ANSPRACHE SEINER DURCHLAUCHT ERBPRINZ ALOIS VON UND ZU LIECHTENSTEIN ANLÄSSLICH DES STAATSFEIERTAGES AM 15. AUGUST 2026

 

Wie jedes Jahr hielt S.D. Erbprinz Alois vor Tausenden von Menschen auf der Schlosswiese eine hoch interessante und viel beachtete Rede und kam auf die aktuellen Fragen und Probleme in Liechtenstein zu sprechen. Aber der Erbprinz überraschte mit einer Neuigkeit aus dem Hause Liechtenstein. Es freue ihn über eine für sein Haus sehr wichtige Entscheidung zu informieren. Es gehe um die Novellierung des Hausgesetztes. Die Novellierung sehe vor, alle weiblichen Nachkommen des Fürstenhauses in hausgesetzlichen Fragen mit denselben Mitwirkungsrechten auszustatten wie die männlichen. Ausserdem werde die Thronfolge von der männlichen Primogenitur auf die absolute Primogenitur umgestellt. Das bedeutet, dass künftig das jeweils erstgeborene Kind, unabhängig vom Geschlecht, Thronfolgerin oder Thronfolger und später Fürstin oder Fürst von Liechtenstein wird. Lesen Sie die komplette Ansprache S.D. des Erbprinzen von heute auf der Schlosswiese:

Liebe Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner

Exzellenzen
Liebe Gäste
Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle angesichts der geänderten
Sicherheitslage und der rasanten digitalen Entwicklung von der
Notwendigkeit einer grundlegenden Überarbeitung unserer
Sicherheitspolitik gesprochen. Es freut mich, dass die Regierung
inzwischen – unter Einbezug vieler Kräfte – eine neue
Sicherheitsstrategie erstellt hat, die einer solch grundlegenden
Überarbeitung entspricht.

Nun ist es wichtig, dass wir diesen Prozess rasch fortsetzen. Wie der
jüngst erfolgte Cyberangriff auf das Verzeichnis wirtschaftlich
berechtigter Personen deutlich gezeigt hat, sind insbesondere digitale
Angriffe auf die Infrastruktur unseres Landes sehr reale Bedrohungen.
Die hybride Kriegsführung, bei der unter anderem soziale Medien
genutzt werden, um die Bevölkerung durch gezielte
Falschinformationen zu beeinflussen, zu verunsichern oder zu spalten,
ist im digitalen Bereich ebenfalls eine grosse Gefahr, auf die wir uns
noch intensiver vorbereiten müssen. Dazu müssen wir uns eng
vernetzen, die weltweit fortschrittlichsten und für uns geeignetsten
Ansätze nutzen und die für unsere Bedürfnisse optimalen Strukturen
entwickeln. Dies erfordert kontinuierliche Anpassung und
Verbesserung.

Sicherheit kann in einem Land wie Liechtenstein nur gelingen, wenn
sie von den staatlichen Institutionen, der Wirtschaft und der
Bevölkerung gemeinsam getragen wird. Deshalb wird die
Sicherheitsstrategie in den kommenden Monaten im Dialog mit der
Bevölkerung weiterentwickelt. Gerne möchte ich Sie alle ermuntern,
sich aktiv in diesen Prozess einzubringen.

Liebe Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner

Ein zentraler Baustein für die Sicherheit und Zukunftsfähigkeit unseres
Landes ist auch die Bildung. Nur wenn unsere Bevölkerung gut
ausgebildet ist, können wir die für ein digitales Zeitalter optimalen
Strukturen entwickeln und langfristig erhalten. Gleichzeitig stärken wir
damit die hinsichtlich der heutigen sicherheitspolitischen
Herausforderungen so wichtige gesellschaftliche Widerstandskraft
und bewahren unsere einzigartige Stabilität.
Liechtensteins Bildungslandschaft steht jedoch vor einigen
Herausforderungen. Das zeigen auch die jüngsten Entwicklungen. Eine
echte, umfassende Bildungsreform ist notwendig – sowohl im
Schulbereich als auch durch eine kluge Anpassung des
Gesamtsystems.

Eine Reform der Bildungslandschaft braucht aber Zeit, Kontinuität und
breite Unterstützung. Deshalb ist es wichtig, ein solches Projekt nicht
nur konsequent zu verfolgen, sondern auch den notwendigen
zeitlichen Rahmen zu schaffen, damit die angestossenen
Entwicklungen ihre Wirkung entfalten können. Nur wenn die
Bevölkerung sowie die relevanten Akteure die Neuerungen mittragen
und den Verantwortlichen das nötige Vertrauen schenken, können
echte und nachhaltige Fortschritte erzielt werden.

Liebe Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner

Wir müssen immer wieder die richtige Balance wählen zwischen
Weiterentwicklung und Kontinuität, zwischen raschem Handeln, wo
notwendig, und breit abgestütztem Vorgehen, wo immer möglich.
Wie gehen wir dies am besten an? Dazu hilft ein Blick zurück:

  • Wie ist Liechtenstein eigentlich zu dem geworden, was es
    heute ist?
  • Was hat dazu geführt, dass ein kleines Land im Herzen Europas
    über Generationen hinweg Frieden, Freiheit und Wohlstand
    bewahren konnte?

Die Antwort liegt nicht allein in unserer Wirtschaft, unsere Institutionen
oder unsere Verfassung, die unser Land über Jahrhunderte geprägt hat.
Wir waren nie gross genug, um unseren Willen anderen aufzuzwingen.

Wir waren nie mächtig genug, um unsere Interessen einfach
durchzusetzen. Unser Erfolg beruhte auf anderen Stärken: auf
Verlässlichkeit, auf Diplomatie, auf dem Aufbau tragfähiger
Beziehungen, aber auch auf der Bereitschaft, uns notfalls rasch an
neue Gegebenheiten anzupassen.

All dies ist uns gelungen, ohne je unsere Identität zu verlieren. Wer auf
unsere Geschichte blickt, erkennt, dass Liechtenstein selten durch
grosse Umbrüche vorangekommen ist. Unsere Entwicklung war meist
das Ergebnis vieler sorgfältiger Schritte. Wir haben gelernt, dass man
nicht jede Frage sofort und endgültig lösen kann und muss, sich jedoch
immer die Handlungsfähigkeit erhalten sollte.

Wir leben heute in einer Zeit, in der politische Diskussionen oft den
Eindruck vermitteln, jede Frage kenne nur zwei mögliche Antworten.
Man ist dafür oder dagegen. Man gehört zur einen oder zur anderen
Seite. Die Wirklichkeit ist jedoch meist komplexer.
Der Staat Liechtenstein ruht auf mehreren Säulen: dem Volk, dem
Landtag, der Regierung und dem Fürstenhaus. Jede dieser
Institutionen bringt ihre eigene Perspektive ein und übernimmt ihre
eigene Verantwortung. Die Stärke unseres Landes entsteht nicht
daraus, dass eine dieser Stimmen allein entscheidet, sondern daraus,
dass mehrere Blickwinkel berücksichtigt werden.

Wer Verantwortung für das Ganze trägt, muss sich auch diesen Fragen
stellen: Welche langfristigen Folgen kann eine Entscheidung für den
Staat und seine Menschen haben? Welche Auswirkungen hat sie auf
den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Welche Bedeutung kann sie für
künftige Generationen haben? Wie fügt sie sich in das Gesamtgefüge
unserer staatlichen Ordnung ein?

Verantwortungsbewusste Menschen können bei derselben Frage zu
unterschiedlichen Einschätzungen gelangen, obwohl sie das gleiche
Ziel verfolgen: das Wohl unseres Landes. In der Vergangenheit hat es
sich bewährt, dass wir solche Unterschiede nicht beseitigen, sondern
ihnen Raum geben, um dann – wo möglich – einen geordneten
Ausgleich zu suchen.

Dabei zeigt unsere Geschichte immer wieder, dass Fortschritt und
Kontinuität keine Gegensätze sein müssen. An Bewährtem
festzuhalten und gleichzeitig offen für Innovationen zu sein, hat uns
weit gebracht.

Liebe Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner

Die Fähigkeit, Kontinuität und Erneuerung miteinander zu verbinden,
ist auch ein Grundsatz, den wir innerhalb des Fürstenhauses pflegen.
In unserer jahrhundertealten Geschichte sind wir gut damit gefahren,
Entscheidungen langfristig und sehr durchdacht zu treffen.
Es freut mich, Sie heute über eine für unser Haus sehr wichtige
Entscheidung zu informieren, die in Teilen seit Jahrzehnten innerhalb
der Familie diskutiert wurde. Sie bedeutet eine Novellierung des
Hausgesetzes, die Ende letztes Jahr konkret angegangen wurde und
am Mittwoch die erforderliche Zweidrittelmehrheit der
stimmberechtigten Familienmitglieder gefunden hat.

Durch diese Novellierung werden alle weiblichen Nachkommen des
Fürstenhauses in hausgesetzlichen Fragen mit denselben
Mitwirkungsrechten ausgestattet wie die männlichen. Ausserdem
wird die Thronfolge von der männlichen Primogenitur auf die absolute
Primogenitur umgestellt.  Das bedeutet, dass künftig das jeweils

erstgeborene Kind, unabhängig vom Geschlecht, Thronfolgerin oder
Thronfolger und später Fürstin oder Fürst von Liechtenstein wird.

Mit diesen Änderungen möchten wir sicherstellen, dass die
Verantwortung für Haus und Land künftig dort liegt, wo die beste
Vorbereitung für die damit verbundenen Aufgaben gegeben ist. Dies
ist in der Regel bei den Kindern des Regierers oder der Regiererin, die
hier aufgewachsen sind und von früher Jugend an mit den
Besonderheiten des Landes und des Fürstenhauses vertraut gemacht
werden.

Liebe Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner

Unser Land, seine Unternehmen und seine Menschen waren nie
einfach nur dadurch erfolgreich, dass sie übernommen haben, was
anderswo gerade gemacht wurde oder als zeitgemäss galt. Natürlich
haben wir aufmerksam beobachtet und gelernt. Aber am Ende haben
wir uns immer gefragt:

  • Was ist wirklich notwendig?
  • Was passt zu unserem Land, zu seiner Staatsform, zu seiner
    Grösse, zu seiner Identität und zu seiner Gesellschaft?

Lasst uns diese Fragen auch in Zukunft Leitlinien unseres Handelns
sein.

Von Herzen danke ich allen, die an der Gestaltung unseres
Staatsfeiertages mitgewirkt haben, und wünsche Ihnen allen einen
schönen Festtag und Gottes Segen.

 

 

 

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