Verkannt und angeprangert: Wie beider Gentechnologie Fortschritt verhindert wird

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S.D. Prinz Michael von und zu Liechtenstein während seines Referats bei der Gottfried von Haberler Konferenz 2019 in Vaduz

XV. Gottfried von Haberler Konferenz in Vaduz mit internationalen Fachexperten

 

Seit Jahrtausenden nutzt der Mensch biotechnologische Verfahren – trotzdem ist der Begriff Biotechnik für die breite Öffentlichkeit weitgehend unklar. Genauso wie bei der seit Jahren kontrovers diskutierten Gentechnik mögen die Gründe für eine gewisse Reserviertheit in der Gesellschaft unter anderem in verfälschten oder gänzlich fehlenden Informationen darüber liegen. Sechs international führende Wissenschaftler und Experten widmeten sich am Freitag bei der Gottfried von Haberler Konferenz dem Thema «Wenn Vermutungen zum Urteil werden: Die Gentechnologie am Pranger.» An der Universität Liechtenstein folgten über 140 geladene Gäste den Vorträgen der Spezialisten.

 

Vaduz-18. Mai 2019. Seit Jahrtausenden nutzt der Mensch biotechnologische Verfahren –trotzdem ist der Begriff Biotechnik für die breite Öffentlichkeit weitgehend unklar. Genauso wie bei der seit Jahren kontrovers diskutierten Gentechnik mögen die Gründe für eine gewisse Reserviertheit in der Gesellschaft unter anderem in verfälschten oder gänzlich fehlenden Informationen darüberliegen.

Sechs international führende Wissenschaftler und Experten widmeten sich am Freitag bei der Gottfried von Haberler Konferenz dem Thema «Wenn Vermutungen zum Urteil werden: Die Gentechnologie am Pranger.» An der Universität Liechtenstein folgten über 140 geladene Gäste den Vorträgen der Spezialisten.

«Das Verhältnis der Gesellschaft zur Biotechnologie ist abstrus: Obwohl wir sie seit Jahrtausenden nutzen und sie einen unverzichtbaren Platz in unserem täglichen Leben einnimmt, stehen ihr viele Menschen extrem skeptisch, oft sogar ablehnend gegenüber», sagte S.D. Prinz Michael von und zu Liechtenstein, Präsident der ECAEF und Gastgeber der Konferenz. «Sicherlich kann die Gentechnik als wichtige Methode der Biotechnologie nicht alle unsere gesundheitlichen und ökologischen Probleme lösen, aber sie kann gewiss einen grossen Beitrag leisten. Dazu muss jedoch weiterer Fortschritt gefördert und nicht behindert werden. Die Ressentiments der Gesellschaft durch transparente und wissenschaftlich fundierte Informationen auszuräumen ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.

»Die Internationale Gottfried von Haberler Konferenz wird einmal im Jahr von der European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF) ausgerichtet und fand bereits das 15.Mal in Folge statt. Sie endete am Freitagabend mit dem traditionellen Empfang auf Schloss Vaduz.

 

Das Wichtigste aus den einzelnen Referaten:

 

I.D. Prinzessin Therese von und zu Liechtenstein–wissenschaftlich fundierter Dialog über Biotechnologie

 

.D. Prinzessin Therese von und zu Liechtenstein

Den Auftakt der Veranstaltung machte I.D. Prinzessin Therese von und zu Liechtenstein mit ihrem Vortrag «From Vaccination to Gene Therapy: What does modern Biothechnology do». Die promovierte Biologin ging darin auf die lange Tradition der Biotechnologie und deren nützliche –und häufig verkannte –Anwendungen ein. «Die meisten sind sich dessen nicht bewusst, aber seit die Menschen sesshaft geworden sind, beschäftigen wir uns mit der Biotechnologie. Das Brauen, Brotbacken, die Zucht für die Landwirtschaft und die Haustiere sind Beispiele für Prozesse, die unter den Begriff der Biotechnologie fallen», erläuterte I.D. Prinzessin Therese von und zu Liechtenstein. «Diese traditionellen biotechnologischen Anwendungen verwenden lebende Organismen in ihrer natürlichen Form, während in der modernen Biotechnologie eine fortgeschrittenere Modifikation des biologischen Systems oder des Organismus verwendet werden kann.» Heute wird die Biotechnologie zum Beispiel zur Entwicklung neuartiger Medikamente und Therapien genutzt und in der Landwirtschaft eingesetzt. Dank Gentechnik können bei Nutzpflanzen Ernteerträge und Nährstoffqualität verbessert, die Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge erhöht und der Einsatz von Insektiziden reduziert werden. Trotz solch positiver Effekte ist Gentechnik äusserst umstritten. Dabei könnte der Nutzen nach Ansicht der Referentin noch viel grösser sein. Das Leben von Millionen von Patienten mit unheilbaren Krankheiten könne verbessert, Hunger und Unterernährung bekämpft und die Umwelt durch einen geringeren Einsatz von Insektiziden geschützt werden. I.D. Prinzessin Therese von und zu Liechtenstein plädiert deshalb für mehr Transparenz und Aufklärung: «Daher ist es wichtig, Aufschluss über Missverständnisse zu geben und einen wissenschaftlich fundierten Dialog in den Mainstream-Medien zu führen.»

Henry I. Miller –wie Regulierungen die Wissenschaft behindern

Dass das Potenzial moderner Biotechnologie bei Weitem nicht ausgeschöpft werden kann, sieht der US-amerikanische Mediziner und Wissenschaftler Henry I. Miller in der Überregulierung und dem aggressiven Antagonismus eigennütziger Aktivisten begründet. In seinem Vortrag «Tales of Woe: how regulation has destroyed entire sectors of biotechnology» bedauerte er, dass dadurch ganze Bereiche des «genetic engineering» schlicht verhindert werden. Als Beispiele nannte er die Entwicklung biorationaler Pestizide, die Prävention von Frostschäden bei Getreide oder die Verhinderung von durch Insekten übertragene Krankheiten. Bedenken über die Risiken molekularer Techniken zur Genveränderung hätten zu Regulierungen geführt, die alleine durch den Prozess oder die Technik und nicht aus dem Produkt selbst resultierten, also aus den Charakteristika des modifizierten Organismus. «Das ist ein unglücklicher Präzedenzfall, dessen Vermächtnis die Regulierungen weltweit noch heute heimsucht», so Henry I. Miller. Er ist der Ansicht, dass viele Bereiche der Biotechnologie das Potenzial gehabt hätten, «the Next Big Thing» zu schaffen, wären sie nicht durcheine falsche, unwissenschaftliche Regulierung behindert worden. «Wenn wir die Genialität von Wissenschaftlern in der akademischen Welt oder in der Industrie entfalten wollen, brauchen wir eine vorurteilsfreie Politik, die das jahrhundertelange nahtlose Kontinuum der Technologien zur genetischen Verbesserung aller Arten von Organismen berücksichtigt.»

Klaus Ammann –unwissenschaftliche Stigmatisierung der Gentechnologie

Auch der Schweizer Botaniker und emeritierte Universitätsprofessor Klaus Ammann bemängelte in seinem Vortrag «Überforderte Gesetzgeber: Was unterscheidet konventionelles und genomisches Züchten? » den unwissenschaftlichen Umgang mit der Gentechnologie. Grundsätzlich gebe es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen natürlicher Mutation und moderner Transgenese. Die Ablehnung der Gentechnologie bei Pflanzen beruhe nicht auf wissenschaftlichen Prinzipien, sondern auf einer «psychologisch verführerischen Stigmatisierung», wie sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder anzutreffen sei–zum Beispiel habe sie in der Vergangenheit auch Bevölkerungsgruppen wie Juden, Afroamerikaner oder isolierte Gruppen von Muslimen, Christen oder Buddhisten getroffen. Gegenwärtig werde nun die Gentechnologie mit unwissenschaftlichen, geradezu «öko-faschistischen» Begründungen abgelehnt. «Es ist an der Zeit, diese mitunter von naivem Aberglauben und Unkenntnis geleiteten Behauptungen beim eigentlichen Namen zu nennen, auch wenn sie manchen Gemütern als völlig übertrieben erscheinen mag», so Klaus Ammann. Die absurde Ablehnung der Juden sei anfänglich ähnlich begründet gewesen. «Diese ideologisch gefärbte Blindheit ist bedauerlicherweise heute wieder in der rein emotionalen Ablehnung der Gentechnologie anzutreffen, die in ihrer ebenso populären wie verantwortungslosen Ablehnung in bedrückender Weise an den Antisemitismus vergangener Zeiten erinnert.»

Agnès Ricroch –rationaler Dialog über gentechnisch modifizierte Organismen

Die französische Pflanzenwissenschaftlerin Agnès Ricroch bemängelte in ihrem Referat «Only evidence matters! Towards a rational dialogue on GMOs», dass die Öffentlichkeit weder einen Zugang zu präzisen wissenschaftlichen Informationen, noch ein entsprechendes Verständnis von der Landwirtschaft und Agrar-Biotechnologie hat.

«Das kann schnell zu einem ethischen Problem werden, wenn es durch die Verzerrung von Beweisen verstärkt wird», sagte Agnès Ricroch.  Ein gutes Beispiel sei das weit verbreitete Gerücht über die Sterilität von Saatgut und die Einschränkungen von Züchtern und Landwirten. Vor allem über das Internet würden viele Tatsachen zum Thema gentechnisch modifizierter Organismen, kurz GVO (genetisch veränderter Organismus),verbreitet, die schwerwiegende Folgen für die akademische Forschung und das öffentliche Wissen hätten. «Während jahrzehntelang wissenschaftliche Fakten gesammelt wurden, besteht die Herausforderung nun darin, diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen», sagt Agnès Ricroch. Nur so könne ein rationaler Dialog übergentechnisch modifizierte Organismen gelingen.

Graham Brookes –mit Biotechnologie gegen Umweltbelastung kämpfen

Genau solche präzisen Informationen, nämlich zu den Umweltauswirkungen der Nutzung von Pflanzen-Biotechnologie in der weltweiten Landwirtschaft, lieferte der britische Agrarökonom Graham Brookes in seinem Referat «On biotech crops, environmental impact and climate change». Die Einführung gentechnisch modifizierter Pflanzen in der Landwirtschaft vor über 20 Jahren habe laut Brookes dazu geführt, dass 671.4 Millionen Kilogramm weniger Pestizide gespritzt werden mussten (-8.2 Prozent), wodurch die Umweltbelastung durch Herbizide und Insektizide um 18.4 Prozent gesunken ist. Ausserdem konnte durch den Einsatz von Biotechnologie der Kraftstoffverbrauch bei der Bodenbearbeitung reduziert werden, was zu einer deutlichen Verringerung von Treibhausgasemissionen geführt hat. Im Jahr 2016 beispielsweise waren die CO2-Einsparungen vergleichbar mit16.7 Millionen Autos, die von der Strasse genommen wurden. Eine verbesserte Schädlings- und Unkrautbekämpfung ermöglichte es vielen Landwirten  darüber hinaus, die Ernteerträge zu steigern. Landwirte konnten mehr produzieren, ohne zusätzliche Flächen zu nutzen –was den Druck verringert, biodiverse Flächen in landwirtschaftlich genutzte Flächen umzuwandeln. «Seit über 20 Jahren nutzen Landwirte weltweit Biotechnologie im Getreideanbau, aktuell pflanzen mehr als 18 Millionen Landwirte pro Jahr gentechnisch veränderte Pflanzen an», führte Graham Brookes aus. «Diese Saat-Technologie hat den Landwirten dabei geholfen, Pflanzenschutzmitteln effizienter einzusetzen, was nicht nur die Auswirkungen auf die Umwelt verringert, sondern auch Zeit und Geld spart.»

Matin Qaim –Armutsminderung und nachhaltige Ernährungssicherung durch GVOs

Den Abschluss der Gottfried von Haberler Konferenz machte Matin Qaim, deutscher Professor für Agrarökonomie. In seinem Vortrag «Können GVOs helfen, die Welt zu ernähren?» gab er einen Überblick über bisherige Anwendungen gentechnisch veränderter Organismen (GVOs) mit besonderem Augenmerk auf die Entwicklungsländer und ging dabei auch auf politische und gesellschaftliche Herausforderungen ein. Die ersten GVO-Pflanzen wurden Mitte der 1990er Jahre auf den Markt gebracht, im Jahr 2017 wurde etwa 13Prozentder globalen Ackerfläche mit GVOs angebaut, vor allem mit herbizidtoleranten und insektenresistenten Pflanzen. Studien belegen laut Qaim, dass der GVO-Anbau bereits in der Vergangenheit zu Steigerungen der landwirtschaftlichen Erträge und Einkommen sowie zur Armutsreduktion im Kleinbauernsektor beigetragen hat. In der Zukunft kann für Qaim die Entwicklung und Nutzung neuer Agrartechnologien eine der Massnahmen sein, die helfen, den Hunger bis 2030 zu beenden–eines der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Neue GVO-Merkmale –wie Trockentoleranz, verbesserte Stickstoffeffizienz und höhere Mikronährstoffgehalte –werden derzeit im Feld getestet und könnten noch grössere soziale Nutzeneffekte mit sich bringen. In der öffentlichen Debatte allerdings würden die Nutzenpotenziale von GVOs tendenziell unterbewertet, während Technologierisiken überbewertet werden. «Neue Methoden der Genom-Editierung könnten die Effizienz der Pflanzenzüchtung noch weiter erhöhen, auch ohne dass dabei Gene über Artgrenzen hinwegübertragen werden müssen», sagt Matin Qaim. «Kombiniert mit anderen Technologien können GVOs einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Ernährungssicherung und Armutsminderung leisten.»

Carlos A. Gebauer –Wissenschaft und Forschung zulassen

Bereits am Vorabend der Konferenz hielt der deutsche Jurist, Historiker, Journalist und Autor Carlos A. Gebauer bei einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Torkel ein Referat über Gentechnologie, Gesetzgebung und die Freiheit der Forschung mit dem Titel «Keine Biofortifikation ohne Intelligenzfortifikation». Intelligenzfortifikation bedeutet für Gebauer, Wissenschaft und Forschung zuzulassen, freie Informationen durch Lehren und Lernen zu verbreiten und Realitätskontakte durch Eigenverantwortlichkeit zu verstärken. Wo die Gefahr besteht, dass Forscher unkontrolliert Experimente durchführen und Erfindungen machen, die anderen schaden könnten, reicht für Gebauer in aller Regel ein einziges Korrektiv: Was immer ein Wissenschaftler ersinnt und in die Welt bringt, muss zuerst an sich selbst angewendet, getestet, gegessen oder geschluckt werden. Wenn er an sich selbst und an die Richtigkeit seiner Arbeit glaubt, dann wird er das zu tun bereit sein. Auf diese Weise kommen gute und sichere neue Produkte in die Welt und die künftigen Nutzer sind vor Abirrungen bestmöglich geschützt.

ECAEF in Kürze

European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF) ist ein liberaler Think Tank mit Sitz in Vaduz/Liechtenstein. ECAEF begrüsst die Tradition der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und fördert durch verschiedene Aktivitäten das Verständnis für die Theorien und das Wissen dieser Denkschule. ECAEF steht ein für Selbstverantwortung, Unternehmertum, freie Marktwirtschaft und ein sinnvolles Mass an staatlichen Aktivitäten. Mit der Gottfried von Haberler Konferenz möchte ECAEF der Öffentlichkeit eine andere Perspektive auf wirtschafts -und gesellschaftspolitische Entwicklungen aufzeigen und zur positiv-kritischen Auseinandersetzung mit relevanten Zeitthemen anregen. Das Ziel von ECAEF ist, auf wirtschaftspolitische Entwicklungen aufmerksam zu machen und aus der Perspektive der Österreichischen Schule der Nationalökonomie Lösungsmöglichkeiten resp. Alternativen für Probleme unserer Zeit aufzuzeigen.