana sowie die Gegend um O’Neill in Nebraska sind nur ein paar Beispiele interessanter, ländlicher Orte, an denen sich unsere Landsleute angesiedelt haben. 

Natürlich boten auch die grossen Städte wie Chicago, Milwaukee, Cincinnati etc. gute Lebensmöglichkeiten. Nach Floyds Knobs kamen Batliner aus Eschen, unsere ersten dokumentierten Auswanderer. Ich besuche heute noch Nachfahren von diesen Batliner, und, interessant, auf dem katholischen Friedhof von St. Mary of the Knobs befinden sich drei Grabsteine nebeneinander, der eine mit der Inschrift «Batliner», der nächste mit der Inschrift «Bartliner» und der dritte mit der Inschrift «Botliner». Diese Batliner sind nah verwandt, jedoch hatten sie scheinbar Probleme mit der Namensverwechslung und, kurzum, änderten sie den Namen. Wabash und Guttenberg waren meine ersten Anlaufziele. In Wabash hatte ich schon von Liechtensteiner Auswanderern gehört. 

Mit den Alber-Nachkommen sehr befreundet
Ich hatte dort einfach im Telefonbuch nach liechtensteinisch klingenden Namen gesucht, und über Jahre entwickelten sich dann freundschaftliche Beziehungen, besonders mit Alber-Familien. Drei Brüder und eine Schwester dieser Familie kamen um das Jahr 1848 von Mauren dorthin. 

Philipp, einer der drei Brüder, wurde Bierbrauer, gründete zusammen mit seinem Schwager, dem Mann seiner Schwester Magdalena, die Alber-Rettig-Bierbrauerei mit einer jährlichen Kapazität von 30 000 Fass Bier. Das war eine Unmenge, die dann in Wabash und Umgebung mit Ross und Wagen vertrieben wurde. Ich kannte noch die Enkelin von Philipp, Elizabeth («Molly») McGee-Alber, die mir viel über ihn und ihre Nana, Barbara
Alber-Hilti, erzählte. Ich fragte sie einmal, was es so bei den Grosseltern zu essen gegeben hat, und ohne lange nachzudenken, sagte sie mir: «Manchmal Kratzete (Kaiserschmarren).» Dubuque und Guttenberg, am Mississippi gelegen, waren flussaufwärts, von New Orleans kommend, ohne grosse Schwierigkeit zu erreichen. 

Im Jahre 1851 brachte das Segelschiff Jersey über 50 Liechtensteiner Auswanderer an Bord nach New Orleans, wo vermutlich die grösste Anzahl davon auf einem Dampfer den Mississippi hinauf nach Iowa fuhr. 

Josef Vogt und Christian Frommelt wurden Bürgermeister
Besucht man den Friedhof von Guttenberg, findet man auf den Grabsteinen Namen wie Frommelt, Nigg, Wille, Büchel, Vogt, Matt, Uehle etc., die damals dort lebten. Sie waren auch dort in der Politik tätig, ein Josef Vogt und ein Christian Frommelt wurden Bürgermeister. Wo immer ich Landsleute oder deren Nachfahren traf, habe ich nach Briefen gefragt, die sie oder deren Vorfahren aus Liechtenstein erhalten haben. Ich hatte manchmal Glück, solche zu bekommen, speziell in einem Fall in einer rattenverseuchten Scheune in Wabash, wo ich Briefe und Dokumente von den Alber fand. 

Die Norman Lee-Uehle-Story mit tödlichem Ausgang
Eine der interessantesten Entdeckungen ist die von Big-Band-Leader Norman Lee-Uehle, dessen Urgrosseltern im Jahre 1865 von Mauren nach Guttenberg ausgewandert waren. Ein Brief mit Zeitungsausschnitten über ihn, welche ich durch meine Recherchen von einem nahen Verwandten von ihm erhalten habe, gab mir Ansporn, Normans Lebensgeschichte aufzudecken. Kurz gesagt: Er war ein bekannter Musiker, der tragischerweise zusammen mit seiner Frau in Wichita, Kansas, im Jahre 1978 brutal ermordet wurde. Norman war ein fantastischer Big-Band-Leader, Klarinettist, Saxophonist und Sänger, der schon in den 1940er-Jahren in der Band des populären Eddy Howard im bekannten Aragon Ball Room in Chicago spielte. Nach dem Tode von Eddy übernahm Norman dessen Band und zog mit ihr nach Wichita. Ich war fasziniert, und sofort nach Erhalt des Briefes kontaktierte ich den Cotillion Ball Room in Wichita und erhielt wertvolle Hinweise. Von seiner ehemaligen Sekretärin bekam ich Schallplatten von ihm zugesandt, die ich mit nach Liechtenstein nahm und meinem Cousin Benno Marxer von der Liechtenstein Big Band vorspielte. Er war sofort begeistert, und wir kamen zum Entschluss, aus dieser Geschichte etwas zu machen. Mit der Idee, einen Dokumentarfilm über Norman zu drehen, wurde der Künstler und Filmemacher Arno Oehri aus Ruggell in die Sache eingebunden, und wir gingen dann zusammen zum damaligen Maurer Vorsteher Johannes Kaiser, der schnell überzeugt war, dass wir für die Gemeinde etwas Interessantes hatten, und er versprach finanzielle Unterstützung, welche dann der Gemeinderat gewährte. Mit zusätzlichem Geld von privater Seite konnte der Dokumentarfilm «The Norman Lee Story» realisiert werden, der im Jahre 1999 im Maurer Gemeindesaal vor vollem Haus zum ersten Mal gezeigt wurde. 

Das sind nur einige Begebenheiten aus meiner Liechtensteiner Auswanderertätigkeit in Amerika. Alle meine gesammelten Briefe, Audio- und Videoaufnahmen sowie der Rest meiner gesammelten Dokumente sind im Liechtensteiner Landesarchiv aufbewahrt.»