Anna Huber ist die älteste Schellenbergerin und wird am 23. Juli 102 Jahre alt. Über ein halbes Jahrhundert lebte Anna im Hinterschellenberg, die vergangenen 40 Jahre dann in Schaanwald. Ihre Lebensgeschichte ist beeindruckend – ihre Kindheit, als Mutter, als leitende Angestellte, als Frau im 20. Jahrhundert überhaupt. Sie verdient Hochachtung und eine grosse Wertschätzung. Ein Bericht von einem Besuch im Altenheim.
Ich besuchte Anna Huber im LAK-Haus St. Peter und Paul in ihrem in Richtung Delehala ausgerichteten Zimmer – eine sehr schöne Sicht ins Grüne mit vielen neuen Überbauungen im Hintergrund. Als Willkommgruss übergab ich Anna einen Strauss Pfingstrosen, worüber sie sich sehr freute und mir auch gleich einen Kaffee anbot. Draussen war es sehr heiss – auch im Schatten. Sonst hätte ihre Tochter Lilly sie sehr gut ins Freie bewegen können, wo sie immer wieder direkt im Zentrum die Gegend erkunden, denn in der nahe gelegenen Freizeitanlage Weiherring ist immer etwas los.
Anna wird am 23. Juli 102 Jahre alt. Sie ist im Hinterschellenberg als Tochter von Josef und Maria Huber-Kieber als zweitjüngstes Kind zur Welt gekommen. Insgesamt waren sie sieben Geschwister – drei Buben und vier Mädchen. Zwei ihrer Geschwister starben aber leider schon im Kindesalter. Ihre Eltern betrieben eine «Buurnerei» mit ein paar Kühen, Schweine und auch zwei Pferden, was nicht alle hatten.
Mit sieben Jahren ging es für Anna in die Schule – natürlich zu Fuss vom Hinterschellenberg in die Dorfmitte. Zwei Lehrer unterrichteten die acht Klassen – die Unterstufen Hubert Schreiber und die Oberstufen Roman Matt, beide aus Mauren. Die Lehrer, der Pfarrer und der Vorsteher waren die unantastbaren Autoritäten im Dorf. Aber Anna hat gute Erinnerungen an ihre Schulzeit sowie ihre Freizeit, die sich vollends im Bauernhof sowie zusammen mit den Nachbarn – ebenfalls alles «Buurnereia» – abspielte. Auch in den Jugend- und jungen Erwachsenenjahren wurde im Kreise der Nachbarn sehr viel gemeinsam gemacht. So sind Anna das traditionsreiche «Türkenausziehen» oder andere nachbarschaftliche Anlässe – am Abend auf dem Bänkle vor dem Haus sitzen und singen usw. – in sehr guter Erinnerung. «Man hat einander beim Heuen, wenn im Stall ein Kälble zur Welt kam oder bei einer Bauernarbeit, bei der man ein spezielles Handwerkgerät brauchte, immer ausgeholfen. Der Zusammenhalt in der Nachbarschaft und überhaupt im Hinterschellenberg war sehr gross», blickt Anna in diese alte Zeit zurück.
Freizeitbeschäftigungen und Hobbys gab es im Vokabular der damaligen Generation nicht. Aber lebhaft erzählt Anna von den Schlittenfahrten im Winter die Hala hinunter – das ist die Waldstrasse von Hinterschellenberg ins Schellenberger Riet auf die Talfläche von Ruggell. «Einmal bin ich Ski gefahren, es waren so lange Latten … – das war das erste und letzte Mal.» Und Anna war beim Trachtenverein Schellenberg. Auf die Tracht sei man sehr stolz gewesen.
Nach der Schulzeit trat Anna eine Arbeitsstelle in der Firma Ramco, der heutigen Ivoclar, in Schaan an. Es war zu jener Zeit in den 1930er-Jahren nicht selbstverständlich, dass ein Mädchen in einer Firma oder in einem Betrieb wie der Zahnfabrik eine Stelle antreten konnte. Der Arbeitsweg wurde im Winter mit dem Postauto und im Sommer mit dem Fahrrad zurückgelegt, und wie Anna schildert, waren es damals einfache Gefährte: ein Gang und der Rücktritt als Bremse. Im ersten Zahltagssäckle waren 15 Franken, zehn Franken musste sie zu Hause abgeben, und so konnte sie für sich 5 Franken behalten. Nebenbei musste man auch im elterlichen Bauernbetrieb kräftig Hand anlegen. Das erging allen Geschwistern und der ganzen Familie so.
Anna war eine sehr clevere und zielstrebige junge Dame, die sich bei der Ivoclar in Schaan zur leitenden Angestellten emporarbeitete. Die Firma zählte damals noch längst nicht so viele Angestellte wie heute, und Anna hatte es, wie sie erzählt, mit den Mitarbeitenden immer sehr gut. «Mit den Arbeitern bin ich immer sehr gut ausgekommen, die waren wie meine Kinder – wie eine Familie», denkt Anna gerne an diese Zeit zurück, obwohl es sehr anstrengend gewesen sei. Das wusste auch der Chef, Dr. Adolf Schneider, und so schätzte er Anna immer sehr.
In den 50er-Jahren kam ihre Tochter Lilly zur Welt. Eine alleinerziehende Mutter passte damals nicht allen ins gesellschaftliche Denkbild, und so war es für Anna – wie auch für Lilly – nicht immer leicht. Anna war – so würde man heute sagen – eine Workaholikerin. Sie stand morgens um 4 Uhr auf, machte den gemeinsamen «Zmorga» mit der Tochter, bevor diese zur Schule ging, und dann ging es zur Arbeit – wie gesagt vom Frühjahr bis Herbst täglich mit dem Rad. 25 Jahre wirkte Anna in der Ivoclar in Schaan und anschliessend sechs Jahre im Stotz in Schellenberg, wo sich die Ivoclar in der sogenannten «Lehrerwohnung» eingemietet hatte. Die Ivoclar eröffnete später in Deutschland eine Zweigstelle, wo Anna in der Startphase tatkräftig zur Verfügung stand und initiativen Einsatz brachte. Mit dem Eintritt in das Pensionsalter trat Anna eine Haushaltsstelle bei einer Frau in einer Villa in Schaan an und erledigte Heimaufträge.

Anna wohnte knapp über ein halbes Jahrhundert in Schellenberg – bis 1975 –, dann ist sie für fünf Jahre in den Rennhof nach Mauren, anschliessend vier Jahre nach Vaduz und dann ab 1984 in die Gemeinde Mauren nach Schaanwald gezogen. Schaanwald war mit über vier Jahrzehnten ihre zweitlängste Bleibe. Sie fühlte sich dort sehr wohl. Seit etwas über zwei Jahren ist sie nun im LAK-Haus St. Peter und Paul in Mauren.
Was Anna als Ausgleich zu ihrem doch harten Arbeitsleben immer sehr freute, waren die Reisen mit ihrer Tochter Lilly auf die Insel Elba, und sie ist sehr stolz auf ihre zwei Enkel und Urenkel, deren Besuche sie stets ausserordentlich freuen. «Wie wird man denn so alt und ist immer so guten Mutes? Was ist das Lebensrezept?», fragte ich Anna. Da kam es sehr spontan von ihr: «Schaffa und Duo-Kaffee trinka» – und Anna hat, dafür garantiert sie jedoch nicht hinsichtlich einer hohen Lebenserwartung, erwähnt dies aber süffisant, bis zu ihrem 99. Lebensalter geraucht.
Ich danke Anna für das wunderbare und gastfreundliche Stelldichein vor Pfingsten bei ihr im LAK-Haus in Mauren. Es war ein beeindruckendes, berührendes und höchst interessantes Gespräch mit der bald 102-Jährigen, die damit die älteste Schellenbergerin ist. Ich bringe der lieben Anna eine hohe Wertschätzung entgegen – sie ist eine herzliche, wunderbare und lebenserfahrene Frau, die eine besondere Lebensweisheit und Lebensfülle ausstrahlt.


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