Die Mitte von Vaduz wird ihr Gesicht in den kommenden Jahren stark verändern. Bürgermeister Florian Meier erläutert, was entstehen wird und welche Überlegungen hinter dem Gesamtprojekt stecken. Im Interview geht er ausserdem auf künftige Wohnformen und Chancen sowie Risiken der Digitalisierung in der Verwaltungsarbeit ein.

Interview: Heribert Beck

Herr Bürgermeister, Vaduz hat 2025 24,2 Millionen Franken Gewinn gemacht. Dass Ihre Gemeinde mit schwarzen Zahlen aufwartet, ist nichts Aussergewöhnliches. Dieses Mal fiel das Ergebnis aber deutlich besser aus als budgetiert. Was waren die Gründe?
Bürgermeister Florian Meier: Die Jahresrechnung 2025 bestätigt einmal mehr die stabile finanzielle Ausgangslage unserer Gemeinde. Dass das Ergebnis deutlich besser ausgefallen ist als budgetiert, ist insbesondere auf höhere Steuereinnahmen sowie ein gutes Finanzergebnis zurückzuführen. Zusätzlich konnten wir die Kosten im betrieblichen Aufwand stabilisieren. Das gibt uns einen wichtigen finanziellen Handlungsspielraum. Gleichzeitig ist es unser Anspruch, diese Mittel verantwortungsvoll und vorausschauend zu investieren – gerade mit Blick auf die grösseren Projekte, die in den kommenden Jahren anstehen.

Visualisierung des künftigen Vaduzer Marktplatzes

Projekte, für die das Geld eingesetzt werden kann, sind genügend vorhanden. So haben die Stimmberechtigten im März mit über 90 Prozent für die Zentrumsentwicklung votiert. Wie ist der aktuelle Stand, wie geht es weiter und was erwartet die Bevölkerung und die Gäste von Vaduz am Ende?
Zunächst ist mir wichtig festzuhalten: Abgestimmt wurde über den Verpflichtungskredit für den Marktplatz mit Mobilitätsdrehscheibe. Der Marktplatz ist damit der erste grosse Umsetzungsschritt innerhalb der gesamten Zentrumsentwicklung. Die deutliche Zustimmung der Bevölkerung ist für uns ein starker Auftrag, diesen Weg weiterzugehen. Parallel arbeiten wir bereits intensiv an den nächsten Vorhaben, beispielsweise dem Rathausplatz. Nach dem Ja zum Marktplatz kann die Planung nun konkretisiert und der Architekturwettbewerb durchgeführt werden. Anschliessend folgen Projektierung und weitere Planung. Der Rückbau des heutigen Parkhauses ist für Herbst 2027 geplant, und die eigentlichen Bauarbeiten sind ab 2028 vorgesehen, die Fertigstellung soll nach heutigem Planungsstand Ende 2030 erfolgen. Aus dem stark vom Parkhaus geprägten Areal soll ein offener und attraktiver Platz entstehen, der auch ein verbindendes Element darstellt. Unter dem Marktplatz ist eine dreigeschossige Tiefgarage vorgesehen. Oberirdisch gewinnen wir dadurch wertvollen Raum für Begegnungen, Märkte und grössere Veranstaltungen. Dazu kommen Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten sowie eine Gestaltung, die auch den Giessen, den Vaduzer-Saal und das angrenzende Gebiet einbezieht. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Mobilitätsdrehscheibe mit einem modernen, barrierefreien ÖV-Busterminal, Fahrradabstellplätzen und öffentlichen WC-Anlagen. Über eine neue Fuss- und Fahrradbrücke wird das Gebiet direkt mit dem Städtle verbunden. Unser Ziel ist ein Ort, an dem Mobilität, Aufenthalt und Veranstaltungen sinnvoll zusammenspielen. Statt einer grossen baulichen Barriere im Zentrum wollen wir einen offenen Platz schaffen, während die Autos unterirdisch verschwinden.

Die Fussgängerzone im Städtle

Das Ja zur Zentrumsentwicklung erstaunt aufgrund seiner Deutlichkeit, aber auch noch aus einem anderen Grund: Viele Jahre lang haben die Vaduzer Stimmberechtigten Projekte tendenziell blockiert, nun stehen regelmässig – fast – alle dahinter. Woran liegt dies Ihrer Ansicht nach?
Das ist schwierig auf einen einzelnen Grund zurückzuführen, denn jede Abstimmung hat ihre eigenen Voraussetzungen. Natürlich freut mich dieses deutliche Ergebnis sehr. Entscheidende Faktoren waren sicher der Dialog mit der Bevölkerung sowie mit den Anrainerinnen und Anrainern, die sehr sachlichen und konstruktiven Beratungen im Gemeinderat und der grossartige Einsatz der Gemeindeverwaltung. Beim Marktplatz konnten wir aus meiner Sicht sehr konkret aufzeigen, welchen Mehrwert das Projekt für Vaduz bringt. Wir schaffen deutlich mehr Aufenthaltsqualität, ohne auf die Möglichkeit zu verzichten, direkt im Zentrum zu parkieren. Gleichzeitig verbessern wir die Infrastruktur für den öffentlichen Verkehr, schaffen sichere und direkte Verbindungen für Fussgängerinnen, Fussgänger und Radfahrende und gewinnen einen neuen Platz für Märkte und grössere Veranstaltungen. Hinzu kommt, dass das heutige Parkhaus ohnehin am Ende seiner Lebensdauer angelangt ist. Es geht also nicht einfach darum, etwas Neues zu bauen, sondern eine notwendige Erneuerung so zu nutzen, dass daraus ein Mehrwert für das gesamte Zentrum entsteht. Vielleicht war gerade diese Verbindung aus Notwendigkeit, konkretem Nutzen und langfristiger Perspektive für viele Menschen überzeugend.

Bürgermeister Florian Meier
Bürgermeister Florian Meier

Spiegelt sich diese Geschlossenheit der Stimmberechtigten auch in der Gemeinderatsarbeit wider? Wie ist das Klima?
Die Zusammenarbeit im Gemeinderat ist konstruktiv. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen und Diskussionen – das gehört zu einer funktionierenden politischen Arbeit dazu. Gleichzeitig besteht ein breiter Konsens darüber, dass wir Vaduz gemeinsam und mit Augenmass weiterentwickeln wollen. Das Wohl der Bevölkerung und eine langfristig gute Entwicklung unserer Gemeinde sind allen grosse Anliegen. Wenn man dieses gemeinsame Ziel vor Augen hat und bereit ist, sachlich um die beste Lösung zu ringen, kommt man auch vorwärts. Das zeigt sich bei vielen Projekten sehr deutlich. Der Gemeinderat vertritt letztlich immer die Einwohnerinnen und Einwohner. Wenn wir diese Aufgabe gut meistern, haben wir auch Erfolg.

Rathausplatz und Rathaus von oben

Um noch kurz bei der Entwicklung des Zentrums zu bleiben: Im April hat der Gemeinderat sich für eine Neugestaltung des Rathausplatzes ausgesprochen, Sie haben es bereits angeschnitten. Was darf die Bevölkerung sich diesbezüglich erwarten?
Beim Rathausplatz sind die Arbeiten mittlerweile gut angelaufen. Derzeit wird die Machbarkeitsstudie erarbeitet. Die ersten Ergebnisse werden schon bald im Gemeinderat diskutiert. Ziel ist es, dass wir im ersten Halbjahr 2027 die fertige Studie vorliegen haben, die anschliessend der Bevölkerung vorgestellt wird. Wichtig ist uns, dass wir die Bedürfnisse der späteren Nutzerinnen und Nutzer von Anfang an berücksichtigen. Deshalb wurden sowohl die Bevölkerung als auch eine Begleitgruppe bereits in die Überlegungen einbezogen. Die Stossrichtung ist klar: Der Rathausplatz soll ein attraktiver Treffpunkt für die Bevölkerung und ein gut nutzbarer Ort für Vereine sein. Dafür muss er im Alltag funktionieren – also ein Ort sein, an dem man sich gerne aufhält. Mehr Grün, schattenspendende Bäume, Sitzgelegenheiten und auch Wasser als Gestaltungselement spielen in den Überlegungen eine wichtige Rolle. Vorgesehen ist zudem eine flexible Überdachung, damit der Platz möglichst ganzjährig genutzt werden kann. Es geht letztlich um die richtige Balance: Der Rathausplatz soll funktional sein und sich architektonisch am Rathaus orientieren. Er soll ein einladender und multifunktionaler Ort für die Bevölkerung werden. Vor meinem geistigen Auge sehe ich immer wieder ein Platzkonzert der Harmoniemusik Vaduz anlässlich des Jahrmarkts, umgeben von einem gemütlichen Ambiente mit Blick auf Schloss Vaduz und die umliegenden Berge.

Kulturell war über den Sommer auch in diesem Jahr wieder viel los in Vaduz. Inwiefern wird das kulturelle Angebot von der Zentrumsumgestaltung noch stärker profitieren?Heute haben wir die Situation, dass der Rathausplatz sehr stark beansprucht wird, während das Oberdeck des Parkhauses Marktplatz kaum als öffentlicher Aufenthalts- oder Veranstaltungsraum genutzt werden kann. Mit der Zentrumsentwicklung wollen wir künftig zwei Plätze mit unterschiedlichen Qualitäten schaffen. Der Marktplatz soll der offene und grosszügige Platz für Märkte, grössere Feste und Veranstaltungen werden. Beim Rathausplatz steht dagegen der tägliche Aufenthalt im Vordergrund. Er soll ein einladender Begegnungsort sein, an dem man sich gerne aufhält und trifft. Gleichzeitig soll er so flexibel gestaltet sein, dass auch Vereine und kleinere gemeinschaftliche oder kulturelle Formate dort ihren Platz finden können. Diese Aufteilung eröffnet neue Möglichkeiten. Ausserdem können Auf- und Abbauzeiten besser organisiert und die Belastungen für die Anwohnenden reduziert werden. Es geht also ausdrücklich nicht darum, einfach immer mehr Veranstaltungen durchzuführen, sondern für unterschiedliche Formate die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Davon profitieren die Veranstalter, die Vereine, das Publikum und letztlich das gesamte Zentrum.

In einigen Jahren sollte gemäss Ihren Worten auch noch ein anderes Problem behoben sein. Sie haben ein baustellenfreies Städtle in Aussicht gestellt. Wie realistisch ist dieses Szenario und wie kann es erreicht werden?
Wenn wir es genau nehmen, wurde ich gefragt, wie ich mir das Städtle in ein paar Jahren vorstelle. Meine Gedanken waren dazu vor allem, dass die grossen Vorhaben beim Marktplatz, Rathausplatz und in der Infrastruktur umgesetzt sind. Natürlich wird es immer wieder kleinere Baustellen geben. Wir haben jedoch in den vergangenen Jahren sehr viel in unsere Infrastruktur investiert. Insbesondere der Ausbau von Fernwärme und Fernkälte hat dazu geführt, dass zahlreiche Strassen geöffnet werden mussten. Wo immer möglich, haben wir solche Arbeiten genutzt, um gleichzeitig Strassen zu sanieren und Werkleitungen zu erneuern. Das ist sinnvoll, führt während der Umsetzung aber natürlich zu einer hohen Baustellentätigkeit. Dieser Ausbau wird uns noch eine gewisse Zeit beschäftigen. Aber irgendwann sind diese grossen Arbeiten abgeschlossen – und dann wird sich die Situation auf den Gemeindestrassen entsprechend beruhigen. Aus Sicht der Gemeinde ist deshalb tatsächlich ein Ende dieser intensiven Bauphase absehbar.

Das Leben und Wohnen im Alter ist ein Thema, dem sich Vaduz annimmt.

Ein ganz anderes Thema: Am 16. September findet in Vaduz eine Infoveranstaltung zum Leben und Wohnen im Alter statt. Was dürfen die Besucherinnen und Besucher erwarten und warum hat die Gemeinde sich dazu entschieden, das Thema auf diese Weise anzugehen?
Das Wohnen und Leben im Alter bringt für viele Menschen neue Fragen mit sich. Ein Haus oder eine Wohnung, die über Jahrzehnte ideal für eine Familie waren, entspricht im Alter möglicherweise nicht mehr den eigenen Bedürfnissen. Vielleicht ist die Wohneinheit zu gross, der Unterhalt wird aufwendig oder die Räume sind nicht hindernisfrei. Gleichzeitig möchten die meisten Menschen möglichst lange selbständig und in ihrem vertrauten Umfeld leben. Dafür braucht es passende und auch bezahlbare Wohnformen. Altersgerechte Wohnungen können einen solchen Schritt erleichtern und gleichzeitig dazu beitragen, soziale Kontakte und ein selbst bestimmtes Leben zu erhalten. Mit Blick auf die demografische Entwicklung wird dieses Thema weiter an Bedeutung gewinnen. Deshalb möchten wir frühzeitig wissen, welche Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen unsere Einwohnerinnen und Einwohner haben. Die Veranstaltung und die anschliessende Einwohnerumfrage sollen eine fundierte Grundlage für die weiteren Überlegungen schaffen. Wir wollen nicht an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiplanen, sondern gemeinsam herausfinden, welche Voraussetzungen Vaduz für ein gutes Leben im Alter schaffen sollte.

«Digitalisierung kann vieles einfacher machen, sie kann Menschen aber auch überfordern. Deshalb bleibt die Gemeinde selbstverständlich eine persönliche Anlaufstelle. Wer mit uns direkt sprechen möchte oder Unterstützung benötigt, soll diese auch weiterhin erhalten. Digitalisierung darf niemanden ausschliessen.»

Dieser Überblick zeigt schon, dass die Aufgaben der Verwaltung nicht weniger werden. Wie nutzt Vaduz die Chancen der Digitalisierung, um sie zu bewältigen, wie steht es um den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der täglichen Arbeit und wo sehen Sie weiteres Potenzial?
Die Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck. Sie soll Abläufe vereinfachen, die Zusammenarbeit verbessern und den Zugang zu den Dienstleistungen der Gemeinde erleichtern. Wir investieren laufend in Schulungen und Sensibilisierung unserer Mitarbeitenden, denn gerade beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz müssen Chancen und Verantwortung zusammengedacht werden. Nach aussen haben wir mit dem Chatbot auf unserer Website einen zusätzlichen digitalen Zugang zur Gemeinde geschaffen. Unsere Online-Formulare sind bereits seit längerer Zeit im Einsatz und werden von der Bevölkerung gut angenommen. Ein weiterer Schritt ist die digitale Rechnungslegung. Unternehmen und Privatpersonen können sich ab Anfang Oktober bei der Gemeinde melden, wenn sie freiwillig auf die digitale Variante umstellen möchten. Bei all diesen ressourcenfordernden Entwicklungen ist mir aber ein Punkt besonders wichtig: Digitalisierung kann vieles einfacher machen, sie kann Menschen aber auch überfordern. Deshalb bleibt die Gemeinde selbstverständlich eine persönliche Anlaufstelle. Wer mit uns direkt sprechen möchte oder Unterstützung benötigt, soll diese auch weiterhin erhalten. Digitalisierung darf niemanden ausschliessen.

Sie haben einmal betont, dass Ihr Amt nicht aus einem bisschen Winken, sondern aus grossen Managementaufgaben mit entsprechendem Zeitaufwand besteht. Welcher Moment in den vergangenen Wochen hat Ihnen besonders vor Augen geführt, dass sich dieser Aufwand lohnt?Das sind für mich weniger einzelne repräsentative Momente als vielmehr Situationen, in denen man sieht, was durch gute Zusammenarbeit möglich wird. Wir haben in der Gemeinde ein Verwaltungsteam mit sehr viel Fachkompetenz. Ohne diese Mitarbeitenden könnten wir die Vielzahl und die Komplexität der Projekte, die wir derzeit bearbeiten, gar nicht bewältigen. Es sind dann auch viel mehr die kleinen Sachen, die mir Freude bereiten, beispielsweise wenn ich von einem Kind eine Zeichnung bekomme oder einfach nur ein gemütliches Beisammensein an einem Dorfanlass geniessen kann.

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