Krankenkassenprämien OKP: Gezielte Desinformation!

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Krankenkassenprämien sind wie das Wetter ein ständiger Gesprächsstoff. Die meisten reden davon, und die wenigsten haben eine Ahnung, wie Änderungen zustande kommen – bei den Krankenkassenprämien wird das durch eine gezielte Desinformation vonseiten der zuständigen Stellen noch unterstützt.  

Text: Dr. Hansjörg Marxer

 

Den Versicherten wird ständig vorgemacht, dass die Prämien wegen der Abzockerei der Ärzte extrem hoch seien. Eigentlich müsste im Ministerium und bei den Krankenkassen bekannt sein, dass die Prämien im Ausland bei geringerem Leistungsangebot deutlich höher sind als bei uns. Allerdings hilft in Liechtenstein der Staat durch einen erheblichen Beitrag, die Prämien tief zu halten. Bei den Arbeitnehmern kommt noch die Prämienentlastung durch den Arbeitgeberbeitrag dazu. 

Die Daten aus der Krankenkassenstatistik und weitere Informationen über zu erwartende Einflüsse auf die Kosten bilden eine Grundlage zur Prämiengestaltung für das kommende Jahr. Wenn aufgrund besonderer Ereignisse eine massive Prämiensteigerung notwendig wäre, kann dies durch einen Rückgriff auf die Reserven gemildert werden.

Neu wird eine «mittlere Prämie» berechnet, gemäss welcher anstatt einer 0,1%igen Prämiensteigerung (Standardprämie) eine Prämienreduktion von 0,7 % resultiert.

Verzerrte Information der Versicherten!
Aus den erwarteten Kosten ergab sich unter Berücksichtigung von Staats- und Arbeitgeberbeiträgen sowie der Zahl der Versicherten die bisherige «Standardprämie». Hier ist der nächste Ansatzpunkt für eine verzerrte Information der Versicherten: Neu wird eine «mittlere Prämie» berechnet, gemäss welcher anstatt einer 0,1%igen Prämiensteigerung (Standardprämie) eine Prämienreduktion von 0,7 % resultiert. Dieses Schönrechnen soll die Verhältnisse besser abbilden, da verschiedene Versicherungsmodelle mitberücksichtigt werden. Im Wesentlichen geht es dabei wohl um die Prämieneinsparungen, die Versicherte durch die Wahl einer höheren Kostenbeteiligung erhalten. Diese Reduktion der mittleren Prämie ist eine Folge der Entsolidarisierung in der Sozialversicherung. 15 % der Versicherten erkaufen durch das theoretische Risiko einer höheren Kostenbeteiligung sowie durch eine Mehrbelastung der Kranken eine Prämienreduktion. Es wäre wünschenswert zu erfahren, wie viele Versicherte sich für die jeweiligen Kostenstufen entschieden haben. 

Reserven auf Kosten der Versicherten aufgebläht
Die Reserven sind für einen Ausgleich von Spitzenbelastungen vorgesehen. Aus dieser Zweckbestimmung ergibt sich wohl der Wert für die gesetzliche Minimalreserve. Die Reserven wurden aber in den letzten Jahren von den Kassen auf Kosten der Versicherten übermässig aufgebläht. Neuerdings wird versucht, neben der Aufgabe, nicht vorhersehbare Kostenspitzen abzufangen, zusätzlich eine möglichst lange dauernde Absicherung der Leistungszahlungen zu sichern. Aktuell könnte die Concordia offenbar aus den Reserven die Kosten für fünf Monate bezahlen. Das wird gelegentlich damit verglichen, dass die AHV mehrere Jahre ihrer Verpflichtung nachkommen könne. Dieser sachlich falsche Vergleich basiert auf der Unkenntnis der Unterschiede zwischen den Krankenkassen und der AHV. Die AHV hat vom Gesetzgeber festgesetzte Renten auszuzahlen, die Krankenkassen haben das Risiko für variable Kosten gesetzlich vorgesehener Leistungen zu tragen. Hier steht eine klassische Rentenkasse einer klassischen Risikoversicherung gegenüber.

Die Reserven sind eine Absicherung bei unerwarteten Ereignissen wie zum Beispiel einer Pandemie. Ein Anheben der Reserven wäre zu prüfen, wenn gemäss objektiven Daten ein höheres Risiko abgedeckt werden müsste. Demgegenüber muss die von Krankenkassenseite kürzlich geforderte Absicherung grösserer Verlustrisiken auf den Finanzmärkten durch eine Anhebung der Reserven entschieden abgelehnt werden.

Auch bei vergleichsweise tiefen Prämien müssen die Kosten unter Kontrolle gehalten werden. Die tariflichen Mittel sind ausgeschöpft. Weitere Massnahmen dürften nicht zulasten der Qualität (Versorgungssicherheit, Ausbildungsgrad des Medizinalpersonals) erfolgen.