Forum/Leserbrief von Initiative A
Die aktuellen Zahlen des Krebsregisters Ostschweiz verdienen eine vertiefte Einordnung. Im Zeitraum 2020 bis 2024 steigen sowohl die absoluten Fallzahlen als auch die altersstandardisierte Inzidenz. Damit lässt sich die Entwicklung nicht allein durch Bevölkerungswachstum und Alterung erklären. Wenn sich Krebsdiagnosen und Krebstodesfälle über mehrere Jahre auffällig verändern, reicht es nicht, Fallzahlen zu veröffentlichen. Entscheidend ist die Frage nach den Ursachen.
Welche Rolle spielen veränderte Früherkennung, Diagnostik, Meldeverfahren, bekannte Risikofaktoren, Infektionen oder neue medizinische Interventionen? Gibt es zeitliche Brüche oder Entwicklungen, die durch bekannte Faktoren nicht hinreichend erklärt werden?
Genau hier beginnt Ursachenforschung.
Für weitergehende Analysen sollten Registerdaten mit zusätzlichen medizinischen Informationen verknüpft werden können. Relevant wären je nach Forschungsfrage Vorerkrankungen, Infektionshistorie, Medikation, Impfstatus und Zeitpunkt medizinischer Interventionen sowie Tumorstadium, Histologie, Progression, Therapie und Krankheitsverlauf.
Es geht nicht darum, aus zeitlichen Zusammenhängen vorschnell Kausalität abzuleiten. Ohne geeignete Daten lassen sich mögliche Zusammenhänge jedoch weder belastbar bestätigen noch verwerfen.
Seit 2020 haben sich wesentliche Rahmenbedingungen verändert. Dazu gehören Infektionsgeschehen, Belastungen des Gesundheitssystems, verschobene Vorsorge und Diagnostik sowie neue medizinische Interventionen. Wissenschaftlich ist zu prüfen, welche Faktoren kausal Veränderungen bei Inzidenz, Diagnosezeitpunkt, Tumorstadium und Mortalität erklären können. Dafür braucht es geeignete Daten, transparente Methoden und hypothesenoffene Forschung.
Auch die Medien sind gefragt
Auch der Journalismus sollte genauer nachfragen. Neue Fallzahlen sind Ausgangspunkt einer Recherche, nicht ihr Ende:
Welche Tumorarten und Altersgruppen treiben den Anstieg?
Welche Faktoren können die Entwicklung erklären?
Gibt es auffällige zeitliche oder klinische Muster?
Welche Daten fehlen, um alternative Hypothesen zu prüfen?
Welche dieser Daten werden bereits erhoben und ausgewertet?
Die Bevölkerung darf erwarten, dass auffällige Entwicklungen methodisch sauber analysiert und plausible Hypothesen anhand geeigneter Daten geprüft werden.
Die Auswahl wissenschaftlicher Fragestellungen darf nicht davon abhängen, ob mögliche Antworten politisch oder gesellschaftlich angenehm sind. Zugleich gilt: Eine Hypothese ist kein Befund und eine zeitliche Korrelation kein Beleg für Kausalität.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: «Wie viele Krebsfälle gibt es?» Sondern: «Warum steigen diese Krebskennzahlen und verfügen wir über die notwendigen Daten, um mögliche Ursachen belastbar voneinander zu unterscheiden?»
Nachweise:
Marcel Blume, Krebsregister Ostschweiz, Jahresbericht 2025, 07.2025, https://ostschweiz.krebsliga.ch/krebsregister-ostschweiz-forschung/publikationen/jahresberichte/-dl-/fileadmin/krebsliga_ostschweiz/downloads/jahresberichte/kr_JB_KROCH_2025_OCHFL_vo.pdf

