Vergnügungsbahnen, Marktstände, Viehprämierungen und Partystimmung: Die Jahrmärkte des Landes verbinden bis heute bäuerliche Tradition mit Volksfest und Begegnung. Was einst fast ausschliesslich dem Handel mit Vieh und Waren diente, ist längst zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens geworden.
Text: Heribert Beck
Wenn im Herbst in Vaduz und Eschen die Marktstände aufgebaut werden, die Karussells ihre Runden drehen und Kühe und Rinder zur Prämierung geführt werden, gehört das zum vertrauten Jahreslauf. Auch in Steg steht mit dem «Breemimarcht» die landwirtschaftliche Tradition besonders sichtbar im Mittelpunkt. In Schaan und Balzers, den Gemeinden, die ihre Jahrmärkte im Frühling abhalten, hingegen ist dieses Element heute nicht mehr sichtbar – beziehungsweise war es das im Fall von Balzers überhaupt nie.
Doch für die anderen Marktgemeinden gilt: Was heute vor allem nach Vergnügen und Tradition aussieht, hatte einst einen handfesten wirtschaftlichen Zweck. Märkte waren wichtige Handelsplätze für Vieh, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Waren des täglichen Bedarfs.

Vaduz: Markttradition seit Jahrhunderten
Vaduz blickt auf die wohl längste Markttradition des Landes zurück. Märkte sind bereits im Mittelalter belegt. 1592 bestätigte Kaiser Rudolf II. der Gemeinde das Recht zur Abhaltung von Jahr- und Wochenmärkten. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Vieh, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Waren gehandelt. Bauern, Händler und Käufer kamen zusammen. Der Markt war Teil der wirtschaftlichen Versorgung und zugleich ein gesellschaftlicher Treffpunkt.
Im 19. Jahrhundert dann veränderte sich das liechtensteinische Marktwesen mehrfach. Viehmärkte fanden an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Terminen statt, bis sich gegen Ende des Jahrhunderts zunehmend eine Konzentration durchsetzte. Der heutige Vaduzer Jahrmarkt beispielsweise geht auf das Jahr 1873 zurück. Sein Termin am ersten Oktoberwochenende steht im Zusammenhang mit der Einweihung der Pfarrkirche St. Florin am 5. Oktober 1873 – am Geburtstag von Fürst Johann II., der den Bau grosszügig unterstützt hatte. Lange blieb der Anlass eng mit der Landwirtschaft verbunden. Mit deren Wandel und dem Aufkommen des modernen Detailhandels verlor der Viehhandel seine frühere Bedeutung. Der Jahrmarkt entwickelte sich zunehmend zum Volksfest, während die Viehprämierung die Verbindung zur Landwirtschaft bewahrte.
Gerade diese Verbindung ist bis heute charakteristisch. In der Aubündt treffen sich Anfang Oktober die Viehzüchterinnen und Viehzüchter des Oberlandes. Fachleute beurteilen die Tiere, und die Wahl der «Miss Oberland» gehört zu den Höhepunkten. Während dort, im südlichen Teil des Gemeindegebiets, Kühe und Rinder im Mittelpunkt stehen, herrscht im Zentrum von Vaduz gleichzeitig buntes Treiben. Markt- und Verpflegungsstände, Vergnügungsbahnen und musikalische Unterhaltung prägen das Bild. Familien, Kinder, Jugendliche sowie ältere Besucherinnen und Besucher kommen zusammen. Der Wandel der Jahrmärkte wird damit in Vaduz besonders deutlich: Wenige Gehminuten voneinander entfernt begegnen sich die moderne Welt des Vergnügungsparks und die traditionelle Welt der Viehzucht.
Eschen: der Markt für das ganze Unterland
Im Unterland entstand ebenfalls früh ein eigener Jahrmarkt. Gemeinhin wird 1927 als Beginn der Eschner Markttradition genannt. Auch sie wurde mit einem Vieh- und Warenmarkt begründet. Der Anlass erfüllte damit zunächst eine ähnliche Funktion wie die Märkte in Vaduz. Landwirte konnten Tiere präsentieren, kaufen und verkaufen, Händler boten ihre Waren an. Für die Bevölkerung war der Markttag zugleich wirtschaftlicher Anlass und gesellschaftliches Ereignis. Mit der Modernisierung verlor der Handel aber auch am Eschner Jahrmarkt an Bedeutung, das Fest- und Unterhaltungselement gewann. Erhalten blieb wiederum die landwirtschaftliche Tradition in Form des Prämienmarktes.
Heute trägt der Anlass den Namen Unterländer Jahr- und Prämienmarkt. Die Landwirte präsentieren ihre schönsten Kühe, Schafe und Ziegen, die Tiere werden beurteilt und ausgezeichnet. Mit der Wahl der «Miss Unterland» wird die Prämierung auch für ein breites Publikum sichtbar. Rundherum findet der eigentliche Jahrmarkt statt. Marktstände, Verpflegungsmöglichkeiten, Vergnügungsbahnen und Festwirtschaft machen ihn zu einem Volksfest, das weit über die Landwirtschaft hinausgeht.
Schaan: 100 Jahre seit dem ersten Viehmarkt
1926 wurde in Schaan erstmals ein Viehmarkt durchgeführt. Der Start war erfolgreich. Doch der Durchstart erwies sich als schwierig: 1927 verhinderte der Rheineinbruch Ende September die Durchführung, 1928 fiel der Markt wegen der im Rheintal grassierenden Maul- und Klauenseuche aus. Danach konnte sich die Tradition aber etablieren. Erst die Corona-Pandemie sorgte 2020 und 2021 wieder für Unterbrüche.
Im Laufe der Zeit wurde aber auch in Schaan aus dem Viehmarkt ein Jahrmarkt, bei dem das gesellschaftliche und unterhaltende Element immer stärker in den Vordergrund trat. Lange wurde er zwar noch als Kilbi-Markt an einem Montag im November begangen, an dem die Volksschüler einen freien Tag geniessen durften. Doch mit den Jahrzehnten wandelte der Anlass sich auch diesbezüglich. Seit 1958 findet er stets an einem Samstag – später dann auch zusätzlich am Sonntag – statt, und 1973 wurde er in den Frühling verlegt. Im Mai 2026 jährte sich der erste Schaaner Jahrmarkt zum 100. Mal, womit eine Erfolgsgeschichte 2027 in ihr zweites Jahrhundert startet.
Balzers: eine jüngere Tradition
Eine andere Geschichte erzählt der Balzner Jahrmarkt. Der heutige Anlass wurde erst 1991 ins Leben gerufen, knüpfte aber an eine ältere Erinnerung an: den «Trüabbächler Märt», der früher am ersten Mittwoch im November stattfand. Rutschbahn, Schiffschaukel, Marroni und Zuckerwatte gehörten für viele Balzner Kinder zum Jahreskalender. Ende der 1980er-Jahre kam dann der Wunsch auf, einen eigenen Jahrmarkt zu veranstalten. Am 8. und 9. Juni 1991 fand schliesslich der erste Balzner Jahrmarkt mit 35 Ständen statt. Bis heute wird er im Mai beziehungsweise Juni durchgeführt. Warenmarkt, Lunapark, Verpflegungsstände und die Beteiligung der Vereine machen ihn zu einem eigentlichen Dorffest. Der Balzner Markt zeigt damit: Tradition muss nicht Jahrhunderte oder zumindest ein Jahrhundert alt sein. Auch eine bewusst neu begründete Veranstaltung kann innerhalb weniger Jahrzehnte zum selbstverständlichen Teil des Jahreslaufs werden.
Steg: der «Breemimarcht»
Noch unmittelbarer ist die Verbindung von Markt und Landwirtschaft beim «Breemimarcht» in Steg. Dieser Prämienmarkt besteht seit 1938 und ist eng mit der Viehzucht im Berggebiet verbunden. An diesem Anlass wird die «Miss Steg» erkoren, während in Vaduz die «Miss Oberland» und in Eschen die «Miss Unterland» prämiert werden. Aus den drei Siegerinnen wird anschliessend die «Miss Liechtenstein» bestimmt. Damit bilden die Prämienmärkte im Herbst gewissermassen einen landwirtschaftlichen Kalender: vom Berggebiet über das Oberland bis ins Unterland.
Vom Handelsplatz zum Treffpunkt
Wer heute über einen Jahrmarkt schlendert, denkt vermutlich selten daran, dass solche Anlässe einst für die Versorgung der Bevölkerung wichtig waren. Geblieben ist jedoch der Markt als Ort der Begegnung. Früher trafen sich Bauern und Händler, Käufer
und Verkäufer. Heute treffen sich Familien, Freunde, Vereine und Bekannte. Kinder freuen sich auf die Bahnen, Erwachsene verbinden den Besuch mit Essen, Trinken und Gesprächen.
Der Jahrmarkt ist weniger Einkaufsgelegenheit als gemeinsames Erlebnis. Gerade darin liegt eine grosse Bedeutung der Prämienmärkte. Sie erinnern daran, woher die Jahrmarkttradition kommt. Wenn eine Kuh im Vorführring steht und von Fachleuten beurteilt wird, ist das aber kein blosser Blick zurück, sondern ein Teil der lebendigen Landwirtschaft des Landes, die allem gesellschaftlichen Wandel erfolgreich trotzt.
Dem Wandel getrotzt haben auch die Jahrmärkte. Sie sind geblieben –
gerade, weil sie sich verändern durften: vom Handel zum Festplatz. Aus dem Viehmarkt ist das Volksfest geworden. Geblieben ist der Treffpunkt, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet.



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