Die Spitalplanung gab auch in früheren Zeiten schon Probleme

Das alte Krankenhaus von Vaduz, 1940. Foto: Adolf Buck. Das Gebäude wurde 1979 zugunsten eines modernen Baus abgebrochen.

Der geplante Neubau des Landesspitals sorgt seit der Abstimmung im Jahr 2019 für Unruhe und Probleme. Das ist nicht neu für Liechtenstein. Ein Streifzug durch die Geschichte zeigt, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten mehrere Projekte für Spitalbauten scheiterten. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Text: Günther Meier

 

Die Stimmberechtigten haben 2019 einen Kredit von 65,5 Millionen Franken für ein neues Landesspital bewilligt. Die Gemeinde Vaduz versprach zusätzlich 7 Millionen aus ihrem Spitalbaufonds, sodass gesamthaft 72,5 Millionen für ein neues Spital an einem neuen Standort zur Verfügung standen. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass dieses Kreditvolumen für das geplante Raumprogramm nicht ausreichen werde: Die Gesamtkosten wurden um 21,1 Millionen höher beziffert gegenüber dem Kredit, der von den Stimmberechtigten gutgeheissen worden war. Das Projekt wurde in der Folge überarbeitet, und mit den neu berechneten Kosten gelangte die Regierung erneut an den Landtag: In der März-Sitzung genehmigten die Parlamentarier den Nachtragskredit von 6 Millionen, sprachen sich aber gegen eine Volksabstimmung für die zusätzlichen Kosten aus. Ausgeschlossen ist eine erneute Volksabstimmung aber nicht, denn es könnte das Referendum gegen den Finanzbeschluss ergriffen werden. 

Verschiedene Spitalplanungen scheiterten im 19. Jahrhundert

Wer die Geschichte des Landesspitals Vaduz betrachtet, sieht regelmässig Probleme auftauchen, die irgendwie gelöst wurden oder gelöst werden sollten. Wer noch weiter in die Geschichte der Gesundheits- und Spitalversorgung in Liechtenstein eintaucht, kommt fast unvermeidlich zur Schlussfolgerung: Probleme gab es schon in früheren Zeiten. Angefangen von der spärlichen Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in bis zu verschiedenen Spitalplanungen, die nicht verwirklicht wurden. 

Bei der Gesundheitsversorgung hinkte das kleine, arme Fürstentum zwischen der Schweiz und Österreich, wie in verschiedenen anderen Bereichen, den Nachbarn hinterher. Allerdings gab es schon 1829 Pläne für den Bau eines Krankenhauses, um die kranke Bevölkerung medizinisch besser versorgen zu können. Die Pläne von Landvogt Peter Pokorny wurden jedoch nicht verwirklicht, wie eine Reihe anderer Vorstellungen, wie das Historische Lexikon aufzählt: Fürst Alois II. scheiterte mit einem Spitalplan im Jahr 1845 ebenso wie Landesverweser Karl Haus von Hausen in den Jahren 1861/1862 und Landtagspräsident Karl Schädler 1867, der gleichzeitig auch das Amt des Landesphysikus ausübte. 

Seinen Vorstoss zur Errichtung eines Spitals lehnte der Landtag ab, nur fünf der 15 Abgeordneten sprachen sich für eine bessere Gesundheits- oder Krankenversorgung aus. Landesphysikus Schädler hatte für den Spitalbau ein Areal im Gebiet Meierhof in Triesen vorgesehen, das damals noch praktisch unbebaut war. Stattdessen wurde der Bau von Bürgerheimen in den Gemeinden beschlossen, im Volksmund meistens Armenhäuser genannt. Die ersten Armenhäuser entstanden in Schaan, Mauren und Triesen. Das Schaaner Armenhaus sollte nach einer Verordnung der Regierung zum «öffentlichen Krankenhaus» erklärt werden, in dem auch alle Bewohner der anderen Gemeinden gesundgepflegt werden sollten. Aber diese Idee setzte sich nicht durch, die Zentralisierung des Gesundheits- oder Krankenwesens blieb vorerst ein Traum. 

Auch ein anderer Vorstoss war nicht von Erfolg gekrönt. Als Fürst Johann II. dem Land aus Anlass seiner 25 Jahre zurückliegenden Thronbesteigung ein Geschenk machen wollte, setzte sich der Landesverweser sofort dafür ein, das Geld für den Bau eines Spitals zu verwenden. Das «Landessiechenhaus», wie Landesverweser von Hausen sein Projekt unglücklicherweise nannte, sollte in Schaan errichtet werden. Geplant waren 30 Betten, davon 5 für «Irre» und 15 für «Geistesschwache». Regierung und Schaan konnten sich nicht über die Bauplatzfrage und den Betrieb einigen, zudem schreckte die Bezeichnung «Landessiechenhaus» offenbar auch viele in der Bevölkerung ab – der Plan konnte nicht verwirklicht werden. 

Fürst Johann II. wollte 1914 ein Spital bauen

Nachdem diese Planung 1884 im Sande verlaufen war, ruhte das Thema Spital wieder einige Jahre, bis Landtagspräsident Albert Schädler im Jahr 1914 einen neuen Anlauf nahm. Im Landtag erklärte Schädler, überall hätte man schöne Kirchen gebaut, nun wäre es an der Zeit, auch etwas für die Kranken zu tun – also ein längst fälliges Landeskrankenhaus zu bauen. Eine Landtagskommission befasste sich nun mit der Spitalfrage, wobei schon damals unterschiedliche Auffassungen über die Notwendigkeit eines eigenen Spitals herrschten: Die Befürworter setzten sich für ein Landesspital ein, weil ein Staat ein eigenes Spital haben sollte, die Gegner wiesen auf das Spital Grabs hin, das ganz in der Nähe die Krankenversorgung auch für die Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner übernehmen könnte. 

Fürst Johann II. schaltete sich in die Spitaldiskussion ebenfalls ein und teilte in einem Handschreiben mit, das Fürstenhaus übernehme die Kosten für den Spitalbau und stelle ausserdem noch 50’000 Kronen für den Unterhalt zur Verfügung. Damit war die Errichtung eines Landesspitals eigentlich beschlossen, nur noch die Standortfrage war zu lösen. Zwei Varianten waren in der engeren Wahl: In Schaan stand ein Gelände auf Dux zur Verfügung, Vaduz wollte das Areal zur Verfügung stellen, auf dem später das legendäre «Waldhotel» errichtet wurde. Schaan setzte sich durch, und mit dem Aushub wurde begonnen – aber dann versetzte die Geldentwertung in Österreich als Folge des Ersten Weltkrieg dem Projekt den Todesstoss. Vom «Fürst-Johannes-Jubiläumsspital», wie das Krankenhaus heissen sollte, blieb nur die Baugrube übrig, die später wieder zugeschüttet wurde. 

Der Landtag wollte im Jubiläumsjahr 1956 ein Spital

Erst 1956 kam wieder Bewegung in das Thema Landeskrankenhaus. Liechtenstein feierte
in jenem Jahr das Jubiläum «150 Jahre Souveränität». Landtagspräsident Alois Ritter brachte zum Abschluss der Landtagssitzung vom 23. August 1956 einen Antrag ein, den die Finanzkommission vorbereitet hatte. Die Regierung sollte damit eingeladen werden, aus Anlass des Jubiläums «die Frage zur Errichtung eines Krankenhauses zu prüfen, allseitig abzuklären und dem Landtag über das Ergebnis Bericht zu erstatten.» Das Parlament war sich einig, der Antrag wurde einstimmig gutgeheissen. Es gab nur eine einzige Wortmeldung. Vizepräsident David Strub stellte sich hinter Antrag und erklärte, die Errichtung eines eigenen Krankenhauses wäre «ein würdiges Geschenk an die Bevölkerung» im Zusammenhang mit dem Jubiläum. Das «Liechtensteiner Volksblatt» wusste zusätzlich zu berichten, dass sich die Ärzteschaft bereits mit der Spitalfrage beschäftigt habe. Der Plan der Ärzte, der nicht näher beschrieben wurde, geniesse nicht nur bei den Behörden, sondern auch in der Bevölkerung, «ohne jeden Unterschied der politischen Partei», grosse und täglich wachsende Beliebtheit. 

Das war’s dann aber auch. Keine Spur mehr von einem eigenen Krankenhaus, erst 1977 vereinbarte das Land mit der Gemeinde Vaduz die Übernahme des Defizits für das Vaduzer Bürgerheim, das in der Zwischenzeit zu einem Spital ausgebaut worden war. Und erst im Jahr 2000 erfolgte per Gesetz die Überführung des Vaduzer Spitals von der Gemeinde Vaduz in eine Stiftung des öffentlichen Recht mit dem Namen «Liechtensteinisches Landesspital». 

Keine Realisierung des 1973 projektierten Landesspitals in Schaan

Zwischen dem nicht verwirklichten Projekt von 1956 und dem 1977 umgestalteten Vaduzer Krankenhaus zum «Liechtensteinischen Landesspital» war nochmals ein Anlauf für ein Spital zu verzeichnen – wiederum mit Standortangebot in Schaan. Das «Liechtensteiner Volksblatt» berichtete am 21. Dezember 1967 von einer Sitzung der Landesspitalkommission, die sich für ein modernes Belegspital ausgesprochen habe. Bis etwa in 8 Jahren, schrieb das «Volksblatt», könnte ein modernes Spital in Betrieb genommen werden: Konzipiert als Belegspital, das «im Bedarfsfall kurzfristig und mit geringem Aufwand in ein Chefarztspital umgewandelt» werden könnte. Der Landtag befasste sich Mitte Dezember 1973 mit dem neuen Spitalprojekt, das in vierjähriger Vorarbeit geplant worden war. Während der Landtagssitzung zeichneten sich bei den beiden Fraktionen FBP und VU unterschiedliche Vorstellungen ab. Die FBP bezeichnete das Projekt als ausgereift und wollte sofort darüber befinden, die VU hingegen hatte Bedenken wegen der bevorstehenden Wahlen und plädierte mit Erfolg dafür, die Entscheidung dem 1974 neugewählten Landtag zu überlassen. 

Aus dem Projekt Schaan wurde wieder nichts, obwohl die Regierung in einem Bericht betont hatte, ein eigenes Spital habe nichts mit einem «Prestige- oder falsch verstandenen Souveränitätsdenken» zu tun: Vielmehr sei ein Landesspital «im Sinne einer aktiven Gesundheitspolitik» zu verstehen. 

Das Liechtensteiner Spital heute.


Modellstaat für die fitteste Bevölkerung?

Auch das Projekt «Gesundheitsstandort Liechtenstein» blieb in den Kinderschuhen stecken.

Obwohl die Geschichte der nicht realisierten Landesspitäler zur Auffassung verleiten könnte, der Gesundheitspolitik werde in Liechtenstein wenig Beachtung geschenkt, gab es durchaus Bestrebungen für eine moderne Gesundheitspolitik. Dazu zählt die von der Regierung im Jahr 2008 in Auftrag gegebene Studie «Gesundheitsmarkt und Gesundheitsstandort Liechtenstein». Unter Federführung von Karin Frick legte das Gottlieb Duttweiler Institut ein Zukunftsprogramm vor, das die Möglichkeiten für ein aktives Handeln in der Gesundheitspolitik positiv beurteilte: «Als kleines Land hat Liechtenstein ideale Voraussetzung, zum Modellstaat zu werden, zum Land mit der höchsten Lebenserwartung und der fittesten Bevölkerung.» 

Die Studie gelangte zum Schluss, dass Gesundheit als persönliche Ressource, als gesellschaftliches Kapital und als neues Statussymbol einen besonderen Stellenwert besitze. Kaum eine Branche sei um die Jahrhundertwende so stark gewachsen wie der Markt für Gesundheit und Wellness. Was Liechtenstein machen könnte, um an diesem Wachstumsmarkt teilzuhaben? Wer sich profilieren möchte, brauche klare Konzepte, egal ob im Krankheits- oder im Gesundheitsmarkt! Die Studie stellte auch die Prognose, das Thema Gesundheit werde zunehmend zum Wettbewerbsfaktor und Standortvorteil.Liechtenstein sollte sich nicht im Kern des
Gesundheitswesens zu etablieren versuchen, schlug die Studie vor, sondern Dienstleistungen für die boomende Gesundheitsbranche anbieten. 

Konkret: Private Gesundheitsvermittler könnten sich mit «health an wealth» ähnlich wie Privatbanken positionieren, indem sie Health-Management anbieten, um den Kunden zu helfen, ihre Gesundheit als höchstes Gut zu pflegen, zu fördern und richtig zu investieren. Die liechtensteinische Food-Industrie könnte zudem das Health-Food-Angebot wie Bio- oder Functional Food ausbauen und damit eine Vorreiterrolle im Markt für Prävention übernehmen. Ebenso erblickte die Studie im Markt für Medizintechnik und Medizinalprodukte einen wachstumsträchtigen Sektor, der auf dem Wissen und der Vielfalt des forschungsintensiven Industriestandortes aufbauen könnte – in enger Verbindung mit dem Know-how der Dentaltechnik-Industrie. Schliesslich hätte laut Studie auch eine Privatklinik grosse Chancen, wenn sie sich auf Herzchirurgie, plastische Chirurgie oder Anti-Aging konzentrieren würde. 

Der Studie mit den interessanten Ansätzen für den Eintritt Liechtensteins in den Gesundheitsmarkt war das gleiche Schicksal beschieden wie den verschiedenen, im vorstehenden Beitrag geschilderten Projekten für ein Landesspital.