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«Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt lernen kann»

Michaela Marxer und ihre Schülerin Julie (v. r.).

Schreiben, Lesen und Rechnen laufen für die meisten Menschen ganz automatisch ab. Wer diese sogenannten Grundkompetenzen nicht oder nicht im vollen Umfang erworben hat, stösst aber auf eine Reihe von Hindernissen bei der Bewältigung des Alltags. Michaela Marxer hat sich zwölf Jahre lang im Auftrag der Stiftung Erwachsenenbildung dafür eingesetzt, solche Defizite auszugleichen.

Am 7. Juni fand das letzte Kursmodul des Sommersemesters zum Erwerb der Grundkompetenzen statt. Schülerin Sonam erscheint pünktlich und überrascht ihre Lehrerin Michaela Marxer mit einem Blumenstrauss. «Ich freue mich, dass ich im September mit dem Deutschkurs starten kann», sagt Sonam. Damit es so weit kommen konnte, hat sie viel Zeit investiert, um zunächst lesen und schreiben zu lernen. Beim Spracherwerb kann sie wiederum von ihrer Tochter profitieren, die im August in die zweite Klasse kommt, wie sie auf Nachfrage von Michaela Marxer sagt. Diese erklärt: «Wir besprechen oft auch persönliche Themen, und ich baue den Alltag der Schülerinnen in den Unterricht ein. Als Sonams Tochter eingeschult wurde, haben wir zum Beispiel die einzelnen Punkte auf der Einkaufsliste wie Etui oder Bleistift durchgenommen.»

Individuell auf jeden Schüler zugeschnitten
Julie kommt ein wenig später zum Unterricht. Die Busverbindung erlaubt nichts anderes. «Ich wohne in Eschen und habe in diesem Kurs gelernt, meine Adresse und vieles mehr aufzuschreiben», sagt sie und zeigt das Blatt mit ihren Lernerfolgen. «In meinem Heimatland habe ich weder das Lesen noch das Schreiben gelernt. Als ich nach Liechtenstein gekommen bin, habe ich meinen Mann gefragt, wie ich es lernen kann.» Er bekam beim Amt für Soziale Dienste den Tipp, sich an die Stiftung Erwachsenenbildung zu wenden. Sehr zur Freude seiner Frau: «Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt lernen kann und werde Deutschkurse besuchen», sagt Julie.

Michaela Marxer betreute das Projekt zum Erwerb der Grundkompetenzen während zwölf Jahren, geht nun aber in Pension. «Als wir mit den Kursen begonnen haben, kamen auch viele Einheimische aus ganz unterschiedlichen Berufen», sagt die Lehrerin. Bei einem Gespräch und einer Schreibprobe fand sie heraus, wo die Probleme und Bedürfnisse der Teilnehmer liegen. «Einem Bauarbeiter muss ich nicht das Gleiche beibringen wie jemandem aus der Immobilienbranche. Daher ist der Stoff in den Kleingruppen individuell auf jeden Teilnehmer zugeschnitten. Nun hoffe ich, dass das Projekt nach meiner Pensionierung weiterbesteht und noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Denn der Erwerb der Grundkompetenzen eröffnet jedem und jeder Einzelnen so viele neue Möglichkeiten.»

Niedrige Kurskosten und Fördermöglichkeiten
Dass sich Michaela Marxers Wunsch erfüllt, ist sehr wahrscheinlich. «Es ist uns ein Anliegen, die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren. Denn Menschen, die Mühe in den Grundkompetenzen haben, sind in ihrem Alltag und im Beruf eingeschränkt und von einzelnen Lebensbereichen ausgeschlossen», sagt Sabine Frei-Wille, die Geschäftsführerin der Stiftung Erwachsenenbildung. «Wir fördern die Grundkompetenzen, weil es sich um Fähigkeiten handelt, die Menschen benötigen, um selbständig am sozialen und beruflichen Leben teilzunehmen. Durch die finanzielle Förderung können die Kurskosten tief gehalten werden. Zudem besteht die Möglichkeit, über die Homepage der Stiftung Erwachsenenbildung einen Weiterbildungsgutschein zu beantragen.»


Informationen und Kontakt
Wer sich für einen Kurs zum Erwerb der Grundkompetenzen interessiert oder jemanden vermitteln möchte, findet alle nötigen Informationen sowie die Kontaktdaten unter
www.erwachsenenbildung.li oder beim Bildungsanbieter www.steinegerta.li

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