Liechtensteins Weg in die UNO

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Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein spricht anlässlich der 46. Generalversammlung der UNO in New York am 26. September 1991. Der Fürst von Liechtenstein hatte sich entscheidend für den UNO-Beitritt seines Landes engagiert. Am 18. September 1990 bei der Aufnahme Liechtensteins in die UNO, trat der damalige Regierungschef Hans Brunhart vor der Staatengemeinschaft auf. Beide hatten sich im Vorfeld stark um die UNO-Mitgliedschaft bemüht. Der Durchbruch ist dann S.D. Fürst Hans-Adam II. gelungen. Im Bild UNO-Generalsekretär Kofi Annan (†) und Fürst Hans Adam II. (Bild: Landesarchiv)

Im Gespräch mit S.D. dem Landesfürsten zum 30-Jahr-Jubiläum des Beitritts

Am 25. September 2020 feierte Liechtenstein im Vaduzer Saal 30 Jahre Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen. Als unser Land der Völkergemeinschaft beitrat, war die UNO bereits 45 Jahre alt. Der Weg in die UNO war für Liechtenstein kein leichter. Grossen Anteil daran hatte S.D. Fürst Hans-Adam II. Er erzählt im nachfolgenden Interview unter anderem, welche Schwierigkeiten Liechtenstein zu überwinden hatte, um aufgenommen zu werden. 

Durchlaucht, Sie waren massgeblich daran beteiligt, dass Liechtenstein in die UNO aufgenommen wurde. Können Sie uns über die Hindernisse berichten, die unser Land vor dem Beitritt zu überwinden hatte?
Fürst Hans-Adam II.:
Soweit ich mich erinnere, wurde Ende der 1960er-Jahre seitens der westlichen Grossmächte ein Beschluss gefasst, keine Staaten als Vollmitglied aufzunehmen, die kleiner sind als Luxemburg. Der Grund war, dass eine Reihe von Kleinstaaten, die im Prozess der Entkolonialisierung entstanden sind, zwar UNO-Mitglieder wurden aber weder ihre Mitgliedsbeiträge bezahlt haben, noch ihre Mieten oder sonstige Unkosten ihrer Botschaften in New York. Man wollte dadurch auch ein Auseinanderfallen der ehemaligen Kolonialstaaten in Kleinstaaten verhindern mit allen damit verbundenen Problemen. Dass man Luxemburg als untere Grenze gewählt hat, was Fläche und Einwohnerzahl betraf, lag daran, dass Luxemburg ein Gründungsmitglied der UNO war. Im Fall Liechtenstein kam noch dazu, dass man nach dem Ersten Weltkrieg Mitglied des Völkerbundes werden wollte, aber eine Mitgliedschaft vom Völkerbund aufgrund der Kleinheit Liechtensteins sowie der fehlenden Armee und der Delegation von Hoheitsrechten an andere Staaten abgelehnt wurde.

Welche Rolle spielte das Fürstenhaus, respektive spielten Sie als Fürst von Liechtenstein?
Ich habe schon im Frühjahr 1963 nach einem Praktikum im amerikanischen Senat und einem Besuch bei Präsident Kennedy und bei dem amerikanischen Botschafter bei der UNO vorgeschlagen, dass Liechtenstein sich um eine Mitgliedschaft bei der UNO bemühen sollte. Senator Pell, bei dem ich mein Praktikum absolvierte, war Mitglied der aussenpolitischen Kommission des Senates, mit Präsident Kennedy befreundet sowie mit dem amerikanischen UNO-Botschafter. Deshalb wusste er, dass es bei den drei Westmächten, den USA, Grossbritannien und Frankreich, Überlegungen gab, diese Mitgliedschaft für Kleinstaaten einzuschränken, da man davon ausging, dass sie mehrheitlich mit dem sozialistischen Block stimmen werden. Mich hat damals auch noch der ehemalige Chef der CIA zum Essen eingeladen und mir gesagt, dass es auch auf republikanischer Seite solche Überlegungen gibt. 

Nach meiner Rückkehr aus Washington habe ich meinen Vater, aber auch Prinz Heinrich, über meine Gespräche in Washington und New York informiert. Soviel ich weiss, hat damals die Regierung eine UNO-Mitgliedschaft abgelehnt. Soweit ich mich erinnern kann, wegen den Kosten und weil die Schweiz auch nicht Mitglied war.

Blick in den Konferenzsaal der UNO. Foto: CC BY-SA 2.0 Patrick Gruban

Wir sind jetzt ein international anerkannter, souveräner Staat. Was vorher nicht der Fall war, und das ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich für das Überleben Liechtensteins entscheidend. 

Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein

Der Beschluss, Kleinstaaten nicht mehr als Vollmitglied aufzunehmen, ist, glaube ich, unter Präsident Johnson gefallen. Auch Präsident Nixon war dagegen. Bekanntlich kam dann Präsident Nixon wegen der Watergate-Affäre in Schwierigkeiten und es war abzusehen, dass Gerald Ford, der mit Senator Pell befreundet war, Präsident wird. Senator Pell hat mir dann einen Besuch bei Vizepräsident Ford organisiert. 

Als sich die Möglichkeit eines Besuches bei Vizepräsident Ford abzeichnete, habe ich den für uns zuständigen Mitarbeiter des State Departments nach Liechtenstein eingeladen und mit ihm das Memorandum besprochen über Liechtenstein, welches der Vizepräsident vor meinem Besuch bekommen würde. Er war dann auch der Protokollführer bei meinem Besuch im Weissen Haus. 

Vor dem Besuch im Weissen Haus habe ich noch den amerikanischen UNO-Botschafter in New York besucht, um die Einzelheiten mit ihm zu besprechen. Vor meinem Besuch in den USA hat mein Vater auch erreicht, dass Regierung und Landtag einer UNO-Mitgliedschaft Liechtensteins zustimmen, falls es mir bei meinem USA Besuch gelingt, alle Schwierigkeiten diesbezüglich aus dem Weg zu räumen. 

Das Gespräch mit Vizepräsident Ford verlief sehr positiv. Als ich ihm am Ende des Gespräches fragen wollte, ob er die Mitgliedschaft Liechtensteins bei der UNO unterstützen könnte, hat er mir gesagt, dass er seiner Frau erzählt hatte, dass er den jungen Erbprinzen von Liechtenstein treffen wird, der sich für sein Land um eine UNO-Mitgliedschaft bemüht. Seine Frau habe ihm daraufhin gesagt, dass ist das letzte europäische Land, das noch kein Frauenstimmrecht hat. Diese Information hatte mein Verbündeter im State Department aus begreiflichen Gründen im Memorandum für den Vizepräsidenten nicht aufgenommen. Ich habe dann versucht, so gut es ging, dem Vizepräsidenten zu erklären, dass Fürstenhaus, Regierung und Landtag sich für das Frauenstimmrecht eingesetzt haben, aber dass wir wie in der Schweiz die direkte Demokratie haben und dass die Männer in den verschiedenen Volksabstimmungen leider bis jetzt das Frauenstimmrecht abgelehnt haben. Ich habe dann Vizepräsident Ford gefragt, ob er trotzdem eine UNO-Mitgliedschaft Liechtenstein unterstützen würde. Er hat dann sehr gelacht und hat gesagt, selbstverständlich. Mein Verbündeter aus dem State Department, der das Memorandum verfasst hatte und Protokollführer war, war ganz erleichtert und hat sofort den amerikanischen UNO-Botschafter in New York informiert. 

Ich bin noch am gleichen Tag über New York zurückgeflogen. Ich hatte dem amerikanischen UNO-Botschafter versprochen, ihn noch bei der Botschaft zu besuchen, um ihn zu informieren, wie das Gespräch mit dem Vizepräsidenten verlaufen ist. Als ich mich bei der Rezeption der Botschaft angemeldet habe, haben die bei der Rezeption gelacht und gesagt, der Botschafter erwartet sie schon mit der guten Nachricht, und er wird selber herunterkommen, um mich in sein Büro im obersten Stockwerk hinaufzuführen. Der Botschafter kam kurz danach aus dem Lift mit einem grossen Zettel in der Hand und hat mir gratuliert. In seinem Büro haben wir dann noch die weitere Vorgangsweise besprochen, und er hat mich auch dahingehend informiert, dass nach der Zustimmung der USA auch die anderen Vetomächte einer Mitgliedschaft Liechtensteins zustimmen werden.

Überglücklich bin ich zurückgeflogen und dann kam die grosse Enttäuschung. Regierung und Landtag haben meinen Vater dahingehend informiert, dass sie die UNO-Mitgliedschaft noch einmal besprochen haben und jetzt entgegen ihrer vorher geäusserten Meinung eine UNO-Mitgliedschaft ablehnen. Als Grund haben sie angegeben, dass die Schweiz auch nicht UNO-Mitglied ist. Da hat es auch nichts mehr geholfen, dass ich der Regierung gesagt habe, dass die Schweiz eine UNO-Mitgliedschaft Liechtensteins voll unterstützt und der schweizerische Botschafter in New York, der wegen der fehlenden Mitgliedschaft der Schweiz allerdings nur Beobachterstatus hatte, mir auch gratuliert hatte.

Soweit ich das beurteilen kann, wollten Regierung und Landtag mit ihrem Verhalten damals der Welt zeigen, dass die Monarchie in Liechtenstein politisch keinen Einfluss mehr hat. Ich wollte einen Konflikt zu Lebzeiten meiner Eltern möglichst vermeiden, aber wusste, dass es früher oder später zu einem offenen Konflikt kommen wird. 

Wo befände sich Liechtenstein heute ohne Ihre Visionen und vor allem ohne Ihre Hartnäckigkeit. Noch immer im Rucksack der Schweiz?
Die liechtensteinischen Politiker hatten sich damals kaum mit der Aussenpolitik beschäftigt und waren der Meinung, was gut für die Schweiz ist, auch gut für Liechtenstein sein wird. Ich war immer anderer Meinung, nicht zuletzt im Hinblick auf die sich abzeichnende europäische Integration. Das Problem war, dass wir international als souveräner Staat nicht wirklich anerkannt waren und in der Schweiz hatten wir den Spitznamen «Kanton Übrig».

Wie profitiert Liechtenstein vom Beitritt?
Wir sind jetzt ein international anerkannter, souveräner Staat. Was vorher – wie erwähnt – nicht der Fall war, und das ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich für das Überleben Liechtensteins entscheidend. 

Wie erlebten Sie Liechtensteins Rolle in der UNO in diesen drei Jahrzehnten?
Liechtenstein als neutraler Kleinstaat mitten in Europa, der wirtschaftlich und politisch sehr erfolgreich ist, spielt in der UNO eine Rolle, die wesentlich grösser ist als man das von so einem Kleinstaat erwarten würde. Bei meinen Sondierungsgesprächen und auch am Anfang unserer Mitgliedschaft gab es von einer Reihe von Staaten erhebliche Bedenken, ob so ein Kleinstaat wie Liechtenstein überhaupt in der Lage ist, seine Pflichten als UNO-Mitglied zu erfüllen. Nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Arbeit unserer damaligen Botschafterin Claudia Fritsche hat sich das Bild in kürzester Zeit gewandelt. Sie war – so viel ich mich erinnern kann – eine der ersten UNO-Botschafterinnen, wenn nicht damals die einzige, dazu jung, intelligent, sprachbegabt mit einem sehr guten Auftreten, was dazu geführt hat, dass viele Türen für sie aufgegangen sind, die sonst zugeblieben wären. 

Was wünschen Sie Liechtenstein in seiner Beziehung zur UNO für die kommenden dreissig Jahre?
Dass wir in Zukunft ähnlich erfolgreich in der UNO mitarbeiten können wie in der Vergangenheit. Eine gute Mitarbeit in der UNO hilft uns auch in unserer Europapolitik. Ohne unsere UNO-Mitgliedschaft wäre unsere Mitgliedschaft im EWR bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Verträge mit der Schweiz kaum möglich gewesen.