«Der Krieg ist zu Ende, der Friede kommt …»

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2. September 1945: Der japanische Aussenminister Shigemitsu unterzeichnet auf dem Schiff «USS Missouri» die Kapitulation. (Wikipedia Commons)

Vor 75 Jahren endete nach sechs schrecklichen Jahren der Zweite Weltkrieg. Wie erlebte Liechtenstein die letzten Wochen und Tage des Krieges? An dieser Stelle sei vorab das Militärische herausgegriffen, dazu der Flüchtlingsandrang und die Landtagswahl 1945. 

Liechtenstein war im Krieg ungeschützt, waffenlos, neutral wie die Schweiz, an diese eng angelehnt. Es war in die schweizerische Kriegswirtschaft mit Rationierung, Kontingentierung und Mehranbau integriert. Solange die Kriegsfronten in Europa entfernt lagen, konnte Liechtenstein still im Winkel verharren. Freilich lauerte immer von aussen und auch von innen die Gefahr eines Anschlusses ans Dritte Reich. Der Kriegsverlauf zuungunsten von Hitler und Co. – Stichwörter: alliierte Landung in Nordafrika 1942, Stalingrad 1943, Landung in der Normandie 1944 – rettete auch Liechtenstein und seine Bevölkerung vor dem NS-Terror und dem Verschwinden in Hitlers Grossdeutschland und dessen «Neuem Europa». Nicht zu vergessen: Alliierte Soldaten in West und Ost starben auch für Liechtenstein.

Nach dem Überschreiten des Rheins im Elsass kämpfte sich im April 1945 eine französische Armee von Basel her rasch nördlich der Schweizer Grenze Richtung Bodensee und Vorarlberg vor – und damit immer näher an Liechtenstein. Deutsche Truppen wehrten sich. Feldkirch sollte verteidigt werden. Was bereitete Liechtenstein in dieser Lage vor?

Grenzschutz
Die liechtensteinische Regierung ersuchte die Schweiz Mitte Februar 1945 um militärischen Grenzschutz für die liechtensteinisch-deutsche Grenze. Die Schweiz beschied die Bitte aus Neutralitätsgründen zwar abschlägig, sandte aber auf den 23. April eine Kompanie Grenzwachtrekruten. Diese bewachte mit 100 Mann und 15 Offizieren nun zusammen mit der liechtensteinischen Polizei, die samt Hilfspolizei rund 60 Mann umfasste, die Grenze zum Reich. Die einheimische Polizei hatte einige Maschinenpistolen erhalten. Militärischer Schutz war das Ganze aber nicht. Es ging vielmehr darum, unkontrolliertes Eindringen von Flüchtenden zu vermeiden.

Vom 23. bis 28. April wurde in aller Eile ein Grenzzaun errichtet, von Schaanwald aus übers Maurer Riet, den Schellenberg und das Ruggeller Riet bis zum Rhein. Dafür wurden 10’000 Rollen Stacheldraht (für 180’000 Franken) aus der Schweiz geliefert. Organisiert waren für den Fall kriegerischen Übergreifens auch Sanitätsgruppen in den Dörfern, Einsätze von Ärzten, Absprachen mit dem Spital Grabs. Pro Gemeinde – ausser Planken – stand je ein «Katastrophenkoffer» mit Erste-Hilfe-Material im Kirchturm bereit.

Am 22. Februar 1945 musste der Amerikaner Robert F. Rhodes mit seinem Jagdflugzeug auf einer Kiesbank bei Schaan notlanden. (Foto Liecht. Landesarchiv)

Flüchtlingsansturm
Die Schweiz schloss am 22. April alle Grenzübergänge im Rheintal, ausser St. Margrethen und Schaanwald. Entsprechend sammelten sich an diesen zwei Zollämtern Übertrittswillige in den letzten April- und ersten Maitagen. In Schaanwald suchten täglich Hunderte, dann Tausende Einlass: Geflohene oder befreite Kriegsgefangene, Zwangsarbeitskräfte, KZ-Häftlinge – teils in schrecklichem Zustand –, liechtensteinische und schweizerische Rückkehrer, aber auch politische Funktionäre verschiedener Couleur. Am Grenzübergang kontrollierten auf Liechtensteiner Seite die Schweizer Grenzwacht und die liechtensteinische Polizei, auf Vorarlberger Seite immer noch deutsche Reichsbeamte. Am 26. April konnten 144 Personen, am 27. April bereits 423 übertreten, ähnlich in den Tagen darauf. Am 30. April waren es schon 1’065, am 1. Mai 1’108 und am 2. Mai gar 2’950, insgesamt im Laufe einer Woche etwa 7’000 Personen, die eingelassen wurden.

Viele fremde Nationen waren vertreten: besonders viele Franzosen, dann Niederländer, Belgier, Russen, Serben, Inder, Italiener etc. Sie wurden an der Grenze von Freiwilligen, vorab Pfadfinderinnen und Pfadfindern samt Fürstin Gina, verpflegt und danach von der Schweizer Grenzwacht nach Buchs weitergeführt, per Lastwagen, Omnibus oder Zug, teils auch zu Fuss. Ein Flüchtlings-Trupp marschierte singend durch Schaan. In Buchs wurden sie sanitarisch untersucht, auf weitere Standorte verteilt, so in Schulhäuser in der Stadt St. Gallen. Schliesslich leitete man sie in ihre Herkunftsländer weiter. In Schaanwald wies man einzelne Prominente zurück, so den ehemaligen Premierminister der französischen Vichy-Regierung, Pierre Laval – er wurde 1946 in Frankreich hingerichtet –, und ebenso den russischen Thronprätendenten Wladimir Kyrillowitsch Romanow – er kam davon. 

Im Land war die Hilfsbereitschaft gross, man sammelte für die Flüchtlinge, das Liechtensteinische Rote Kreuz wurde gegründet, mit der Fürstin als Präsidentin. Aufnehmen und behalten musste man die Flüchtlinge nicht. An der Grenze geschah all dies, bevor man wusste, ob der Krieg selber noch über die Grenze schwappe. Die Gefahr war real, die Nervosität gross. Umso erstaunlicher, dass jetzt gar noch der Landtag gewählt wurde.

Landtagswahlen am 29. April 1945
Dass der alliierte Vormarsch so schnell vor sich gehe, damit hatte man in Liechtenstein nicht gerechnet. In diesen Tagen, da bereits grosser Flüchtlingsandrang in Schaanwald herrschte, wählten die Liechtensteiner Männer am Sonntag, 29. April, den neuen Landtag. Denn 1943 hatte der Fürst auf Ersuchen der beiden in Koalition verbundenen Regierungsparteien FBP und VU die damals anstehenden Wahlen auf unbestimmte Zeit verschoben, um einen durch die Volksdeutsche NS-Bewegung aufgeheizten Wahlkampf zu vermeiden. Der Landtag war seit 1939 gleich besetzt. Und er war auch damals nicht durch direkte Wahl zustande gekommen, sondern durch «stille Wahl», wie es das damals neue Proporzwahlrecht aufgrund einer Vereinbarung der beiden Parteien ermöglichte, stärkemässig mit acht Abgeordneten der FBP und sieben der VU. Jetzt warben die beiden Parteien 1945 für ihre Listen. Die Bürgerpartei betonte ihre Standhaftigkeit gegen die NS-Sympathisanten, die Vaterländische Union rief zu politischem Frieden auf. Am Wahlsonntag stellten NS-Gegner in Schaan am Lindenplatz einen Galgen auf, als Warnung an NS-Anhänger. Später tauchte der Galgen dann wieder am Pfingstmontag dort auf, mit Plakaten. 

Das Resultat vom 29. April bestätigte das bestehende Kräfteverhältnis im Landtag: acht FBP, sieben VU. Übrigens hatte zwei Monate zuvor, Mitte März 1945, das Stimmvolk noch eine Erhöhung der Abgeordnetenzahl von 15 auf 21 hoch abgelehnt (1’899 NEIN, 489 JA). Nach der Landtagswahl blieb wenig Zeit zu breiter Analyse, Dringliches drängte. Später wirkte der Parteienstreit fort, ohne die Koalition zu sprengen.

Anfang Mai 1945, Ansturm am Grenzübergang in Tisis-Schaanwald.(Foto Eduard von Falz-Fein / Liecht. Landesarchiv)

Greift der Krieg über?
Am 1. Mai nahm die französische Armee Bregenz ein (Hitler hatte sich am 30. April erschossen). Tiefflieger beschossen in ganz Vorarlberg deutsche Truppen. Einzelne überflogen auch Liechtenstein, sodass Teilnehmer an 1. Mai-Prozessionen den Rückweg nicht mehr in geordneten Reihen Betender, sondern in kleinen Grüppchen unter die Füsse nehmen mussten. Am Abend des 2. Mai beschossen die Franzosen Götzis, wo am Kummenberg noch deutscher Widerstand geleistet wurde. 

Auf den nächsten Tag waren die Deutschen, verfolgt von den Franzosen, in Feldkirch und an der Grenze zu erwarten. Was tun? Am Abend des 2. Mai handelte die Regierung doppelt. Sie traf für die Bevölkerung Evakuierungsvorkehrungen. Und Regierungschef Hoop traf insgeheim einen Emissär des französischen Generals Béthouart.

Weisungen an die Bevölkerung für den Kriegsfall
Am Abend des 2. Mai trafen sich Regierung und Gemeindevorsteher im Unterland. Sie berieten und beschlossen einen «Aufruf» an die Bevölkerung mit Weisungen für den Fall «des Einbezuges des Landes in kriegerische Ereignisse». Der Aufruf wurde als Flugblatt gedruckt, am Vormittag des 3. Mai an alle Haushaltungen gegeben und auch als Plakat ausgehängt.

Die Weisungen des Aufrufs waren so konkret wie sinnvoll. Sollte der Kriegsfall eintreten, würde Sturmläuten warnen. Sogleich hätten sich alle Einwohner samt ihrem Vieh in den nächsten Wald zu begeben. Mitzunehmen wären Lebensmittel für zwei bis drei Tage, Ausweise, Wertsachen, warme Kleider, Decken. Die Häuser lasse man geöffnet, mit ausgehängten weissen Tüchern. Allenfalls zurückbleibende Männer sollten sich im Keller aufhalten und bei Ankunft von Truppen sich melden, mit weissen Tüchern und weisser Armbinde. Widerstand gegen fremde Truppen sei zu unterlassen. Die Anweisungen des Vorstehers seien strikt zu befolgen. Bis zur definitiven Besetzung Vorarlbergs solle sich die Unterländer Bevölkerung möglichst wenig auf den Feldern aufhalten. Erst nach Entwarnung durch normales Glockengeläut könne man heimkehren.

Man rechnete also damit, dass es zu zwei bis drei Kampftagen in Liechtenstein kommen könnte. Zwar merkte der Aufruf fett an, dass die Weisungen «reine Vorsichtsmassnahmen darstellen». Doch, wenig verwunderlich, rechneten am Vormittag des 3. Mai viele Familien mit dem Schlimmsten, entsprechende Angst herrschte. Und wie stellte sich die Regierung den Ablauf im schlimmeren Fall vor?

10. Mai 1945, Verabschiedung der Grenzwachtrekruten-Kompanie auf dem Schaaner Lindenplatz.
(Foto Peter Ospelt / Liecht. Landesarchiv)

Geheime Absprache mit der französischen Armee
Am gleichen Abend des 2. Mai war Regierungschef Hoop nach Buchs gefahren. Dort traf er einen schweizerischen und einen französischen Offizier. Im Einvernehmen mit den beiden Militärs setzte der Regierungschef einen Brief an General Béthouart auf, in welchem die liechtensteinische Regierung die Franzosen ersuchte, für den Fall, dass deutsche Truppen den Kampf auf liechtensteinischem Territorium fortsetzten, den Schutz Liechtensteins zu übernehmen, das Land «von feindlichen Streitkräften zu säubern» und es «nach Beendigung der Feindseligkeiten» wieder zu verlassen, unter Mitnahme der Kriegsgefangenen. Der sorgfältig abgefasste Text war zweifellos von den beiden Offizieren im höheren Auftrag vorbereitet, das entsprechende Verfahren von französischer Seite zugesichert.

Was die völkerrechtlichen Pflichten des neutralen Liechtenstein betraf: Drangen fremde Truppen ein, so war Liechtenstein angegriffen, die Neutralität entfiel, es konnte einen anderen Staat zu Hilfe rufen. Nur wurde diesbezüglich schon vor dem Eintreten des Falls insgeheim Absprache getroffen. Für Liechtenstein war wichtig, dass die Franzosen nicht lange auf seinem Territorium blieben und dass sie insbesondere feindliche Gefangene mitnähmen, damit sich Liechtenstein nicht noch mit deutschen Militärinternierten zu befassen hätte. 

Das durchaus kluge Konstrukt kam dann nicht zum Tragen. Allerdings blieb Liechtenstein eine andere Truppe zur Internierung, jene der Holmston-Russen, die «1. Russische Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht», die um Mitternacht des 2. zum 3. Mai mit 492 Personen, davon rund 450 Soldaten und Offiziere in Hitlerdeutscher Uniform, übertrat. Daraus wurde eine andere, sich lang bis 1948 hinziehende Geschichte.

Abzug der Deutschen, Krieg im Walgau, Deutsche Kapitulation
Nach dem Mittag des 3. Mai hörte man von Feldkirch her bis nach Liechtenstein eine schwere Explosion. Die abziehenden Deutschen hatten die Illbrücke gesprengt. Kurz darauf trafen von Altenstadt her die französischen Panzerwagen in Feldkirch ein. An der liechtensteinischen Grenze war damit der Krieg vorbei. Die liechtensteinischen Weisungen für den Kriegsfall an die Bevölkerung sowie die geheime Abmachung mit dem französischen General waren hinfällig.

Im Walgau zogen sich Kämpfe noch weiter hin, mit Toten, bis zum 6. Mai, von Frastanz über Bludenz bis Langen am Arlberg. Derweil war auf den 2. Mai bereits die deutsche Kapitulation für Oberitalien in Kraft getreten. Und schliesslich unterzeichnete Generaloberst Jodl am 7. Mai in Reims und Generalfeldmarschall Keitel am 8./9. Mai in Karlshorst die deutsche Gesamtkapitulation. Damit war der Weltkrieg in Europa zu Ende. Wie in der Schweiz läuteten in Liechtenstein am 8. Mai abends alle Kirchenglocken eine Viertelstunde lang. Unendliche Erleichterung und Dank füllte die Herzen.

Kriegsende in Ostasien am 2. September
In Ostasien und im Pazifik ging der Krieg indes noch monatelang weiter, bis zu den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki (6. und 9. August). Der japanische Kaiser Hirohito befahl seinem Heer am 15. August, überall den Kampf einzustellen. Am 2. September 1945 unterzeichnete der japanische Aussenminister Shigemitsu die japanische Kapitulationsurkunde auf dem vor Tokyo ankernden amerikanischen Kriegsschiff «USS Missouri». Damit erst war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Freilich nicht seine Folgen.

Die für die Nachkriegszeit befürchtete schwere Wirtschaftskrise trat in Liechtenstein nicht ein. Frieden in der Welt aber vielerorts auch nicht. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West begann. Dennoch hob 1945 eine lange Friedenszeit an, für Europa und das eingebettete Liechtenstein.

4. September 1945, die neue
Regierung mit Regierungschef
Alexander Frick (3. v. li.) und
Regierungschef-Stellvertreter
Ferdinand Nigg (1. v. li.).
(Foto Liecht. Landesarchiv)