Pflegeversicherung in Liechtenstein – JA oder NEIN?

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Vorstandsmitglieder des Seniorenbundes v.l.: Dr. Renate Müssner, Flori Kindle, Josy Biedermann und Dr. Renate Wohlwend.

Der Liechtensteinische Seniorenbund (LSB) spricht sich für die Beibehaltung des heutigen Finanzierungsmodells für Pflege und Betreuung aus. Nachfolgend beantwortet uns der Vorstand des LSB die Hauptgründe dafür.  Interview: Herbert Oehri 

Längerfristig sind neue Modelle der Finanzierung der Pflegekosten unumgänglich, sagt die Politik. Dabei müssen wir die Frage stellen, inwieweit die Kosten durch den Staat oder den Bürger selbst zu tragen sind und ob eine obligatorische Pflegeversicherung wie sie in anderen Ländern bereits vorhanden ist, Sinn macht. Denn – so einige Politiker – mit der jetzigen Finanzierung der Pflegekosten durch die öffentliche Hand werde man bald an die Grenzen stossen. Wie beurteilen Sie diese Meinungen? 
Liechtensteiner Seniorenbund: Diese Meinung beruht im Wesentlichen auf der Angst vor der vielzitierten demografischen Entwicklung. Den Politikern und uns allen wird aufgrund von möglichen Bevölkerungsentwicklungen, in Liechtenstein Bevölkerungsszenarien, eine exorbitante Zunahme der über 80-jährigen und damit potentiell pflegebedürftigen Menschen vorhergesagt. Diese Bevölkerungsszenarien werden unter vorgegebenen Annahmen erstellt und sind gemäss Amt für Statistik keine Prognose im Sinne einer Vorhersage. 

Wir haben festgestellt, dass gerade für die älteren Senioren diese Annahmen nicht mit der tatsächlichen Entwicklung korrelieren. So wies das erste publizierte Bevölkerungsszenarium 2005–2050 bereits für 2015 eine 20% höhere Zahl von über 80-jährigen aus, als tatsächlich erreicht wurde. Auch im neuesten Bevölkerungsszenarium 2015–2050 liegt bereits 2017 die prognostizierte Zahl dieser Bevölkerungsgruppe um 5% über der tatsächlichen Entwicklung. Kostenberechnungen auf dieser Grundlage weit in die Zukunft sind also unter diesem Blickwinkel zu prüfen. Es darf angenommen werden, dass, wenn die Zahl der älteren Senioren weniger stark zunimmt, auch die Kosten weniger stark zunehmen.

Die Stiftung zukunft.li hat in einer Studie empfohlen zur Entlastung des Staates vom zu erwartenden finanziellen Aufwand für die Pflege und Betreuung der sog. «Babyboomer» die Einführung einer obligatorischen Pflegeversicherung. Was hält der Vorstand des Liechtensteiner Seniorenbundes (LSB) davon?
Der Seniorenbund (LSB) befasst sich seit Jahren mit dem Thema Pflege und deren Finanzierung und hat sich sehr intensiv mit dieser Studie auseinandergesetzt.
Wir sind zum Schluss gekommen, dass das heutige Finanzierungsmodell eine adäquate Pflege und Betreuung für alle leistbar macht, und zwar nicht nur für Senioren, sondern auch für Jüngere und Kinder unter uns. Mit dem Betreuungs- und Pflegegeld (BPG) wurde erreicht, dass vielen der Wunsch, solange wie möglich zu Hause bleiben zu können, möglich ist, abgesehen davon, dass dadurch auch deutlich weniger wesentlich teurere Pflegeheimplätze benötigt werden. Der Seniorenbund spricht sich daher klar für die Beibehaltung der heutigen Pflegefinanzierung aus.

Dem Vorschlag der Stiftung zukunft.li zu Folge soll jeder verpflichtend ab einem bestimmten Alter ein individuelles Pflegekapital ansparen müssen, vornehmlich zur Entlastung der öffentlichen Hand. Auch eine Pflegeversicherung wird nichts an den (steigenden) Kosten für Pflege und Betreuung ändern, sie werden lediglich unter dem Stichwort Eigenverantwortung auf den einzelnen Bürger verschoben.

Sie sprechen sich also für die Beibehaltung des heutigen Finanzierungsmodells für Pflege und Betreuung aus. Was sind zusammengefasst die Hauptgründe dafür?
Ja, eindeutig. Unser heutiges Finanzierungsmodell ist zu einem guten Teil, das Pflege- und Betreuungsgeld sogar zur Gänze von der öffentlichen Hand finanziert. Dieses wird aber nicht nur an Senioren entrichtet, sondern an alle Bevölkerungsgruppen. Wie sollen Kinder und Jugendliche ein Pflegekapital ansparen oder in ein anderes Modell einer Pflegeversicherung einzahlen? Gerade die unteren Einkommensgruppen würden überproportional belastet bzw. für diese müsste wie bisher die öffentliche Hand aufkommen. Natürlich stellen die zu pflegenden und betreuenden Senioren zahlenmässig die grösste Gruppe mit den höchsten Kosten dar. Die «Babyboomer» kommen derzeit ins Rentenalter. Für diese käme eine Pflegeversicherung zu spät (ausser es müsste jeder, wie im Modell der Stiftung zukunft.li vorgesehen, über das Rentenalter hinaus, bis zum Eintritt der Pflegebedürftigkeit, einzahlen). Belastet würden also die jüngeren Generationen.