Leserbrief des Liberalen Forums Liechtenstein
Seit unserem Beitrag «Schlechte Wette mit fremdem Boden» ist der Planungsprozess weitergelaufen. Der SUP-Entwurf liegt vor; Stellungnahmen sind bis Ende September möglich. Umso wichtiger ist die Reihenfolge: erst Messdaten und unabhängige Gutachten, dann Eignungsgebiete.
Die Grössenordnung ist erheblich. Rund zehn Grossanlagen der 6-MW-Klasse mit Rotoren um 160 Meter müssten 90 bis 110 GWh pro Jahr liefern, um die beworbenen 23 – 28 Prozent zu erreichen. Das wären 9 – 11 GWh je Anlage. Rechnerisch möglich; standortbezogen aber nicht belegt. Die LKW-Unterlagen nennen 1200 – 2400 Volllaststunden. Diese Bandbreite entscheidet über Ertrag, Kosten und Nutzen.
Das Rheintal ist kein gleichmässig angeströmter Küstenstandort. Es hat ein thermisches Talwindsystem, Kaltluftseen und nicht stationären Föhn. Die Föhnforschung beschreibt schnelle Wechsel, räumliche Unterschiede, Turbulenz und das Verdrängen kalter Luftschichten bis zum Bodensee. Jahresmittelwerte und Windkarten reichen nicht. Nötig sind Zeitreihen in Nabenhöhe: Windrichtung, Windscherung, Turbulenz, Böen, Extremwind, Abschaltzeiten und Flauten.
Physikalisch unstrittig ist: Eine Windenergieanlage entzieht der Luftströmung kinetische Energie. Hinter dem Rotor sinkt die mittlere Strömungsgeschwindigkeit; Turbulenz und Durchmischung nehmen zu. Studien grosser Windparks zeigen Effekte auf Temperatur, Feuchte und Bodenwasser. Ob solche Effekte im engen Tal ausgeschlossen werden können, weiss derzeit niemand.
Der Föhn prägt Temperatur, Luftfeuchte, Nebelauflösung, Verdunstung und den Austausch zwischen Rheintal und Bodenseeraum. Landwirtschaft, Vegetation und Wasserhaushalt reagieren empfindlich darauf. Die SUP muss daher untersuchen, wie Rotorreihen Nachläufe, Kaltluftabfluss, Durchmischung, Bodenfeuchte und Föhnpropagation verändern können. Dafür braucht es ein unabhängiges Strömungsgutachten mit Anlagengeometrie, Gelände und Messdaten.
Hinzu kommen Hitzeflauten und Föhnstürme. Bei Flauten weht kaum nutzbarer Wind; bei Föhnlagen treten regelmässig Sturm- und Orkanböen auf. Moderne Anlagen müssen dann abregeln oder abschalten. Die Kernfrage: Wie hoch ist der verlässlich verfügbare Stromertrag?
Anlagen mit über 200 Metern Gesamthöhe wären dominante Industrieanlagen in einem Grenz- und Siedlungsraum. Naherholung, Tourismus, Vogelflug, Fledermäuse, Lärm, Schattenwurf und Immobilienwerte sind reale Kosten – ebenso Netzausbau, Regelenergie, Rückbau und Entsorgung.
Unser Anliegen ist weder Technikfeindlichkeit noch Ideologie, sondern eine Beweislastregel: Wer einen sensiblen Talraum industrialisieren will, trägt die Beweislast. Er muss zeigen, dass Ertrag, Versorgungseffekt und Gesamtbilanz die Eingriffe rechtfertigen. Bis Messkampagnen, unabhängige Modelle und Vollkosten offenliegen, darf es keine Vorfestlegung geben. Das Rheintal ist kein Versuchskanal – und die Bevölkerung kein Risikoträger.
Liberales Forum:
Quellenbasis
- Liechtensteinische Regierung / LLV (14.07.2026): Entwurf des Planungs- und Umweltberichts zur SUP wurde zur öffentlichen Konsultation freigegeben; Frist 30.09.2026. https://www.llv.li/de/medienmitteilungen/entwurf-zum-planungs-und-umweltbericht-der-strategischen-umweltpruefung-sup-zur-festlegung-von-windeignungsgebieten-im-landesrichtplan-geht-in-die-oeffentliche-konsultation
- LKW-Projektinformation Windkraft in Liechtenstein (25.10.2024): Genannte Standorterträge, 1.200–2.400 Volllaststunden, rund 110 GWh Potenzial und beispielhafte Vestas V162-6.2 MW.
- Richner et al. (2006), Meteorology and Atmospheric Physics: Unstationary aspects of foehn in a large valley, Part I. DOI: 10.1007/s00703-005-0134-y.
- Drobinski et al. (2007), Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society: Föhn in the Rhine Valley during MAP: review of multiscale dynamics and interaction with cold-air pools. DOI: 10.1002/qj.70.
- Gohm et al. / MAP-Föhn-Forschung: Numerische und beobachtungsbasierte Untersuchungen zeigen die rasche, komplexe Föhnpropagation im unteren Alpenrheintal und bis zum Bodensee.
- Zhou et al. (2012), Nature Climate Change: Impacts of wind farms on land surface temperature. DOI: 10.1038/nclimate1505.
- Armstrong et al. (2014), Remote Sensing: Satellite observations of nocturnal land-surface-temperature effects. DOI: 10.3390/rs61212234.
- Miller & Keith (2018), Joule: Climatic impacts of wind power; grossräumige Modellierung, nicht direkte Übertragung auf Liechtenstein. DOI: 10.1016/j.joule.2018.09.009.
- Wang et al. (2023): Wind farms dry surface soil in temporal and spatial variation; standort- und zeitabhängige Befunde, keine direkte Rheintalstudie.
- Hermann Lenherr (30.05.2026), Werdenberger & Obertoggenburger: Kritische Auswertung offizieller Vaduz-Winddaten und thermischer Talwindrhythmik; journalistischer Fachbeitrag, kein peer-reviewter Standortnachweis.
- Baumgartner / Danckert, Liberales Forum (21.06.2026): „Windkraft im Rheintal: schlechte Wette mit fremdem Boden“ – Langversion, https://www.liberalesforumliechtenstein.com/artikel/windkraft-im-rheintal-schlechte-wette-mit-fremdem-boden/.

