Lehre oder Matura? Die Frage beschäftigt Jugendliche und Eltern gleichermassen. Werner Kranz, Leiter des Amts für Berufsbildung und Berufsberatung, erklärt, weshalb beide Bildungswege in Liechtenstein gute Perspektiven bieten und warum das Handwerk nach wie vor den sprichwörtlichen goldenen Boden hat.
Text: Heribert Beck
Am 1. August hat in Liechtenstein für 352 Lernende ihre Berufsausbildung begonnen. Zuvor haben sie mit der Berufswahl eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben junger Menschen getroffen. Die weitaus meisten haben sich für eine Ausbildung zum Kaufmann beziehungsweise zum Kaufmann entschieden. Doch die folgenden Plätze (siehe Tabelle) zeigen, dass auch Pflege und Handwerk guten Zulauf haben. Insgesamt zeigen die Zahlen den nach wie vor hohen Stellenwert der dualen Bildung, wie auch Werner Kranz, der Leiter des Amts für Berufsbildung und Berufsberatung (ABB), betont. Er sagt: «Die Schulabgängerzahlen auf der Sekundarstufe I, also aus Ober- und Realschulen, 10. Schuljahr und der Privatschule Formation sowie der Waldorfschule, haben leicht abgenommen. Das Ausbildungsangebot der heimischen Wirtschaft im Bereich der Berufslehre ist mit rund 400 Ausbildungsplätzen pro Jahr aber konstant geblieben.»
Innerhalb dieses Angebots hätten sich jedoch Verschiebungen ergeben. Besonders das Gewerbe und der Gesundheitsbereich haben ihr Ausbildungsangebot ausgebaut. Im Gewerbe stieg die Zahl der Lehrstellen in den vergangenen zehn Jahren um rund 4 Prozent, im Gesundheitsbereich um 2 Prozent. In Industrie, Banken und Treuhand blieb es hingegen weitgehend konstant. Für Werner Kranz bedeutet dies: «Heute zeigt sich eher eine Differenzierung. Während klassische Bürolehrberufe vielleicht nicht mehr automatisch attraktiver sind, gewinnen technische und spezialisierte Handwerksberufe zunehmend an Wertschätzung und Arbeitsmarktbedeutung. Die Vorstellung, dass das Handwerk generell an Bedeutung verliert, wird häufig dramatischer dargestellt als es die tatsächliche Entwicklung rechtfertigt.»

Erfolgsmodell dank Durchlässigkeit und Dualität
Auch die häufig geäusserte Vermutung, der Trend gehe immer stärker weg von der Berufslehre und hin zur gymnasialen Ausbildung, relativiert Werner Kranz. Das liechtensteinische Bildungssystem sei bewusst so aufgebaut, dass verschiedene Bildungswege offenstehen und sich gegenseitig ergänzen. «Sie stehen nicht im Wettbewerb, sondern sind als Ergänzung anzusehen, denn beide Wege führen zum Ziel – zum Einstieg in die Berufswelt.» Entscheidend sei die hohe Durchlässigkeit des Bildungssystems. Wer sich zunächst für eine Berufslehre entscheide, könne sich später ebenso weiterqualifizieren wie Absolventinnen und Absolventen einer gymnasialen Ausbildung.
Dass dieses Modell funktioniert, zeigen gemäss Werner Kranz auch die Zahlen. Rund 70 Prozent der Abschlüsse entfallen auf die berufliche Grundbildung, etwa 30 Prozent auf die gymnasiale Maturität. Dank der vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten lag die gesamte Maturitätsquote im Jahr 2022 dennoch bei rund 45 Prozent. Für den Amtsleiter sind diese Werte Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz beider Bildungswege. Während in vielen europäischen Ländern derzeit grosse Anstrengungen unternommen würden, das duale Berufsbildungssystem überhaupt erst aufzubauen, verfüge Liechtenstein gemeinsam mit seinen Nachbarländern seit Jahrzehnten über ein anerkanntes Erfolgsmodell. Auch auf dem Lehrstellenmarkt zeigt sich eine positive Entwicklung. Anders als vielfach vermutet, ist die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Angebot und Nachfrage hätten sich zunehmend angenähert, sodass heute mehr Lehrstellen erfolgreich besetzt werden könnten.
Alle Wege bieten gute Berufschancen
Eine wichtige Rolle bei der Berufswahl spielen naturgemäss die Eltern. Bereits nach der fünften Primarschulklasse wechseln rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler ans Gymnasium. Der eigentliche Entscheid zwischen Berufslehre und weiterführender Schule fällt jedoch meist erst im Alter von rund 16 Jahren. Werner Kranz beobachtet dabei keine eindeutige Bevorzugung eines bestimmten Bildungswegs. Sowohl die gymnasiale Ausbildung als auch die Berufslehre genössen in Liechtenstein einen hohen Stellenwert. Gerade die Durchlässigkeit des Bildungssystems ermögliche es jungen Menschen, ihr persönliches Bildungsziel auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen.
Auch bei den späteren Berufschancen sieht Werner Kranz keinen Bildungsweg im Vorteil. «Wer eine Berufsbildung absolviert, verdient mehr als Ungelernte, unterliegt einem kleineren Risiko arbeitslos zu werden, bewältigt den Strukturwandel in Zeiten der Globalisierung vermeintlich einfacher und hat die Möglichkeit, mit Weiterbildung berufliche Karriere zu machen, da eine berufliche Grundbildung ein anschliessendes Studium nicht ausschliesst. Wer ein Studium absolviert, hat im Anschluss zahlreiche Karriereoptionen, hat gute Karriere- und Aufstiegschancen und sicherlich gute Verdienstmöglichkeiten.» Dies und die Tatsache, dass ein Studium oftmals im Ausland absolviert wird, führe zu einer gewissen Selbstständigkeit. «Zudem ist es so, dass sich bestimmte berufliche Ziele ohne ein Studium nicht erreichen lassen beziehungsweise einen entsprechenden akademischen Grad voraussetzen.»
Das Fazit von Werner Kranz lautet: «Grundsätzlich ist es nicht relevant, ob sich Jugendliche für eine berufliche Grundbildung oder ein Studium entscheiden, denn beide Bildungswege haben ihre Vor- und Nachteile. Daher sollten Jugendliche den Weg wählen und gehen, der am besten zu ihnen, ihren Interessen und Begabungen passen. Das persönlich gesetzte Berufsziel soll den Weg vorgeben und nicht umgekehrt.»


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