Wer bildet unsere zukünftigen Nationalspieler aus?

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U21-Nationaltrainer Martin Stocklasa feierte am 06. Juni 2019 den historischen 1:0-Sieg seines Teams gegen Aserbaidschan.

Die Maschinerie des Liechtensteiner Fussballverbandes (LFV) funktioniert etwas anders als dies bei benachbarten Fussballverbänden der Fall ist. Wie ein junger Fussballer in Liechtenstein zu einem A-Nationalspieler heranwächst, welche Ausbildungsmöglichkeiten ihm geboten werden und wer derzeit seine Ausbildner sind, wird in einem Portrait der Jugendarbeit des LFV dargestellt.

Wie in vielen anderen Branchen zeichnet Liechtenstein auch im Fussball eine sehr spezielle und ungewöhnliche Struktur aus. Während es in anderen Ländern üblicherweise die einzelnen Fussballclubs sind, welche die Kinder und Jugendlichen ausbilden und zu Nationalspielern formen, nimmt der Liechtensteiner Fussballverband den Clubs hierzulande diese Verantwortung grösstenteils ab. Talentierte Kinder ab elf Jahren werden vom LFV in das Team FE12 berufen, die erste von insgesamt sechs Ausbildungsstufen. Die Nationalmannschaft Liechtensteins lebt von diesen eigens ausgebildeten Talenten. Denn mit wenigen Ausnahmen durchliefen alle aktuellen A-Nationalspieler zumindest einen Teil dieser Ausbildungsstufen, ehe sie den Sprung in die «Nati» schafften.

Mehrfachfunktionen der LFV-Techniker
Die sechs Ausbildungsstufen der Jugendabteilung des LFV sind in zwei verschiedene Sparten aufgeteilt. Das Projekt «Footeco» bildet die ersten drei Ausbildungsstufen FE12, FE13 und FE14. Im Anschluss absolvieren die Kinder den Bereich Spitzenfussball, wo sie von der U15 über die U16 schliesslich in die U18, die vorletzte Stufe der Ausbildungsstruktur, gelangen. Als letzte offizielle Ausbildungsstufe gilt das Team FC Vaduz 2. Diese wird hierbei allerdings nicht weiter berücksichtigt. Parallel zu den sechs Ausbildungsstufen geht der LFV auch der eigentlich ursprünglichen Bestimmung eines nationalen Fussballverbandes nach, den Nationalmannschaften. Im Jugendbereich stellt Liechtenstein derzeit eine U17- und eine U21-Nationalmannschaft. Der Unterschied zu den sechs Ausbildungsteams ist, dass in die zwei Jugend-Nationalmannschaften ausschliesslich Spieler mit liechtensteinischer Staatsbürgerschaft berufen werden. Ausserdem nehmen die Nationalmannschaften nicht wie die Ausbildungsteams am schweizerischen Meisterschaftsbetrieb, sondern an internationalen Qualifikationsturnieren der UEFA teil.

Unter der Obhut des Sportdirektors René Pauritsch betreibt der LFV derzeit also insgesamt acht Teams im Jugendbereich und stellt den Junioren 18 Trainer bzw. Ausbildner zur Verfügung. «Grundsätzlich besteht jedes Team aus einem Haupttrainer, einem Co-Trainer sowie einem Torhütertrainer. Um eine überschaubarere Anzahl an Mitarbeitern zu bewahren, setzen wir gewisse Trainer in zwei, teilweise sogar drei verschiedenen Teams ein», erläutert Pauritsch. Diese Doppel- und Dreifachfunktionen einzelner Trainer stellen den Fussballguru aus der Steiermark allerdings auch vor eine weitere Herausforderung. 

Am Beispiel des langjährigen LFV-Trainers Michael Koller wird dies deutlich. Koller ist aktueller Haupttrainer der U18 sowie Co-Trainer der A-Nationalmannschaft und war ausserdem als Haupttrainer für die U17-Nationalmannschaft vorgesehen. Da sich heuer einzelne Spiele der A-Nationalmannschaft mit dem Qualifikationsturnier der U17 kreuzen, wurde Koller vorübergehend als U17-Trainer abgezogen und stattdessen ein anderer LFV-Trainer interimistisch mit dieser Aufgabe betreut. Während den Zusammenzügen der A-Nationalmannschaft fehlt Koller zudem als Haupttrainer bei der U18, wo in dieser Zeit sein Co-Trainer die Leitung übernimmt. «Es ist ein ständiges Hin- und Herjonglieren der Trainer. Einem guten Gesamtüberblick und einer vereinfachten Zusammenarbeit zuliebe lohnt es sich aber, das Trainerpersonal gering zu halten», so der Sportdirektor.

Im internationalen Vergleich müssen wir aus quantitativ sehr wenigen Talenten qualitativ das Bestmögliche herausholen.

René Pauritsch, Sportdirektor

 

Nachwuchsförderung durch «Footeco»
Mit dem 2012 lancierten Projekt zur Nachwuchsförderung «Footeco» möchte der LFV in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Fussballverband neue Impulse setzen. Die neue Ausbildungskultur für den Elitefussball zielt auf die Entwicklungsphase zwischen 11 und 13 Jahren ab, welche für die jungen Fussballer in Bezug auf die physiologische und technische Entwicklung sehr wichtig ist. Ziele von «Footeco» sind es, die jungen Spieler nicht zu früh zu selektionieren und nicht die physisch stärksten Spieler (meist im ersten Halbjahr geboren) stärker zu fördern, sondern auch technische und spielerische Elemente zu berücksichtigen. Zentrale Prinzipien wie Respekt, Fairplay, Spielfreude und die Art und Weise gegenüber dem Resultat zu priorisieren stehen im Vordergrund. 

Die früheren U12-, U13- und U14-Teams des LFV wurden entsprechend dem «Footeco»-Projekt in FE12, FE13 und FE14 umbenannt. Unter der Führung von Ressortleiter «Entwicklung», Simone Troisio, der sich auch für die Sichtung der FE12-Spieler und die LFV-Sportschüler verantwortlich zeigt, hat der LFV für diese drei Ausbildungsstufen jeweils zwei Ausbildner je Team vorgesehen. Lothar Bösch und Christof Gebenetter sind die Ausbildner der FE12. «Bewaffnet» mit dem UEFA-B-Diplom sowie dem SFV-B+-Diplom ist Bösch bereits seit acht Jahren für den LFV tätig. Der 57-jährige Schweizer wird unterstützt von Gebenetter, der gar das UEFA-A-Diplom besitzt. «Lothar und Christof sind es, die die Kinder in der ersten Ausbildungsstufe des LFV empfangen. In den letzten Jahren haben sich Lothar und auch Christof als absolute Experten für diese spezielle Aufgabe erwiesen», so Pauritsch. 

In der FE13 leitet Evandro Deveza, der sich gerade in der Ausbildung zum B-Diplom befindet, das Training. Der 41-jährige gebürtige Brasilianer war jahrelang beim FC Ruggell als Spieler sowie Trainer tätig und kennt die heimische Fussballszene bestens. Sein Ausbildnerkollege, Timur Okatan, war zuletzt Haupttrainer beim SC Tisis sowie davor beim FV BW Feldkirch und stiess 2019 neu zum LFV. Die FE14 ist die letzte Stufe innerhalb des Projekts «Footeco» und zugleich die Vorstufe zum Spitzenfussball. 

Christoph Wild sowie Omar Murati kommt hierbei die zentrale Aufgabe zu, die Kinder auf die erhöhte Intensität im Spitzenfussball vorzubereiten und gleichzeitig die Prinzipien von «Footeco» nicht zu vernachlässigen. Mit der UEFA-A-Lizenz sowie insgesamt über zwölf Jahren an Erfahrung als Jugendtrainer beim LFV sowie im Projekt FCO (Future Champs Ostschweiz) dürfte dies für den 55-jährigen St. Galler Wild kein Problem werden. Omar Murati ist hingegen erst 25 Jahre alt, durfte aber bereits beim grossen AC Mailand in der Jugendakademie in Kuwait und in Australien als Trainer fungieren und kann sich mit dem UEFA-B-Diplom ausweisen. Die Ausbildner der drei «Footeco»-Teams bitten ihre Jungs jeweils dreimal wöchentlich zum Training. Während die FE12 ausschliesslich an regionalen Spielen im Raum Ostschweiz teilnimmt, befinden sich die beiden älteren Jahrgänge zusätzlich im schweizerischen Meisterschaftsbetrieb.

Jährliche Trainerrotation im Spitzenfussball
Der LFV-Spitzenfussball, bestehend aus dem U15-, U16- und U18-Team, lädt seine Spieler nebst dem Meisterschaftsbetrieb viermal wöchentlich zum Training. Innerhalb dieser drei Alterskategorien treten sich die drei Haupttrainer Jan Mayer (U15), Dieter Alge (U16) und Michael Koller (U18) alljährlich in einer Rückwärtsrotation gegenseitig die Teams ab. Das bedeutet, dass in der kommenden Saison Mayer die neue U18 übernimmt, währenddessen sich Alge um die U15 und Koller um die U16 kümmern wird. «Mittels dieser wiederkehrenden Rückwärtsrotation lernen diese drei top ausgebildeten und erfahrenen Trainer alle notwendigen Facetten des Spitzenfussballs kennen. Diese drei Alterskategorien erfordern entsprechend unterschiedliche Trainingsmethoden und Schwerpunkte. Wir sind der Überzeugung, dass wir mit Mayer, Alge und Koller drei Trainer für diese Aufgaben haben, die nicht nur das Know-how, sondern auch das Gespür besitzen, was die Spieler in dieser Phase ihrer Entwicklung brauchen», so Pauritsch. 

Der LFV setzt auf Abwechslung und Vielschichtigkeit und nimmt somit Abstand von der Methode, dass ein Trainer ein und dasselbe Team über Jahre hinweg begleitet. Für die Spieler hat dies den Vorteil, jährlich einem neuen Trainer mit neuen Ideen und somit einer neuen Herausforderung zu begegnen. Langfristige Präferenzen zwischen Trainer und Spielern oder Eltern können dadurch vermieden werden. Derzeit trainiert Jan Mayer die U15 und sorgt für einen reibungslosen Einstieg in den Spitzenfussball.

Der 30-jährige Deutsche aus Stockach am Bodensee besitzt die DFB-A-Lizenz und hat kürzlich ein Studium in Sportwissenschaften beendet. Für den LFV ist er seit Anfang des Jahres neben der U15 auch als Co-Trainer bei der U21-Nationalmannschaft sowie als Sportschultrainer und Ausbildner im Projekt «Fussball macht Schule» vollzeitlich tätig. Zuvor trainierte er während bereits acht Jahren diverse Jugendteams, unter anderem beim VFB Stuttgart und den Stuttgarter Kickers. Assistiert wird Mayer vom Vorarlberger Muhammed Gerdi, dessen Trainerdiplom die UEFA-A-Lizenz ist. Mit Dieter Alge leitet ein weiterer Vorarlberger die Geschicke der U16. Mit seinen sage und schreibe 20 Jahren im Trainergeschäft, unter anderem als Spielertrainer beim FC Balzers (1999 – 2003) und zuletzt als Assistenztrainer beim österreichischen Bundesligisten SV Ried, bringt der 53 Jahre alte Alge neben der UEFA-A-Lizenz auch reichlich Erfahrung mit. Er ist ausserdem noch Haupttrainer der U17-Nationalmannschaft. Auch sein Co-Trainer, Branko Dunjic, hat eine Vergangenheit beim FC Balzers, als Assistenztrainer von 2011 bis 2016. Der Sarganserländer ist 59 Jahre alt und besitzt das UEFA-B-Diplom. Haupttrainer der U18, der vorletzten Ausbildungsstation des LFV vor dem Wechsel zum Team FC Vaduz 2 bzw. in den Männerfussball, ist Michael Koller. Seit einem Jahrzehnt ist der 50-jährige Aargauer nunmehr in diversen Ämtern beim LFV vollzeitlich angestellt. 

Derzeit übt er neben der U18, wie bereits erwähnt, auch die Tätigkeit als Co-Trainer in der A-Nationalmannschaft aus und leitet zudem das Ressort Spitzenfussball. Vor seiner Anstellung beim LFV war er von 2006 bis 2008 zwischenzeitlich Co-Trainer beim FC Vaduz. Zusammen mit seinem jetzigen Co-Trainer Pius Fischer ist Koller der einzige Jugendtrainer des LFV, der sich mit der UEFA-Pro-Lizenz, dem höchsten europäischen Trainerdiplom, ausweisen kann. Die 65-jährige Trainerlegende Pius Fischer hat zudem die DFB-A-Lizenz sowie den SFV-Instruktor absolviert und feiert dieses Jahr sein 30-Jahr-Jubiläum als Jugendtrainer beim LFV. Im Jahr 1983 war er zwischenzeitlich sogar Haupttrainer der A-Nationalmannschaft.

Lediglich zwei U-Nationalmannschaften
Das zweite Standbein des Verbandes nebst den Ausbildungsteams sind die Jugend-Nationalteams. Insbesondere hier kommen die Doppel- und Dreifachfunktionen zur Geltung, da sich diese Teams nur in unregelmässigen Abständen zu Trainings und Turnieren treffen. Das U17-Nationalteam wird von den bereits vorgestellten Dieter Alge und Pius Fischer betreut. Eine U19-Nationalmannschaft stellt der LFV derzeit nicht. Um das U21-Nationalteam kümmern sich Martin Stocklasa und sein Co-Trainer Jan Mayer. Der 113-fache ehemalige Nationalspieler Stocklasa konnte nach seiner aktiven Karriere erste Schritte als Trainer und Nachwuchsleiter «Footeco» beim FC St. Gallen machen, ehe er 2017 zum LFV stiess. Beim Verband übernimmt er neben seiner Trainertätigkeit auch als Talentmanager und stellvertretender Sportdirektor Verantwortung. Er ist neben Michael Koller und Jan Mayer der dritte Trainer, der beim LFV eine Vollzeitanstellung innehat. Der heuer 40 Jahre alt gewordene Unterländer ist im Besitz der UEFA-A-Lizenz. Wie bereits erwähnt, steht für jedes Ausbildungs- oder Nationalteam des LFV ein Torhütertrainer zur Verfügung. Für die insgesamt neun Jugendteams setzt der LFV hierfür Dietmar Kupnik, Gerald Kassegger,
Dominik Seiwald, Claudio Moffa und Fabian Rupf ein.

 

Kriterien bei der Trainerrekrutierung
Auffällig beim Trainerpersonal des LFV ist, dass zwar einige im Fürstentum bestens vernetzte Persönlichkeiten, mit Martin Stocklasa allerdings lediglich ein einziger Liechtensteiner Staatsbürger angestellt ist. Auch für Pauritsch ein aktuelles
Thema: «Es liegt in erster Linie am Ausbildungsstand. Mario Frick vom FC Vaduz ist der einzige Liechtensteiner mit der UEFA-Pro-Lizenz. Ihm folgen Daniel Hasler vom FC Wil sowie Pius Fischer, den wir glücklicherweise bereits seit Jahrzehnten bei uns haben, mit der UEFA-A-Lizenz. Hasler hat zusätzlich noch die Berufstrainerausbildung (BTA). Erfreulich ist, dass nun frühere A-Nationalspieler nachkommen und die Trainerdiplome in Angriff nehmen.» Doch nicht nur das Diplom und das Know-how als Fussballlehrer sind entscheidend für den Sportdirektor. «Unsere Trainer müssen soziale Kompetenz, den richtigen Umgang mit den Spielern und Eltern sowie eine hohe Lernfähigkeit an den Tag legen, um dies dann unter den speziellen Gegebenheiten unseres Landes umsetzen zu können. Im internationalen Vergleich müssen wir aus quantitativ sehr wenigen Talenten qualitativ das Bestmögliche herausholen.»

Erfreulich ist, dass nun frühere A-Nationalspieler nachkommen und die Trainerdiplome in Angriff nehmen.

René Pauritsch, Sportdirektor