Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke

Heimspiel: Maria Riccarda Wesseling steht im Mittelpunkt der Opernproduk- tion von Theater Chur und Kammerphilharmonie Graubünden

Die berühmte Erzählung von Rainer Maria Rilke, in einer einzigen Nacht niederge- schrieben, in der einfühlsamen musikalischen Umsetzung des Schweizer Komponisten Frank Martin. «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke» ist eine Geschichte von Heldentum und Liebesverstrickungen, eine Geschichte von Heimat, Krieg und Verlust. Und es ist die Geschichte der Mütter, der Vertrauten, der Geliebten, die zurückbleiben und aus der Ferne das Schicksal der jungen Soldaten miterleben. Die Mono-Oper feiert am Dienstag, 21. Mai 2019, Premiere im Theater Chur.

Die an internationalen Theatern gefeierte Bündner Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling kommt für eine grosse Opernproduktion nach Chur: Das Theater Chur und die Kammerphilharmonie Graubünden realisieren in enger Zusammenarbeit
«Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke». Der Schweizer Komponist Frank Martin (1890-1974) hat aus Rainer Maria Rilkes gleichnamiger Erzählung eine einfühlsame, balladenhafte, klanggewaltige Mono-Oper für tiefe Frauenstimme und Orchester geschaffen, die die Geschichte des Fahnenträgers Christoph Rilke aus den Erinnerungen einer Frau wiedergibt. Die Solistin ist Berichterstatterin, Beobachterin, Mutter, Vertraute und Geliebte des jungen Cornets, der zwischen Krieg und Liebe entscheiden muss. Für Maria Riccarda Wesseling, aber auch für das künstlerische Team war die szenische Aufführung dieses Werkes ein lang gehegter Wunsch, der nun als Heimspiel im Theater Chur realisiert wird. Regie führt der briti- sche Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Nigel Lowery, Spezialist für bildstarke subtile wie suggestive Inszenierungen, in enger Zusammenarbeit mit seiner Protago- nistin Maria Riccarda Wesseling und ihrer «Doppelgängerin» Ursina Hartmann. Phi- lippe Bach leitet die Kammerphilharmonie Graubünden, die mit dieser Opernproduk- tion ihr 30-jähriges Jubiläum feiert. Das Theater Chur und die Kammerphilharmonie Graubünden realisieren diese grosse Opernproduktion in enger Zusammenarbeit.

Sängerprotagonistin mit Doppelgängerin
Nigel Lowery versteht Frank Martins Partitur auf Rilkes berühmte Schilderung als
«eine Elegie über die verlorene Unschuld. Das Reiten in den Krieg bis in den Tod steht, neben dem Konflikt zwischen Hingabe für das Vaterland und (sinnloser) Selbstopferung im Krieg, für einen Übergangsritus, für die Initiation eines Knaben in die Erwachsenenwelt: Ein junger Mann zwischen Innen- und Aussenwelt, zwischen Traum, Ideal und Realität. Frank Martins expressionistische Musik erzeugt eine nicht rationale, poetische Welt – eine Traumwelt, befeuert durch die Gefühle von Leidenschaft und Angst.» Nigel Lowery stellt der erzählenden Sängerprotagonistin Maria Riccarda Wesseling, die wie in einem Ritual die Erinnerungen und die Geschichte des jungen Cornets wieder und wieder heraufbeschwört, die Schauspielerin Ursina Hartmann zur Seite. Sie ist die Doppelgängerin, die die omnipräsente Erzählerin aus den Schichten ihrer Erinnerungen herausschürft – die andere Seite des erzählenden, rückblickenden Ichs.

Der «Cornet» von Rainer Maria Rilke und Frank Martin
«Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten. Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so gross.» Rilkes kurzer und zwei Kriegsgenerationen prägende Prosatext von 1899 schildert auf eindringliche Weise das Schicksal eines jungen Soldaten, der in den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts in den Tod reitet. Der «Cornet» war Kultbuch und Buchkult in beiden Weltkriegen. Er gehörte in beinahe jedes Sturmgepäck – eine gefragte, ja verehrte Heldenliteratur. Rilkes Jugenddichtung traf den Zeitgeist und wurde zur Projektionsfläche der heldischen Vaterlandsideologien sowohl des Kaiserreiches wie auch der Weimarer Republik, die zwei Weltkriegen den Weg bereiteten.

«Es ist, als ob dieser Text ein Teil meines Lebens geworden wäre.», schilderte Frank Martin seine Begeisterung für Rilkes Jugenderzählung. Er erkennt in ihm das Widerständige, das poetische Psychogramm junger soldatischer Männer, die zwischen Pflicht, Ehre, Liebe, Vaterland und Todesangst zerrieben werden und schuf – mitten im 2. Weltkrieg – eine faszinierende expressive Vertonung der verletzten Seelenlandschaften des Krieges und seiner toten Helden. In Martins dunkel glühender Musik steigt die Erzählerin immer wieder in die Abgründe der Erinnerung an den jungen Cornet und dessen Opfertod. Frank Martins Partitur ist ein subtiles klangschönes musikalisches Psychogram. Das Auftragswerk von Paul Sacher wurde kurz nach Kriegsende in Europa unter seiner Leitung am 14. Mai 1945 in Basel uraufgeführt. 1997 wurde das Werk von Choreograf und Regisseur Joachim Schlömer für die Basler Opernbühne entdeckt und mit grossem Erfolg gespielt, zuletzt 2017 von der Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas in Berlin auf die Bühne gebracht und nun von Nigel Lowery neu inszeniert für Kammerphilharmonie Graubünden und Theater Chur.

«Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke»
Premiere: Dienstag, 21. Mai, 20 Uhr, Theater Chur (Einführung: 19.30 Uhr) Weitere Aufführungen: 23. und 24. Mai, jeweils 20 Uhr, sowie 26. Mai, 18 Uhr Online-Ticketing www.theaterchur.ch
Preise: CHF 48.– / 24.– erm.
Dauer: ca. 70 Min.

Maria Riccarda Wesseling – Mezzosporan
Die Bündner Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling ist mit einem sehr vielseitigen Repertoire auf den grossen Bühnen der Welt unterwegs. Höhepunkte der letzten Jahre sind die Titelrolle in Gluck’s «Orpheus» in der Regie von Pina Bausch an der Opera de Paris, dem Lincoln Center New York, dem Teatro Real Madrid und in Epidauros unter der Leitung von Thomas Hengelbrock (DVD/ arte live), die Titelrolle in Gluck’s «Iphigenie en Tauride» an der Opera de Paris und am Teatro Real Madrid, Fricka unter Theodor Currentzis in der Regie von Johan Simons an der Ruhtriennale, die Titelrolle in Henze´s «Phaedra» an der Staatsoper Berlin oder die Königin in Achim Freyers Inszenierung von Heinz Holligers Oper «Schneewittchen» am Theater Basel. Von 2015 bis 2018 war sie Künstlerische Direktorin der Niederländischen Nationalen Opern-Akademie DNOA. Von Maria Riccarda Wesseling liegen diverse Solo-CD’s, Gesamteinspielungen und DVD’s vor, darunter eine CD mit Liedern des Bündner Komponisten Paul Juon. Zu ihren nächsten Aufgaben gehören «Herodias» in Strauss´Salome an der Staatsoper Stuttgart und «Jezibaba» in Rusalka an der Flämischen Oper Antwerpen und Gent.

Ursina Hartmann – Schauspiel
Ursina Hartmann ist in Davos geboren und in Luzern und Chur aufgewachsen. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin absolvierte sie die Schauspielakademie Zürich (heute ZHdK). Ihre Engagements brachten sie seither an verschiedene Häuser in der Schweiz, Deutschland und Italien, wo sie unter anderem mit Regisseuren wie Daniel Schmid, Carlos Trafic, Peter Schweiger, Urs Schaub, Carlo Formigoni, Marco Baliani, Anthony Pilavachi («Entführung aus dem Serail», Schlossoper Haldenstein, 2017) Ursina Trautmann («Stündchen», Theater Chur, 2018) und zuletzt Julian M. Gruenthal («Radio Lukullus», FRECH Freilichtspiele Chur, 2018) zusammenarbeitete. Ursina Hartmann spielte an Festivals in Bologna, Mailand, Rom, Venedig und Paris. Seit 1985 ist sie als freischaffende Schauspielerin, Regisseurin, Theaterpädagogin und Sprecherin in Theater-, Film- und Rundfunkproduktionen tätig. Neben dem Bündner Kulturförderpreis und dem Churer Anerkennungspreis erhielt sie von der Pro Helvetia und von Visarte Graubünden Stipendien für Atelieraufenthalte am Schweizerinstitut in Rom und an der Cité Intérnationale deParis.

Philippe Bach – Chefdirigent Kammerphilharmonie Graubünden
In Saanen wurde Philippe Bach 1974 geboren. Auch als weltweit anerkannter Dirigent hat er seine Schweizer Heimat nicht vergessen: Mehrere Jahre war er Chefdirigent der Zuger Sinfonietta, bekleidet seit 2012 dieselbe Position beim Berner Kammerorchester und ist seit 2016 auch Künstlerischer Leiter der Kammerphilharmonie Graubünden. Auf internationalem Parkett steht der Name Philippe Bach für eine steile Dirigentenkarriere: Nach einem ersten Preis beim International Jesús López Cobos Opera Conducting Competition 2006 wurde er Assistant Conductor am Teatro Real in Madrid und Assistent von Jesús López Cobos; 2007 debütierte er dort mit Puccinis «Madama Butterfly». Es folgten zwei Spielzeiten am Theater Lübeck, ehe er 2012 der Berufung als Generalmusikdirektor der Meininger Hofkapelle und des Südthüringischen Staatstheaters Meiningen folgte.

Nigel Lowery – Regie / Bühne / Kostüme
Geboren in London, studierte Nigel Lowery Theaterdesign an der Central St. Martin’s School of Art und absolvierte Kurse in Musiktheorie und Klavier. Danach arbeitete er als Bühnen- und Kostümbildner für zahlreiche Theater- und Opernhäuser, u.a. schuf er die vielbeachtete Ausstattung für Händels «Giulio Cesare» (mit sterbendem Dinosaurier als Symbol für den Untergang der alten Macht) an der Staatsoper München. Seine Bühne für Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen» am Royal Opera House Covent Garden in der Spielzeit 1994/95 wurde mit einem Bühnenbildpreis ausgezeichnet. Ab 1997 machte Lowery jeweils in eigener Ausstattung erste Regieerfahrungen mit «Il barbiere di Siviglia» am Royal Opera House Covent Garden, am Theater Basel verblüffte er in Humperdincks «Hänsel und Gretel» und in Rossinis

«La Cenerentola» mit unkonventionellen Perspektiven. In Basel überzeugte ebenso 2001 sein mitreissender «Idomeneo», in Stuttgart wurde sein «frechsozialkämpferischer» Figaro (Süddeutsche Zeitung) gefeiert und in Hannover faszinierte er mit John Cages Oper «Europeras I-V». Seine mit Choreograf Amir Hosseinpour erarbeitete Version der Händel-Oper «Rinaldo» für die Staatsoper Berlin und die Festspiele Innsbruck und Montpellier wurde zur «Inszenierung des Jahres 2003» gewählt. Seither inszeniert Lowery auf den grossen Bühnen Europas (Amsterdam, Bologna, Athen, Berlin, Antwerpen/Gent, Basel, Bern, München, Mannheim u.a.) Opernwerke aus allen Epochen, von Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» bis zu Philip Glass’ «Echnaton». Ende Oktober 2018 hatte seine Inszenierung von Richard Wagners «Die Meistersinger von Nürnberg» am Nationaltheater Mannheim Premiere. Für das Theater Chur und die Kammerphilharmonie Graubünden setzte Nigel Lowery bereits 2012 den «Churer Operettenfrühling» in Szene mit zwei Operetteneinaktern von Franz Lehar und ArthurSullivan.

Kammerphilharmonie Graubünden
Graubünden darf stolz sein, seit fast 30 Jahren ein eigenes Berufsorchester zu haben. Im Theater, in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen von Chur bis in die Seitentäler bereichert es das Musikleben Graubündens. Aber auch in der Tonhalle Zürich, der Nordwestschweiz und im nahen Ausland ist das Bündner Orchester ein gern gehörter Gast. Mit Sinfoniekonzerten werden klassische Meisterwerke gepflegt. Live-Musik zu Chaplinfilmen, Side by Side Konzerte zusammen mit Laienmusikern, Kammermusik in verschiedenen Formationen, Familienkonzerte und weitere musikalische Leckerbissen ergänzen das vielseitige Angebot.