Später als in den Nachbarländern kam es in Liechtenstein zur Pfadfinder-Gründung. Die Gründungsfeier der ersten Abteilung fand im Oktober 1931 in Schaan statt. Auslöser dafür waren die Hilfsdienste von Pfadfindern aus der Schweiz und Österreich beim Rheineinbruch im Jahr 1927.
Text: Günther Meier
Auf dem Duxplatz in Schaan legten 34 Pfadfinder am 11. Oktober 1931 das Pfadfinderversprechen ab und verpflichteten sich, die Tugenden der Toleranz, Solidarität und Freundschaft zu leben. Damit war ein wichtiger Grundstein für die Pfadfinderbewegung in Liechtenstein gelegt. Alexander Frick, der erste Pfadfinder-Führer des Landes, erinnerte sich später an den bewegenden Augenblick, als die Mädchen und Buben zusätzlich das Versprechen abgaben, «treu Gott, dem Fürsten und dem Vaterland» zu sein, dabei «die linke Hand auf die blau-rote Fahne haltend».

Alexander Frick als Korpsführer; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz SgAV 11/3279/002
Ausländische Pfadfinder als Helfer bei der Rheinkatastrophe
Ausschlaggebend für die Gründung der Pfadfinder in Liechtenstein war die Hilfe der Pfadfinder aus der Schweiz und Österreich, nach dem Rheineinbruch von 1927 die Verwüstungen zu beseitigen und das überschwemmte Land wieder fruchtbar zu machen. Die Leistung dieser jungen Leute spornte an, auch für die liechtensteinische Jugend eine Pfadfinder-Organisation zu schaffen. Unterstützung erhielt diese Idee von Fürst Franz I. und Fürstin Elsa.
Dass es eine Pfadfinder-Bewegung gab, war auch in Liechtenstein nicht verborgen geblieben. Der Engländer Robert Baden-Powell, ein General der britischen Armee, setzte nach seiner militärischen Laufbahn 1907 seine Idee einer Organisation für Jugendliche um, ausgehend von seinem Buch «Scouting for Boys». Nachdem König Eduard VII. das Patronat über die Pfadfinder übernommen hatte, fand die Bewegung bald Nachahmung überall auf der Welt. Als 1920 das erste Jamboree – das weltweite Pfadfindertreffen – in London durchgeführt wurde, nahmen rund 8000 Pfadfinder aus 34 Ländern teil. Knapp zehn Jahre später machten sich bereits 50’000 Pfadfinder aus 72 Staaten auf, um sich mit Gleichgesinnten an einem Jamboree zu treffen.
Geistige und körperliche Eigenschaften harmonisch entwickeln
Fürstenhaus und Regierung sowie eine Handvoll von der Pfadfinder-Bewegung Begeisterte, unter ihnen der spätere Regierungschef Alexander Frick, machten sich 1931 daran, eine Pfadfinder-Gruppe zu gründen. Konkrete Hilfe beim Aufbau leistete ein Pfadfinder-Führer aus der Schweiz. Alexander Frick, der zum provisorischen Leiter bestellt worden war, umriss in einem Brief an die Eltern die wichtigsten Ziele der Jugendorganisation: «Die Pfadfinderbewegung bezweckt, die moralischen sowie die geistigen und die körperlichen Eigenschaften unserer Knaben harmonisch zu entwickeln.» Ein weiteres Ziel bestehe darin, ein gläubiges, pflichtbewusstes, starkes und mutiges, dem Nächsten hilfreiches und dem Vaterland nützliches Geschlecht heranzubilden.
Diese Ziele wurden auch in die Satzungen des Pfadfinderbundes aufgenommen, in denen es im ersten Artikel hiess: «Der liechtensteinische Pfadfinderbund hat den Zweck, das Pfadfinderwesen im Geiste katholischer Weltanschauung und unter Anpassung an die Verhältnisse unseres Landes zu fördern.» Das oberste Gebot für «Pfader», das im Pfadfindergesetz festgehalten wurde, lautete: «Des Pfadfinders Wort ist wahr, auf seine Ehre soll man unerschütterlich bauen können.» Weiter wird dort aufgeführt, dass ein Pfadfinder hilfsbereit, höflich und ritterlich sei, nie schlechte Laune zeige, sich arbeitsfreudig und sparsam zeige – und «täglich wenigstens eine gute Tat» zu vollbringen habe. Abteilungsleiter Alexander Frick gab kurz nach der Gründung der Pfadfinder «Weisungen an die Gruppenführer» heraus und ermahnte sie, sich nicht als «Lehrer» aufzuspielen und lange «Moralpredigten» zu halten, die bei den jungen Menschen verhasst seien.
Nach den Pfadfindern kamen die Pfadfinderinnen
Dem Beispiel der Schaaner folgend, gab es bald auch in anderen Gemeinden Pfadfindergruppen. Im Herbst 1932, ein Jahr nach der Gründung der ersten Pfadfindertruppe, trafen sich die Pfadfinder zur Fahnenweihe in Vaduz. Das «Liechtensteiner Volksblatt» berichtete, zur Fahnenweihe hätten sich 65 Pfadfinder eingefunden, ausserdem nahmen an der Feier Fürst Franz I. und Fürstin Elsa sowie Regierungschef Josef Hoop und der Vaduzer Bürgermeister teil. Fahnenpatin Fürstin Elsa übergab den Pfadfindern die Fahne unter Trommelwirbel und Applaus mit den Worten: «Ich freue mich diese Fahne euch überreichen zu können und übergebe euch diese Flagge mit den Worten: für Gott, Fürst und Vaterland!» Mit dem lauten Ruf «Allzeit bereit!» hätten die Pfadfinder ihre Hand erhoben und dem Fürstenpaar versichert, immer für das Land und das Herrscherhaus einzutreten.
Das Fürstenhaus zeigte sich nach der Fahnenweihe auch finanziell grosszügig: Zur Anschaffung von Uniformen erhielten Pfadfinder einen Beitrag von 500 Franken. Der Funke der Pfadfinder-Bewegung sprang bald auch auf die Mädchen über. Waren bei der Gründung der Schaaner und Vaduzer Pfadfindergruppen nur Buben anwesend, kam es schon im Sommer 1933 auf Wunsch des Fürstenpaares zur Gründung der ersten Pfadfinderinnen-Gruppe. Ein Beitrag im «Volksblatt» spendete grosses Lob für diesen damals mutigen Schritt: Es sei sehr zu begrüssen, auch der weiblichen Jugend «eine geistige und körperliche Weiterbildung in Ergänzung der Schule» anzubieten.
Bei ihren Auftritten in der Öffentlichkeit erregten die Pfadfinder in den schmucken Uniformen grosse Aufmerksamkeit. Die Halstücher waren in blau-rot gehalten, in Anlehnung an die Landesfarben. Aber auch, wie es in Pfadfinder-Kreisen hiess: Rot für die Liebe, Blau für die Treue zum Vaterland. «Immer und überall Farbe bekennen, das war die geistige Grundhaltung der liechtensteinischen Pfadfinderinnen und Pfadfinder», sagte Alexander Frick in einem Rückblick beim Jubiläum «50 Jahre Pfadfinderinnen und Pfadfinder in Liechtenstein.» Bis zu 600 Pfadfinder hätten an Radrundfahrten durch Liechtenstein teilgenommen und der Bevölkerung mit den blau-roten Wimpeln an der Lenkstange und den blau-roten Halstüchern deutlich gezeigt, wofür sie einstanden.

Pfadfinder im Kampf gegen «Volksdeutsche Jugend»
In den 1930er-Jahren, als es Liechtenstein wirtschaftlich sehr schlecht ging und ein heftiger Parteienstreit tobte, waren solche Bekenntnisse wichtig. Die Propaganda aus Deutschland, «Heim ins Reich», umgarnte auch viele in Liechtenstein. Alexander Frick warnte vor dem Verlust der Eigenstaatlichkeit, vor dem Aufgehen des Fürstentums in einem kriegerischen Grossstaat, propagandistisch Drittes Reich genannt. Die von
Alexander Frick angesprochenen Bedrohungen hatten auch für die Pfadfinder einen ernsten Hintergrund. Die «Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein», die den Anschluss an das Dritte Reich anstrebte, wollte auch die Jugend dafür begeistern und gründete die «Volksdeutsche Jugend» für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Kennzeichen bei ihren öffentlichen Auftritten waren Lederhosen, ein weisses Hemd und weisse Kniestrümpfe. Die «Volksdeutsche Jugend» wurde stramm wie in Deutschland geschult: mit körperlicher Ertüchtigung durch Sport, mit Kameradschaft, mit Gesang und Feiern. Als Ausbildungslager dienten Hütten hoch über dem Tal, wie auf Gaflei, Matona oder die Paulahütte oberhalb von Schaanwald. Liechtensteins Jugendliche hatten bei einem beabsichtigten Engagement die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Organisationen. Was unterschied die «Volksdeutsche Jugend» von den Pfadfindern? Der Historiker Peter Geiger gibt in seinem Buch «Krisenzeit» eine knappe, aber treffende Antwort: «Der politische Zweck des harmlos scheinenden Tuns, der deutschvölkische, intolerante, antisemitische, antireligiöse, inhumane Schulungsinhalt.» Unter den Mitgliedern der unterschiedlichen Organisationen kam es, wie Alexander Frick in einem Rückblick auf die Gründerzeit schrieb, immer wieder zu Auseinandersetzungen: «In den nächtlichen, schlecht beleuchteten Strassen kam es immer wieder zu schweren Schlägereien, die nicht selten zu Spitalaufenthalten und – auch das muss gesagt sein – zu Gefängnishaft führten.»
Mit Höhenfeuern auf Berggipfeln gegen Hakenkreuze
Nach dem Vorbild der Hitlerjugend im Dritten Reich entzündete die «Volksdeutsche Jugend» in Liechtenstein an steilen Abhängen Feuer in Hakenkreuz-Form, die weit sichtbar waren. Die Pfadfinder hielten mit Gipfelfeuern dagegen. Die Rover der Pfadfinder organisierten zum Geburtstag von Fürst Franz-Josef II. am 16. August 1938 eine Kette von Höhenfeuern. Wie das «Volksblatt» berichtete, sei das erste Feuer am Eschnerberg gezündet worden und habe damit den Startschuss für die übrigen Feuer auf den Bergspitzen von den Drei Schwestern bis zum Falknis gegeben: «Man kann sagen, kein Berg war ohne nächtliche Leuchte.» Im folgenden Jahr rief Alexander Frick zu einem Fackelzug auf, dem ein grosser Erfolg beschieden war. Eine Lichterkette bewegte sich über den Fürstensteig und legte den Grundstein für den alljährlichen Fackelzug am Staatsfeiertag. In der Führerzeitung der Pfadfinder wurde der Einsatz der Rover gelobt, die lodernden Höhenfeuer auf den Berggipfeln hätten ausnahmslos gut gefallen: «Wir Rover haben dabei bewiesen, dass wir nicht nur auf der Landstrasse paradieren können, sondern dass wir auch bergtüchtig und vor allem bergbegeistert sind.»
Im Jahr 1939 wurde aber nicht nur der Geburtstag des Fürsten mit einem Fackelzug gefeiert. Schon am 29. Mai 1939 hatte die «Fürstenhuldigung» für Fürst Franz Josef II. in Vaduz stattgefunden. Die Pfadfinder machten am Nachmittag beim Festumzug mit und am Abend beim Fackelumzug, der vom Regierungsgebäude zum Gasthof Löwen führte – und von dort wieder zurück zur Kirche. Nach dem Fackelzug, der um 20.30 Uhr begann, wurde das erste Feuerwerk von Schloss Vaduz gezündet – damit war der Grundstein gelegt für das Feuerspektakel, das heute noch zum festen Bestandteil des Staatsfeiertags gehört.
Es sei ein Verdienst der Pfadfinder, sagte Alexander Frick beim Festakt «50 Jahre Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Liechtenstein» im Jahr 1981, dass sie mutig den Aktionen der «Volksdeutschen Jugend» entgegengewirkt hätten, dass Fürstenkronen aufflammten, Fackelzüge über den Fürstensteig stattfanden, dass frohe Heimatlieder in den Strassen der Dörfer erklangen – «damit die Zuversicht auf eine bessere Zukunft nicht verloren gehe».


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