Das Jugendinformationszentrum aha veranstaltete anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September im SAL eine Podiums-diskussion zur Initiative “Fristenlösung für Liechtenstein”. Die Diskussion war ursprünglich im Hinblick auf eine Volksabstimmung geplant.
Nach der Diskussion folgte eine Live-Abstimmung, bei welcher 76 Prozent der rund 250 anwesenden Schülerinnen und Schüler sich für die Initiative aussprachen. Das Team des aha lud nach Schaan ein, um die medizinischen, rechtlichen und ethischen Facetten des Themas zu diskutieren.
Der Wahlpflichtkurs Politik des Liechtensteinischen Gymnasiums fasste den geschichtlichen Hintergrund des politischen Themas in einem Kurzvideo zusammen. Dort wurde unter anderem erwähnt, dass der Schwangerschaftsabbruch für Liechtensteinerinnen im benachbarten Ausland seit 2015 straffrei ist. Ein Weg, den jährlich schätzungsweise 40 Frauen gehen.
Tuana Türkyilmaz vom Initiativkomitee betonte, es mache einen elementaren Unterschied, ob man aufgrund von Versorgungsstrukturen oder wegen der Strafbarkeit ins Ausland reisen müsse. Die aktuelle Gesetzeslage und das Informationsverbot im Strafgesetzbuch würden Frauen massiv stigmatisieren. Sie forderte eine tragfähige Inlandslösung inklusive Kostenübernahme durch die Krankenkassen.
Dem hielt Carolin Brändle, Seelsorgerin der Kirche Werdenberg, den unantastbaren Wert des ungeborenen Lebens entgegen. Anstatt den Lebensschutz aufzuweichen, brauche es verlässliche Hilfe für Frauen in Notlagen und das Aufzeigen von Alternativen wie der Adoption. Brändle warnte zudem vor den psychischen Folgen eines Abbruchs und kritisierte die geplante solidarische Finanzierung über die Krankenkassen.
Fundiertes Hintergrundwissen lieferten drei Expertinnen: Während Chefärztin Carolin Blume (Kantonsspital Graubünden) erklärte, wie eine Abtreibung aus medizinischer Sicht von der Beratung bis zum Eingriff funktioniert. Lisa von Reden vom Verein für Menschenrechte wies darauf hin, dass Liechtensteins Hürden (mangelnde Informationen und fehlende finanzielle Unterstützung) nicht internationalen Standards entsprächen.
Eine politische Einordnung folgte von Dr. Karin Frick vom Liechtenstein-Institut. Sie nannte das aktuelle Verfahren einen „Drahtseilakt“ zwischen den zwei Souveränen Volk und Fürst. Die Initiative hatte im Vorfeld 4’970 Unterschriften gesammelt. Dass der Landtag der Vorlage kürzlich zwar zustimmte, eine Volksabstimmung mit 13 zu 12 Stimmen aber knapp ablehnte, sei laut Frick ein Versuch gewesen, einen direkten Konflikt der Souveräne zu vermeiden. Frick fügte ausserdem hinzu, dass es im europäischen Kontext mit Verwunderung aufgenommen wird.
Reflektierte Stimmen aus dem Publikum
Die Jugendlichen erwiesen sich als überaus reflektiert und hinterfragten die vorgebrachten Argumente kritisch. In einer zehnminütigen Fragerunde hakten sie bei den Moderationsteilnehmenden nach.
Zu Beginn der Veranstaltung lag die Zustimmung für die Fristenlösung im Saal noch bei 68 Prozent. Am Ende wuchs sie auf über 76 Prozent an, während der Anteil der Unentschlossenen schmolz (Nein: 16 %, Nicht sicher: 8 %). Für die Organisatoren des aha zeigte der Anlass, dass die sachliche Auseinandersetzung mit Fakten und unterschiedlichen Standpunkten wichtig ist. Ziel war es nicht, eine Meinung vorzugeben, sondern unterschiedliche Argumente sichtbar zu machen. «Demokratie lebt dort, wo unterschiedliche Positionen respektvoll miteinander diskutiert werden», fasste Moderator Michael Schädler den Talk zusammen.
Bild : Podiumsdiskussion: Lisa von Reden, Karin Frick, Carolin Brändle, Michael Schädler, Carolin Blume, Tuana Türkyilmaz und Muriel Specht. (Bild: zvg, aha)

