«Das Thema ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen»

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Corina Vogt-Beck hat vor Kurzem als Mitglied des Initiativkomitees die Initiative «Halbe Halbe» lanciert, welche mit einer Verfassungsergänzung die Stellung der Frau in der Politik nachhaltig stärken will. Die Triesenberger Gemeinderätin setzt sich bereits als Vorstandsmitglied von «Hoi Quote» für Frauen ein. Als Mutter von drei Kindern wünscht sie sich auch für Familien mehr Chancen für gleichberechtigte Modelle.

Warum ist deiner Meinung nach Liechtenstein so weit hinten in der Gleichstellung der Geschlechter?
Corina Vogt-Beck:
Bei uns kam alles später: das Frauenstimmrecht, das Gleichstellungsgesetz sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vom Bauernstaat zum Wirtschaftsstandort. Frauen hatten lange zum Beispiel nicht einmal das Recht, ohne Einwilligung ihres Ehemannes zu arbeiten. Es ist also offensichtlich, dass das Thema in vielen Köpfen noch nicht angekommen ist. Wir brauchen mehr Anschub.

Was versprichst du dir von der Initiative Halbe Halbe? 
Ich habe nach dem Kick-off viele positive Rückmeldungen erhalten. Die Initiative wird nun die formalen Schritte durchlaufen. Wichtig ist es, dass wir nach der Prüfung durch Regierung und Landtag genügend Unterschriften sammeln und eine Mehrheit im Landtag und bei der Volksabstimmung für die Verfassungsänderung stimmt, damit ein Umdenken zustande kommen wird. 

Mit Hoi Quote gehst Du einen Schritt weiter und setzt du dich für eine Geschlechterquote ein. Wie weit seid ihr mit eurem Ziel, und was steht noch auf eurer Agenda?
Halbe Halbe entstand im Prinzip aus der Arbeit von Hoi Quote, und der Verein unterstützt die Initiative voll und ganz. Jetzt steht das Initiativkomitee im Vordergrund. Der Verein äussert sich zu allgemeinen Themen, wenn dies angezeigt ist. Wir werden den Ausgang der Initiative abwarten und beobachten, was in der Gesellschaft passiert.

Politik ist das eine, Wirtschaft das andere. Auch hier stehen Frauen nach wie vor schlechter da. Nicht nur bezüglich Lohn. Du hast vor über 10 Jahren am eigenen Leib erfahren, wie schwer es ist, als Mutter eine leitende Funktion in Teilzeit einzunehmen. Wie denkst du heute darüber?
Ich habe allgemein die Erfahrung gemacht, dass viel geredet wird, aber wenn es darauf ankommt, wird gekniffen. Mein Mann und ich wünschten uns eine andere Variante als das «klassische» Rollenmodell, aber wir hatten keine Chance. Ich musste meine leitende Stelle aufgeben, und am ersten Tag nach meiner ersten Karenz ging ich auf’s Amt und meldete mich als arbeitslos – aus Prinzip. Das war mir wichtig. 

Du hast dann eine Teilzeitstelle. gefunden, die du während 4 Jahren ausgeübt hast. Danach bist du bis zur Wahl zur Gemeinderätin zu Hause geblieben als Hausfrau und Mutter. Weshalb hast du dich dazu entschieden, und wie hast du diese Zeit erlebt? 
Es gab zwei bis drei Faktoren, die ausschlaggebend waren. Ich wollte eine Pause machen und mir überlegen, was ich will. Ich muss zugeben, dass ich in dieser Phase das Hausfrauendasein etwas idealisiert habe, aber ich war nicht ausgefüllt. Als meine Kinder irgendwann sagten, dass Mamas daheim seien und Papas arbeiteten, wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Das war nicht das, was ich meinen Kindern vermitteln wollte.

«Halbe-halbe» war auch der Name einer politischen Kampagne in den späten 90er-Jahren in Österreich. Sie forderte die Gleichbeteiligung der Männer in der Hausarbeit. Wie ist das bei euch zu Hause? Macht ihr halbe-halbe, auch in der Kinderbetreuung?
Da mein Mann 100 % arbeitet, ist es natürlich nicht halbe-halbe. Aber wenn er zu Hause ist, ist er sehr engagiert. Wir unterstützen uns partnerschaftlich. Wir könnten uns übrigens auch einen «Rollentausch» vorstellen, oder dass wir beide Teilzeit arbeiten. 

Du warst früher für die VU politisch aktiv, jetzt für die FL. Warum der Wechsel?
Ich wähle schon lange «weiss» und fühle mich der Partei seit vielen Jahren zugehörig. Ich habe hier meine politische Heimat, treffe auf Gleichgesinnte. Ich fühle mich von der Freien Liste einfach am besten vertreten. Als Mitglied kann ich nun aktiv in der Partei mitarbeiten und mitgestalten. 

Du hast 2005 für den Landtag kandidiert und heuer erfolgreich für den Gemeinderat. Was hat dich dazu bewogen, für den Gemeinderat zu kandidieren?
Ja, damals war ich noch jung und naiv (lacht). Ich war politisch immer aktiv, mein Engagement ist aber etwas eingeschlafen und erwachte 2017 wieder. Die Gemeinderatswahl war eigentlich recht früh für mich. Aber da ich mich mit Hoi Quote für Listenparität einsetze, wollte ich auch meinen Teil dazu beitragen.

Hast du mit deiner Wahl gerechnet?
Nein, ich hätte nie damit gerechnet, schätzte meine Wahlchance, auch aufgrund meiner Positionierung, als klein ein. Es war eine riesige Überraschung für mich, mein Umfeld und die Partei. 

Was sind deine Ziele als Gemeinderätin?
Ich möchte mich kritisch, aber konstruktiv einbringen und zwei bis drei grössere Projekte umsetzen. Ich möchte diejenigen, die mich gewählt haben, gut vertreten. Als Vorsitzende der Kommission Natur und Umwelt kann ich vermutlich am meisten umsetzen. In nächster Zeit möchten wir zusammen mit der Gemeinde einige Grünflächen in Triesenberg naturnah bepflanzen und das Thema Vermeiden von Abfall und richtiges Recyclen angehen. 

Strebst du demnächst auch wieder eine Arbeitsstelle an? 
Die Arbeit für den Gemeinderat und die allgemeine politische Arbeit ist in etwa die einer 30 %-Stelle, also bereits ein Teilzeitjob. Ich bin damit täglich beschäftigt. Wir müssen politische Mandate für Gemeinde und Land attraktiver gestalten, damit sie eine echte Alternative sind, gerade für Frauen. Was hier z. B. noch fehlt, ist die Altersvorsorge. 

Kurz gefragt

Wie starten Sie in den Tag?
Ich wecke die Kinder, und wir starten mit einem gemeinsamen Frühstück zusammen den Tag.

Was schätzen Sie an Ihrer Wohngemeinde?
Dass wir nah an der Natur wohnen und die Kinder hier einfach und mit einer guten, übersichtlichen Schule aufwachsen.

Welches ist Ihr liebster Ort in Liechtenstein?
Da gibt es ein paar: mein Zuhause, Bänkchen und Wege in der Natur, z. B. auf Gnalp und Silum.

Welches Buch liegt derzeit auf Ihrem Nachttisch?
«What works. Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann» von Iris Bohnet.

Ein Lieblingszitat?
«Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Spielregeln.» (Iris Bohnet)

Ein Reiseziel, das Sie noch interessieren würde?
Der Norden, z. B. Schottland.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass meine Familie gesund und glücklich bleibt und wir weiterhin alles so gut organisieren können.