Blick in die digitale Zukunft

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v.l.: Claudia Campera von Avatarion Technology, Richard Quaderer vom Forschungs- und Innovationszentrum RhySearch und der Landtagsabgeordnete Mario Wohlwend posieren mit Pepper, dem humanoiden Roboter, der die Gäste im Vaduzer Saal begrüsste.

Der Digital Summit Liechtenstein, konzipiert als Konferenz für digitale Entscheider, bot bei seiner ersten Ausgabe hochkarätige Referenten auf. Zukunftsforscherin Karin Frick, ETH-Präsident Lino Guzzella und Regierungschef-Stellvertreter Daniel Risch wagten vor 400 Gästen im Vaduzer Saal einen Ausblick in das digitale Morgen.
Text: Stefan Lenherr

Die Digitalisierung ist in unseren Breitengraden längst angekommen und prägt in Form von E-Mails, WhatsApp, E- und Mobile-Banking, Amazon, Netflix und vielem mehr das Alltags-, Konsum- und Kommunikationsverhalten vieler Menschen. Dennoch wird der Begriff Digitalisierung aktuell so oft gebraucht, dass kaum mehr zu überblicken ist, was damit eigentlich ge-meint ist. Für ETH-Präsident Lino Guzzella ist das Wort auch nicht unbedingt dafür geeignet, die aktuellen Zukunftsfragen zu beschreiben. Schliesslich habe die Digitalisierung mit den ersten Digitalrechnern und Computern bereits vor über 50 Jahren begonnen, hielt er in seiner Keynote am ersten Digital Summit Liechtenstein vom 20. September 2018 im Vaduzer Saal fest. Was das heutige Zeitalter der Digitalisierung in erster Linie präge, sei die rasante Entwicklung in den Bereichen Hardware und Software, woraus sich völlig neue Anwendungsmöglichkeiten
ergeben.

Guzzella beschrieb, wie sich der damalige Schachweltmeister Garry Kasparov im Jahr 1997 dem IBM-Computer Deep Blue geschlagen geben musste und dies weit herum Ängste auslöste, der Mensch könnte bald durch Maschinen ersetzt werden. Dabei sei Deep Blue keineswegs intelligent gewesen, sondern hatte lediglich die Fähigkeit, viele tausende Schachzüge im Voraus zu berechnen, was selbst den klügsten und vorausschauendsten Schachmeister naturgemäss in die Bredouille bringt. Heute, über 20 Jahre später, sieht die Sachlage nochmals ganz anders aus. «Was wenn leistungsfähige Hardware, fantastische Software und die Möglichkeit, in Echzeit auf Daten in beliebiger Menge zugreifen zu können, zusammen kommen? Werden wir dann alle ersetzt?», fragte Lino Guzzella die rund 400 digitalen Entscheider im Saal, bevor er die Antwort darauf gleich selbst gab: «Das kann sein, ich aber glaube das nicht.» Allerdings werde, so der ETH-Präsident, früher oder später alles automatisiert werden, was dank den neuen technischen Möglichkeiten automatisiert werden kann. «Und das ist gut so. Menschen sind nicht dazu gemacht, rein repetitive Tätigkeiten auszuführen. Dafür sind wir viel zu wertvoll, dafür ist das Leben viel zu kurz.»

Angst vor der digitalen Arbeitslosigkeit
Die Ängste in weiten Teilen der Bevölkerung, ein Computer oder Roboter könnte ihnen den Arbeitsplatz streitig machen, versuchte der ETH-Präsident mit einem Beispiel zu zerstreuen, das weit in der Vergangenheit liegt. Vor 200 Jahren waren über 95 Prozent aller Menschen in der Landwirtschaft tätig, rechnete Guzzella vor. «Heute sind es in der Schweiz weniger als 3 Prozent. Die restlichen 97 Prozent wurden ja auch nicht alle arbeitslos.» Zwar sei die Trennlinie noch nicht ganz klar zu erkennen, aber es gebe Dinge, die der Mensch auch in Zukunft viel besser wird können als eine Maschine. Verantwortung übernehmen, das Empfinden von Moral und Ethik, Kreativität, Ideen entwickeln: All das werde auch künftig dem Menschen vorbehalten sein, dessen Gehirn so viel komplexer als Maschinenintelligenz sei. Die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen und kreativ neue Lösungen zu entwickeln, «das wird noch lange das Vorrecht der Menschen sein. Man muss es aber üben und schulen», so Guzzella. Hier sieht er die ETH als Speerspitze in der Schweizer Bildungslandschaft oder wörtlich: «Wir sind zuständig für die intellektuelle Landesversorgung der Schweiz.» 

Ein digitales Standbein
Sowohl die Schweiz als auch Liechtenstein müssten sich neben der Exportwirtschaft unbedingt ein digitales Standbein aufbauen. Was es dafür braucht? Laut ETH-Präsident Guzzella müssten zu aller erst die nötigen Ressourcen verfügbar gemacht werden, um Start-ups Anschubhilfe geben und in die Bildung investieren zu können. Daneben brauche es Offenheit: «Wir müssen schauen, dass wir nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt als hochattraktiver Arbeitsplatz gelten, damit wir die klügsten Köpfe hier her bringen können.» Angesichts des enorm hohen Lebensstandards und der Wirtschaftsleistung sei es schlicht nicht möglich, die benötigten Arbeitskräfte einzig und allein aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Als Drittes braucht es laut Guzzella Föderalismus statt zentralistischer Strukturen, sowohl im Staatswesen als auch in den Unternehmen. Kompetenzen sollten dort angesiedelt werden, wo das Fachwissen vorhanden ist. In diesem Bereich sei die Schweiz zwar gut aufgestellt, «allerdings herrscht totaler Investitionsnotstand. Die Leute müssen wieder mehr Mut haben.» Denn, so Lino Guzzella zum Abschluss: «Wenn wir uns nicht bewegen, werden wir bewegt werden. Die Welt um uns herum steht nicht still. Im Gegenteil: Es herrscht eine ungeheure Dynamik.» In diesem Zusammenhang fand er auch lobende Worte für Liechtenstein, das mit der Standort-
Initiative Digital Liechtenstein die drängenden Zukunftsfragen aktiv angehe und daran arbeite, die Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte weiter zu schreiben. 

«Digitale Gipfel sind nur gemeinsam zu erklimmen»,
sagte Regierungschef-Stellvertreter Daniel Risch.

Mensch und Maschine
Die liechtensteinische Zukunftsforscherin Karin Frick widmete sich in ihrer Keynote am Digital Summit in Vaduz der Frage, wie wir in Zukunft im Zusammenspiel mit Maschinen unsere Entscheidungen treffen. Denn es wird gemäss Frick nicht mehr nur darum gehen, die neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen, um Prozesse zu beschleunigen und die Logistik zu verbessern, sondern vielmehr darum, unserem «alten Gehirn» durch künstliche Intelligenzen dabei zu helfen, die Hyperkomplexität, die durch die Digitalisierung entsteht, zu durchdringen. Im Gegensatz zu Maschinen ist schliesslich kein Mensch dazu in der Lage, Terabytes an Daten in Sekundenschnelle zu durchforsten und in kürzester Zeit daraus eine Entscheidungsgrundlage abzuleiten. 

Karin Frick führte ein Beispiel an, weshalb es sinnvoll werden wird, künstliche Intelligenzen in den Arbeitsalltag zu integrieren und verwies dabei auf einen Wettbewerb, den die Columbia University im vergangenen Jahr durchgeführt hatte. Angetreten sind intelligente Maschinen gegen eine Gruppe von Juristen. Das Ziel war, in einer Reihe von Dokumenten eingebaute Schlupflöcher in Geheimhaltungsklauseln zu finden. Die menschlichen Wettbewerber fanden diese zu 86 Prozent, die künstlichen Intelligenzen (KI) zu 95 Prozent. Erschwerend hinzu kam, dass die Juristen im Durchschnitt 90 Minuten, die KI jedoch nur 26 Sekunden dafür benötigten. Folglich wäre es laut Frick nur vernünftig, für gewisse Aufgaben intelligente Maschinen einzusetzen. «Das heisst nicht, dass die Maschinen die Menschen ersetzen sollen. Aber den Menschen wird, wenn uns die Maschinen gewisse Routinen abnehmen, mehr Zeit für Klienten bleiben oder Dinge, die wir schon immer tun wollten, aber bisher keine Zeit dafür hatten.» 

Auch im Gesundheitsbereich
Auch im Gesundheitsbereich wird es laut Karin Frick klug sein, intelligente Maschinen einzusetzen. Aus den Daten, die moderne Pulsuhren an den Handgelenken von Menschen erfassen, kann schon heute abgeleitet wer-den, dass eine Grippe im Anflug ist – und das zwei Tage, bevor sie ausbricht. Wenn man heute von Predictiv Maintenance spricht, ist gemeint, dass der Zustand von in Betrieb befindlichen Geräten bestimmt wird, um vorauszusagen, wann Wartungsarbeiten durchgeführt werden sollten. In Zukunft könnte das auch für den Menschen gelten. 

Angst und Bange könnte einem angesichts dieser Zukunftsaussichten werden, wenn man dabei künstliche Intelligenzen aus Science-Fiction-Filmen vor Augen hat. Diese lehnen sich meist gegen ihre Erschaffer auf und nehmen die Rolle scheinbar übermächtiger Bösewichte ein. Tatsächlich werden künstliche Intelligenzen laut der Zukunftsforscherin aber in unterschiedlichen Farben und Formen kommen, weshalb wir eine differenzierte Diskussion führen sollten. Im Grunde gehe es um die Frage, wie Menschen im Zusammenspiel mit intelligenten Maschinen bessere Arbeit leisten könnten. 

v.l. Daniel Bargetze vom Vaduzer Medienhaus, Mirjam Hummel von WWP, Matthias Bieber von FL1 und Philipp Radel von WWP beim Netzwerken im Rahmen des Digital Summit.

«Gipfel gemeinsam erklimmen»
Regierungschef-Stellvertreter Daniel Risch betonte in seinem Schlusswort die Wichtigkeit der Plattform digital-liechtenstein.li, welche an Veranstaltungen wie dem Digital Summit die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Politik zusammenbringt. Denn: «Digitale Gipfel sind nur gemeinsam zu erklimmen.» Es gehe nun darum, Nägel mit Köpfen zu machen und die
Digitalisierung dem Bürger näher zu bringen und greifbar zu machen. Während viele Unternehmen sogenannte «digital labs» einrichteten, um neue Dinge auszuprobieren, biete es sich in Liechtenstein angesichts der kurzen Wege in der Verwaltung und der Kleinheit des Landes geradezu an, sich als «national digital lab» zu positionieren. «Bei uns können neue Dinge viel schneller als anderswo Realität werden», so Risch. Schliesslich gab er noch einen Ausblick auf den Digitaltag, der am 25. Oktober erstmals in Liechtenstein stattfindet.

v.l. Michael Wildi von Inficon, Joëlle Loos von Neidhart + Schön Group und Jürgen Hilti von THF unterhielten sich bestens.

Interaktive Workshops
Einen wesentlichen Aspekt des Digital Summit Liechtenstein bildete neben den Keynotes der Erfahrungsaustausch und die Wissensvermittlung aus der Praxis. Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, ganz individuell ihr eigenes Programm zusammenzustellen. Bei den Workshop-Sessions vermittelten Experten den Teilnehmern die neusten Entwicklungen im Online-Marketing, Cybersecurity und Industrie 4.0. Die Workshops fanden in enger Zusammenarbeit mit IBM, Oerlikon Balzers, Google, Co Agency sowie FL1 und der Universität Liechtenstein statt. 

Aushängeschild von digital-liechtenstein.li
Die Konferenz Digital Summit ist ein Aushängeschild der Standort-Initiative digital-liechtenstein.li, welche den Wirtschaftsstandort Liechtenstein massgeblich in der digitalen Transformation und Innovation unterstützt. digital-liechtenstein.li vernetzt Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, um den Wirtschaftsstandort Liechtenstein in den Übergang ins digitale Zeitalter zu begleiten. Die Standortinitiative wurde im November 2017 offiziell lanciert. Inzwischen engagieren sich rund 40 Unternehmen und Organisationen bei digital-liechtenstein.li.
Getragen wird die Initiative auch von der Regierung Liechtensteins und sie steht unter dem Patronat von S.D. Erbprinz Alois. Die Initiative vernetzt die massgeblichen Entscheidungsträger und vermittelt Erfolgsbeispiele aus der Praxis. Sie verfügt ausserdem über ein hochkarätig besetztes Board und erarbeitet derzeit eine Roadmap, um konkrete Handlungsempfehlungen für Wirtschaft und Politik im Digitalbereich aufzuzeigen.
Nächster Meilenstein der Initiative ist der Digitaltag am 25. Oktober, wobei Vaduz erstmals als offizieller Standort des Schweizer Digitaltags fungiert. Die Partner von digital-liechtenstein.li präsentieren im Kunstmuseum Liechtenstein sowie an weiteren Standorten im Vaduzer Städtle digitale Innovationen und Trends aus Liechtenstein. Sämtliche Aktivitäten am Digitaltag in Vaduz sind kostenlos und öffentlich zugänglich.

 

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