
Liechtenstein – das Land ohne Militär. Heute ist das so. Aber früher hatte das Land ein eigenständiges Militärkontingent. Als Mitglied des Deutschen Bundes von 1815 bis 1866 musste Liechtenstein zwischen 55 und 82 Soldaten stellen. Letztmals zog das Kontingent im Sommer 1866 nach Südtirol in den Krieg. Nachdem sich der Deutsche Bund aufgelöst hatte, wurde 1868 auch das Militär aufgehoben.
Text: Günther Meier
Mit Mit Tränen, Gebeten und hoffnungsvollen Wünschen für eine unversehrte Heimkehr verabschiedet die Bevölkerung am 26. Juli 1866 die liechtensteinischen Soldaten, die sich zu Fuss auf den Weg in Richtung Südtirol machten. Für den Marsch hatten die 81 Mann die leichten Uniformen angezogen, während die schweren Monturen auf dem Munitionswagen mitgeführt wurden. In Bludenz wartet eine Überraschung auf die von Oberleutnant Peter Rheinberger geführte Mannschaft, nachdem man dort vom Auszug der liechtensteinischen Truppe gehört, hatte: Ein mit Liechtenstein befreundeter Industrieller, der «Fabrikant Gassner», liess eine Musikkapelle spielen, welche die Mannschaft musikalisch durch die Stadt begleitete. Liechtensteins Soldaten liessen sich auch nicht lumpen und wechseln in einem vor dem Städtchen liegenden Wald die Wanderausrüstung mit der Kampfmontur, um das Bild einer kampfbereiten Truppe zu vermitteln. Der festliche Empfang mit Speis und Trank hatte allerdings unvorhergesehene Nachwirkungen: Die Mannschaft musste schon nach dem ersten Tagesmarsch einen Erholungstag einlegen.
Liechtenstein erfüllte nur ungern die Bündnisverpflichtungen
Auch wenn sich der Ausmarsch der Truppe so lebenslustig anhört, waren in Tat und Wahrheit der Teilnahme am Krieg heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen. Die Bevölkerung war sich bewusst, dass die Mitgliedsländer mit dem Beitritt zum Deutschen Bund verschiedene Verpflichtungen zu erfüllen hatten, darunter auch das Aufstellen von Truppenkontingenten zum gemeinsamen Bundesheer. Liechtenstein hatte eine Schützenkompanie plus einen Offizier zu stellen: Anfänglich waren es 55 Soldaten, später waren es 82 Mann. Die Rekrutierung der Soldaten sorgte im Land immer wieder für Unruhe und Ablehnung, weil damit junge Männer für die Arbeit in der Landwirtschaft fehlten und die Ausrüstung der Truppe viel Geld kostete.
Fürst Johann II. kam am 18. Juli 1866 von Wien nach Vaduz, um im Vorfeld des Feldzuges für «gutes Wetter» zu sorgen. Der Landtag verfasste eine Resolution und ersuchte den Landesherrn, «den Ausmarsch des Kontingents nur im Falle der äussersten Notwendigkeit» anzuordnen. Der Fürst antwortete mit dem Hinweis auf die Bündnisverpflichtungen und informierte über seine Bestrebungen, nicht in die Wirren des Deutschen Bundes hineingezogen zu werden: «Damit meine getreuen Truppen nicht gezwungen würden, an einem unsäglichen Bruderkriege tatsächlich teilzunehmen, habe ich mich unter Kenntnisnahme der Bundesversammlung mit Seiner Majestät dem Kaiser von Österreich dahin geeinigt, dass meine Truppen im Verein mit der tapferen Armee Österreichs im Süden die Grenzen Deutschlands gegen einen auswärtigen Feind zu verteidigen.»
Der Fürst stellte sich im Krieg auf die Seite Österreichs
Der Feind, das waren damals die Italiener, die sich mit Preussen verbündet hatten, um gegen den Erbfeind Österreich vorzugehen, der zu jener Zeit noch die Länder Venetien und Istrien in seinem Besitz hatte. Schon bei der Gründung des Deutschen Bundes hatten sich Reibereien zwischen Österreich und Preussen um die führende Rolle abgezeichnet. Die aufstrebenden Hohenzollern in Preussen forderten die alte Führungsmacht Österreich unter den Habsburgern heraus. Wegen Schleswig-Holstein hatten Preussen und Österreich noch 1864 gemeinsam einen Krieg gegen Dänemark geführt – und gewonnen. Über das Ergebnis des Feldzuges aber kam es zum Streit, der zum Krieg zwischen Österreich und Preussen führte. Liechtenstein schlug sich auf die Seite Österreichs und war nach den Bündnisverpflichtungen gezwungen, am Krieg teilzunehmen. Fürst Johann II. wäre bereit gewesen, die Mannschaft auf 120 Mann aufzustocken, aber der Landtag kämpfte dafür, die
Bündnisverpflichtung auf dem kleinstmöglichen Niveau mit 80 Mann zu erfüllen.
Ein langer Fussmarsch der Soldaten bis auf das Stilfserjoch
Nach dem Rasttag im Raum Bludenz marschierte die Truppe weiter, im strömenden Regen und Nebel über dem Arlberg bis zum Städtchen Landeck, das am 30. Juli 1866 erreicht wurde. Der letzte Juli-Tag diente nochmals einer Pause, die genutzt wurde, um den Ehrwürdigen Schwestern im Kloster in Zams einen Besuch abzustatten, von denen zahlreiche Ordensangehörige damals im Schuldienst in Liechtenstein als Lehrschwestern unterrichteten. «Eine wilde, rauhe Gegend» notierte Kommandant Peter Rheinberger im Tagebuch über den Marsch durch das Tal in Richtung Reschenpass und schöpfte gleichzeitig etwas Hoffnung für seine Truppe, nicht in eine Schlacht verwickelt zu werden: Bei den im Oberinntal stationierten Tiroler Soldaten war die Meldung über einen Waffenstillstand mit Italien eingetroffen. Ursprünglich war vorgesehen, die liechtensteinische Armee in Bozen zu stationieren, doch als die Truppe Mals im Südtirol erreichte – «gesund und wohlbehalten», wie Rheinberger ins Tagebuch schrieb – kam der Befehl, nach Prad weiter zu marschieren und vorerst dort zu warten. In der Truppe machte sich Unruhe bemerkbar, weil damit gerechnet wurde, in das Gebirge abkommandiert zu werden. Obwohl es Sommer war, bekamen die Soldaten die unerwartete Kälte zu spüren, und sie hatten zudem Angst, die Kälte könnte im Hochgebirge weiter zunehmen. Ein Schütze aus Triesen schrieb in einem Brief, der später in der «Liechtensteinischen Landeszeitung» abgedruckt wurde: «Hier in Prad logieren wir in Kasernen. Wir wissen nicht, was mit uns geschehen wird, vielleicht müssen wir das Wormser Joch besetzen, was uns aber schwer fallen wird, denn die Mannschaft, welche wir ablösen sollen, muss bereits vor Kälte erstarren.» Auch Kommandant Peter Rheinberger zeigt in einem Brief an seine Frau in Vaduz grossen Respekt vor Gebirge und Kälte: «Obschon ich vor unserem italienischen Feinde nicht erschrecke, so würde ich doch die Postierung auf diesem Berge der Kälte wegen sehr fürchten – abgesehen von allem anderen wäre das Klima geeignet, meine Gesundheit auf immer zu untergraben.»
Nicht die Italiener, sondern Schnee und Kälte waren die Feinde
Die Ungewissheit endet mit dem Befehl für die Truppe, über das Stilfserjoch auf 2758 Meter über dem Meeresspiegel nach St. Maria zu marschieren. In der dortigen Poststation, wo in Friedenszeiten die Pferde für die Postkutschen gewechselt wurden, erhielten die liechtensteinischen Soldaten eine Unterkunft. Der für den 11. August erwartete Angriff der Italiener fand nicht statt, aber die nicht speziell für das Hochgebirge ausgerüstete Truppe hatte genug zu kämpfen – gegen Kälte und gegen Hunger. «Die Mannschaft kommt nie aus den Kleidern», schrieb Kommandant Rheinberger, «alle sind schwarz wie Kaminfeger, aber doch heiter und frohen Mutes.» Zu dieser Stimmung trug sicher bei, dass die liechtensteinischen Soldaten einen höheren Sold bezogen: Während sich die österreichischen Krieger mit einem solchen von 5 Kreuzern begnügen mussten, standen den liechtensteinischen Kollegen 11 Kreuzer zu. Für die Verpflegung schickte das Land zusätzlich Geld und es flossen Geldspenden, nachdem im Land aufgrund von Soldatenbriefen das Gerücht verbreitet wurde, die Soldaten seien auf dem Stilfserjoch am Verhungern. Wie es tatsächlich ausgesehen hatte, schilderte ein Feldweibel in einem Bericht an die «Liechtensteinische Landeszeitung»: «Das Gewehr auf dem Rücken, mit dem Riemen über die Brust, die Tasche voll mit Brot, Speck, Käse, auch Kaffee und Zucker zum Kochen auf dem Pass und in der Flasche Rum, Wein oder Schnaps – und ein gewichtiges Scheit Holz auf der Schulter: so marschierten die verschiedenen Abteilungen unter Jauchzen und Lärmen auf ihre 1,5 bis 2 Stunden entfernten Posten auf die Höhen.»
Für die nicht für das Hochgebirge ausgerüsteten Soldaten aber blieb die anhaltende Kälte, obwohl Hochsommer, ein ständiger Begleiter. Die Familien zu Hause erfuhren durch die «Landeszeitung», wie Schneegestöber und Kälte zu schaffen machten und dass den Soldaten auf dem Pass die Gewehre eingefroren seien. Weil es keine Kampfhandlungen mit dem italienischen Feind gab, war es für den Kommandanten nicht immer einfach, die Disziplin der Truppe aufrechtzuerhalten. Mehrere Soldaten erhielten Strafen wegen «unordentlichem Betragen», wegen «Räsonieren über die Verpflegung» – aber vor allem wegen Trunkenheit.
Alle wohlbehalten in die Heimat zurückgekehrt
Die liechtensteinischen Soldaten, mitgenommen von den Witterungsbedingungen, waren froh, vom schneebedeckten Stilfserjoch Abschied nehmen zu können, ohne mit dem Feind in Berührung gekommen zu sein. Der Abmarschplan sah die gleiche Route wie beim Aufmarsch vor: Verabschiedung am 27. August in Südtirol, Eintreffen in Vaduz – unter Einschluss von zwei Ruhetagen – am 6. September. Die Truppe freute sich derart über die Heimkehr, dass die zwei Rasttage fallengelassen wurden und die Soldaten bereits am 4. September die Landesgrenze erreichten. Den letzten Abschnitt mussten die Heimkehrer nicht mehr zu Fuss bewältigen, denn ihnen wurde ein Konvoi von zwölf Wagen entgegengeschickt. Beim Empfang durch die Bevölkerung hielt Landtagspräsident Albert Schädler eine Ansprache und betonte dabei die «gute Manneszucht» der Soldaten, was er als «sicheres Kennzeichen einer verlässlichen und tüchtigen Truppe» wertete. Auf Schloss Vaduz, das damals als Stützpunkt des Militärs diente, wurden die Soldaten auf Kosten des Landes bewirtet – und zwar mit Suppe, Rindfleisch, Braten, Gemüse, Brot und zwei Schoppen Wein.

1868 – Auflösung des liechtensteinischen Militärs
Mit der Auflösung des Deutschen Bundes 1866 fielen die Bündnisverpflichtungen weg, die in Liechtenstein wegen der Finanzierung des Militärkontingents immer wieder für Auseinandersetzungen gesorgt hatten. Ein Jahr nach dem Feldzug legte die Regierung dem Landtag einen Gesetzesantrag für die Rekrutenaushebung für 1867/68 vor. Begründet wurde der Antrag damit, weiterhin eine kleine Armee zu unterhalten, die auch polizeiliche Aufgaben übernehmen könnte.
Der Landtag lehnte den Antrag der Regierung einstimmig ab. Letztlich blieb auch dem Fürsten keine andere Wahl, als der Auflösung des Militärs zuzustimmen. Fürst Johann II. verfügte mit Schreiben vom 12. Februar 1868 die ersehnte Abschaffung mit der Begründung: «Die Verhältnisse in der staatlichen Ordnung Deutschlands haben sich so geändert, dass Ich es für richtig halte, im Interesse Meines Fürstentums von der Unterhaltung eines Militärkontingentes abzusehen.»
Kam einer mehr zurück?
Der letzte Feldzug der liechtensteinischen Armee forderte keine Todesopfer, weil die Soldaten nie in Kampfhandlungen verwickelt waren. Alle Kämpfer kehrten gesund in die Heimat zurück. Oft wird die Geschichte erzählt, das Kontingent sei mit 81 Mann ausgerückt, aber mit 82 zurückgekehrt. Über den zusätzlichen «Soldaten» gibt es verschiedene Versionen. Eine davon erzählt, dass einer der Soldaten in Südtirol einen Knecht angeheuert und gleich mitgenommen habe. Die Geschichte klingt zwar schön, stimmt aber nicht. Der frühere Regierungschef Alexander Frick ist der Frage nachgegangen: Tatsächlich habe ein zusätzlicher Mann die Rückkehrer begleitet, aber es sei kein Knecht gewesen, sondern der österreichische Leutnant Radinger. Frick fand dafür die Bestätigung in einem Brief von Kommandant Peter Rheinberger an seine Frau, als er den Besuch von Leutnant Radinger ankündigte und seine Frau gebeten hat, im Haus das «Visit-Zimmer» für den Gast herzurichten.

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