Gemeinderat: «Ehrenvolles Amt, nicht Broterwerb»

Politologe Christian Frommelt, Direktor des Liechtenstein-Instituts

Die Parteien sind dabei, Kandidaten für die Gemeindewahlen zu motivieren und zu nominieren. Warum dies schwieriger ist als noch vor einigen Jahren und wie die Herausforderung dennoch bewältigt werden kann, erklärt Politologe Christian Frommelt. Ausserdem äussert er sich zu den Wahlchancen amtierender Mandatare und jener der Freien Liste.  

Herr Frommelt, die Gemeinderatswahlen werfen ihre Schatten voraus. Die Nominationen haben bereits begonnen. Allerdings bekennen die Vertreter vieler Ortsgruppen, dass die Kandidatensuche von Wahl zu Wahl schwieriger wird. Woran liegt dies Ihres Erachtens?
Christian Frommelt:
Die Gründe hierfür sind vielfältig. In erster Linie ist es sicher eine Frage der Grösse. In einem so kleinen Land wie Liechtenstein ist der Pool an Personen, welche sich für ein politisches Amt interessieren, einfach klein. Auf Gemeindeebene wird dieser Mangel an Ressourcen noch sichtbarer. Auch in unseren Nachbarstaaten Schweiz und Österreich gestaltet sich die Suche nach Kandidierenden bei Gemeindewahlen deshalb oft schwierig. Aber natürlich kann man nicht alles auf die Grösse schieben. Die fachliche Anforderung und die zeitliche Belastung, die mit einem Amt in der Gemeindeexekutive einhergehen, sind hoch. Mit Blick auf die zeitliche Belastung kommt hinzu, dass Gemeinderatssitzungen meist einem fixen Rhythmus folgen und so wenig Flexibilität besteht. Die öffentliche Exponiertheit als Mitglied des Gemeinderates mag auch
einige abschrecken. In der Literatur zur Schweiz werden zudem individuelle Faktoren wie eine geringe öffentliche Wertschätzung des Amts, eine bescheidene finanzielle Entschädigung, fehlender Gestaltungsspielraum sowie konfrontativer Politikstil als Gründe für die zunehmend schwierigere Suche nach Kandidierenden genannt. Diese Faktoren sind allerdings stark durch die persönliche Wahrnehmung und den konkreten lokalen Kontext geprägt. Gerade mit Blick auf Liechtenstein erachte ich das Amt als Gemeinderätin oder Gemeinderat als durchaus attraktiv und sehe auch einen gewissen Gestaltungsspielraum. 

Die meisten Kandidatenlisten sind seit einiger Zeit nicht mehr voll, leere Linien auch bei den Grossparteien eher die Regel als die Ausnahme. Gerät das Milizsystem, wie wir es kennen, auf Gemeindeebene langsam an seine Grenzen?
Nach meiner Meinung müssen die Parteien nicht volle Listen präsentieren. Klar wäre es demokratiepolitisch wünschenswert, wenn die Wählerinnen und Wähler zwischen möglichst vielen Kandidierenden aus möglichst vielen Parteien wählen könnten. Wir müssen aber realistisch bleiben. Wichtig ist vor allem, dass die Parteien fähige Kandidierende zur Wahl aufstellen, die das Amt auch tatsächlich ausüben möchten. Ob eine Liste dann voll ist oder nicht, spielt keine grosse Rolle, solange zumindest zwischen den Kandidierenden der einzelnen Parteien eine gewisse Wahlmöglichkeit besteht. Durch die oben genannten Faktoren sowie generell durch den wachsenden Individualismus in der Gesellschaft mag das Milizsystem auf Gemeindeebene tatsächlich hier und dort an seine Grenzen stossen. Gerade auf Gemeindeebene sehe ich aber schlicht keine Alternative zum Milizsystem. Die Tätigkeit im Gemeinderat wird immer nebenberuflich bleiben. Auch setzt für mich die Tätigkeit im Gemeinderat eine gewisse intrinsische Motivation voraus. Es ist ein ehrenvolles Amt und nicht ein Broterwerb.  

Was wären für Sie Auswege aus dem Dilemma?
Ich sehe drei Zugänge. Der erste bezieht sich auf die Arbeit des Gemeinderats selbst. Es ist wichtig, dass der Gemeinderat durch die Gemeindeverwaltung und natürlich auch von der Vorstehung gut unterstützt wird. Das kann den Arbeitsaufwand für den Gemeinderat wesentlich verringern. Dies gilt auch für ein konstruktives Arbeitsklima im Gemeinderat. Ein zweiter Zugang zielt darauf, bisher in der Politik untervertretene gesellschaftliche Gruppen besser anzusprechen. Ein sehr gelungenes Beispiel ist zweifelsohne das Projekt Vielfalt in der Politik, das sich vor allem für eine stärkere Vertretung von Frauen in der Politik einsetzt. Aber auch junge Menschen sind in politischen Ämtern stark untervertreten und sollten deshalb gezielter mobilisiert werden. Das Engagement in Kommissionen oder anderen Mandaten ausserhalb der Gemeindeexekutive kann dabei einen niederschwelligen Einstieg in die Politik ermöglichen. Auch eine Aufwertung der politischen Bildung in Schulen kann einen wichtigen Beitrag leisten. Verschiedene Staaten kennen zudem ein Wahlrecht für Ausländer auf Gemeindeebene. Angesichts des hohen Ausländeranteils in Liechtenstein würde dies sicherlich den Pool potenzieller Kandidierender vergrössern. Ein letzter Zugang ist schliesslich die Auseinandersetzung mit dem Image des Amts als Gemeinderat sowie generell von bürgerschaftlichem Engagement. Dort ist eine gute Kommunikation der Gemeinderatstätigkeit und damit der konkreten Gestaltungsmöglichkeiten sehr wichtig. Es gibt also schon verschiedene mögliche Ansätze – einen Königsweg gibt es aber nicht. 

In vier von sechs Oberländer Gemeinden werden amtierende Vorsteher herausgefordert. Die Chancen der Gegenkandidaten sind sicher im Einzelfall unterschiedlich. Welche Faktoren können Ihrer Erfahrung nach aber zur Abwahl eines Vorstehers führen?
Eine Abwahl einer amtierenden Gemeindevorstehung ist relativ selten. Seit 1975 – also bei den letzten zwölf ordentlichen Vorsteherwahlen – kam es lediglich sechs Mal vor, dass eine amtierende Gemeindevorsteherin oder ein amtierender Gemeindevorsteher abgewählt wurde. Letztmals war dies 2007 in Ruggell der Fall. Die Gründe sind im Einzelfall zu betrachten. Meist waren die Wahlausgänge relativ knapp bzw. wurde die Person bereits früher knapp gewählt. Es handelte sich also um Gemeinden, welche zu jener Zeit stark umkämpft waren. Generell lässt sich sagen, dass Gemeindewahlen gerade mit Blick auf die Gemeindevorstehung vor allem eine Personenwahl sind. Die persönliche Ausstrahlung und die Verankerung in der Gemeinde sind dabei sicherlich wichtige Faktoren.  

Gibt es auch einen Effekt wie den Kanzlerbonus, der es einem Herausforderer besonders schwer macht?
Die Wiederwahlchancen sind auf Gemeindeebene generell hoch. Einmal Gewählte haben im Gemeinderat eine Wiederwahlchance von 80 Prozent bei ihrer zweiten Kandidatur und bei weiteren Wahlteilnahmen steigen die Wiederwahlchancen weiter an. Mit Blick auf die Gemeindevorstehung habe ich keine konkreten Zahlen zu den Wiederwahlchancen. Für einen «Kanzlerbonus» spricht aber die oft sehr lange Amtsdauer eines Vorstehers oder einer Vorsteherin. Mein Kollege Wilfried Marxer hat dies einmal zusammengetragen. Den Rekord hält demnach Gustav Jehle, welcher 33 Jahre in Planken als Gemeindevorsteher tätig war. Insgesamt waren sieben Vorsteher mehr als 20 Jahre im Amt. Letztmals gelang dies Donath Oehri aus Gamprin. 

Mit der Jungen Liste hat erstmals eine Jugendpartei eigene Vorsteherkandidaten aufgestellt. Welche Chancen geben sie den beiden JL-Bewerbern?
Das lässt sich erst sagen, wenn das Kandidatenfeld vollständig ist und der Wahlkampf so richtig lanciert wurde. Eine Wahl wäre aber sicher eine sehr grosse Überraschung. Das gilt allerdings für alle Kandidierenden, die nicht einer der beiden Gross-
parteien angehören. 

Welche Motive stecken hinter einer solchen Aussenseiterkandidatur?
Die Kandidaturen der beiden JL-Bewerber sind zwar Aussenseiterkandidaturen. Es sind aber keine Scherzkandidaturen, wie man es aus anderen Ländern kennt. Die Junge Liste verfügt über ein politisches Programm und vertritt konkrete Werte. Die Kandidatur gibt der Partei eine Bühne, um ihre Ideen und Vorstellungen zu präsentieren. Es ist aber auch eine gute Möglichkeit, um Erfahrungen zu sammeln. Und schliesslich ist es ein wichtiges Signal für das politische Engagement von jungen Menschen. 

Die Abspaltung der Jungen Liste von der Freien Liste war eine Folge der parteiinternen Streitigkeiten nach den Landtagswahlen 2021. Welchen weiteren Einfluss könnten die Vorgänge auf das Wahlergebnis der FL auf kommunaler Ebene haben?
Es ist davon auszugehen, dass die parteiinternen Streitigkeiten noch nachwirken werden, weshalb die Freie Liste ihren Wahlerfolg von vor vier Jahren kaum wiederholen können wird. Entsprechend hat sich die FL bisher sehr zurückhaltend zu den eigenen Ambitionen geäussert. Die Herausforderung für die Partei liegt dabei wohl vor allem darin, wieder einen Pool an Personen aufzubauen, die sich für ein politisches Amt interessieren. Inhaltlich vertritt die FL weiterhin dasselbe Profil. Entsprechend hat sich auch ihre potenzielle Wählerschaft nicht gross verändert. 

Die drei kleineren Liechtensteiner Parteien stehen, sofern sie überhaupt im Gemeinderat vertreten sind, jeweils einem grossen Block der traditionellen Volksparteien gegenüber. Welchen Einfluss können ihre Vertreter auf die Gemeindepolitik nehmen?
Die tatsächliche Stärke der Einflussnahme variiert natürlich je nach Kontext und Konstellation. Nach meiner Meinung können kleine Parteien auf der Gemeindeebene aber durchaus Einfluss nehmen – sei es durch ihre Expertise oder Ad-hoc-
Koalitionen mit einer der beiden Grossparteien. Der Einfluss ist bei kleinen Parteien im Vergleich zu grossen Parteien sicher noch stärker von Engagement und Expertise abhängig und wohl auch vom Arbeitsklima im Gemeinderat. Schaut man über den Gemeinderat hinaus, können sich kleine Parteien auch in Kommissionen, Arbeitsgruppen und anderen Vereinigungen einbringen. 

In der Vergangenheit waren die Mandatsverschiebungen in absoluten Zahlen landesweit betrachtet jeweils eher gering. Womit rechnen Sie bei den Wahlen 2023?
Es ist zu früh, etwas zu sagen, da die Kandidierenden erst nominiert werden. Jede Wahl bringt Überraschungen. Dort, wo mehrere Kandidierende für das Amt der Gemeindevorstehung kandidieren, wird es sicherlich spannend. Das gilt auch mit Blick auf das Bürgermeisteramt in Vaduz. Grosse Umwälzungen im Sinne massiver Zugewinne oder Verluste einer der beiden Grossparteien sind jedoch nicht zu erwarten, und wenn, dann lassen sich daraus nur bedingt Rückschlüsse auf die Landespolitik ziehen. Der Ausgang von Gemeindewahlen bleibt stark durch den Kontext der jeweiligen Gemeinde
bestimmt.