Julia Weissenhofer: Olympia 2028 in Los Angeles als grosses Ziel

Julia Weissenhofer

Die Eschner Kunstturnerin Julia Weissenhofer tastet sich langsam an die Weltspitze heran. Vor ein paar Wochen hat Julia Weissenhofer ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Die 18-jährige Sportlerin des Jahres schaffte im bulgarischen Varna zum ersten Mal den Sprung auf ein Weltcup-Podest. Die einzige Liechtensteinerin auf diesem Niveau hat ein klares Ziel vor Augen: die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.

Grosse Herausforderungen warten in diesem Jahr schon mit der EM in Zagreb und der WM in Rotterdam. Julia Weissenhofers Trainingsstützpunkt ist das Leistungszentrum in Dornbirn. Dort besucht sie auch das Sport-Gymnasium.

Julia, du stammst aus einer sehr sportlichen Familie, deine Mutter Yvonne ist eine bekannte frühere Leichtathletin, dein Bruder Jonas ist Fussball-Nationalspieler, auch Vater Helmuth ist ein ehemaliger Fussballer. Wie bist du ausgerechnet zum Kunstturnen gekommen?
Julia Weissenhofer: Als kleines Mädchen sah ich Kunstturnen im Fernsehen und war sofort fasziniert. Nach einigen Umwegen über das Geräteturnen und anderen Sportarten landete ich schliesslich über eine Freundin beim Schnuppertraining im Kunstturnen. Es war Liebe auf den ersten Blick: Unsere Trainerin Dagmar pushte uns von Anfang an, sodass wir uns kontinuierlich verbesserten. Obwohl ich in jungen Jahren neben dem Kunstturnen auch im Eiskunstlaufen und in der Leichtathletik aktiv war, blieb das Turnen meine ganz grosse Leidenschaft.

Vor ein paar Wochen hast du es in Varna im Sprungbewerb zum ersten Mal aufs Weltcup-Podest geschafft. Wie stufst du diesen Erfolg ein?
Für mich und das gesamte Liechtensteiner Kunstturnen ist das ein riesiger Erfolg. Niemals hätte ich mir träumen lassen, einmal so weit zu kommen. Ich war nicht das typische Riesentalent – hinter diesem Erfolg steckt einfach unglaublich viel harte Arbeit.

Es braucht eine gehörige Portion Mut dazu

Der Sprung ist deine Paradedisziplin. Welche Eigenschaften braucht es, um bei diesem Gerät erfolgreich zu sein?
Es braucht Explosivität, Präzision und eine gehörige Portion Mut! Eine wertvolle Grundlage dafür legte ich bereits in meiner Kindheit, als ich gemeinsam mit meiner Mama Leichtathletik, insbesondere Schnelligkeit, trainierte. Doch ebenso wichtig wie diese Basis sind die Details im entscheidenden Moment: die Schnelligkeit im Anlauf, die explosive Kraft beim Abdruck und eine perfekte Orientierung in der Luft. Nur so gelingt es, die komplexen Drehungen punktgenau in den sicheren Stand zu bringen.

In welchen anderen Geräten siehst du ebenfalls Chancen auf gute Platzierungen?
Neben dem Sprung zählt auch der Boden zu meinen grossen Stärken, da das Gerät dieselbe Explosivität erfordert. Als eine der eher grösseren Turnerinnen kann ich meine Sprungkraft dabei sehr gut einsetzen. Die Bewegungen wirken automatisch höher und eleganter. Dank meiner langen, explosiven Beine habe ich bei den Spagatsprüngen zudem genug Zeit, in der Luft eine perfekte Linie zu halten – was sich regelmässig in meinen Noten widerspiegelt. Nach einer Fussoperation habe ich in den akrobatischen Bahnen zwar aktuell noch einige Schwierigkeiten, aber mit etwas Zeit und gezielter Arbeit werde ich mich auch dort wieder an mein volles Potenzial herantasten. Beim Stufenbarren bringe ich ebenfalls gutes Potenzial mit. Trotz meiner Körpergrösse habe ich den Abstand zwischen den Holmen extrem gut im Griff. Über die Jahre habe ich ein starkes Körpergefühl entwickelt und weiss «blind», wo die Stangen liegen. Zwar fehlen mir momentan –
ähnlich wie am Boden – noch einige flüssige Verbindungen, und es braucht noch etwas Zeit, um die finale Übung stabil zusammenzustellen. Die Basis und das Gespür für das Gerät sind jedoch da.

Du hast schon im Alter von 10 Jahren dein Zuhause verlassen, kamst zu einer Gastfamilie in Will und hast beim St. Galler Verband trainiert. Wie denkst du heute über diesen Schritt?
Der Wechsel nach Wil mit gerade einmal 10 Jahren war rückblickend ein enorm mutiger Schritt – doch er war notwendig, um meinen Traum vom Kunstturnen auf höherem Niveau zu verwirklichen. Heute staune ich selbst manchmal über meinen damaligen Mut. Diese Zeit hat mich extrem geprägt: Ich habe schon früh gelernt, selbstständig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Ein riesiges Glück war dabei meine Gastfamilie. Sie hat mir den Start im neuen Umfeld unglaublich erleichtert. Auch wenn ich heute nicht mehr dort wohne, besteht der enge Kontakt bis heute – sie sind für mich zu einem echten zweiten Zuhause geworden.

 

Julia Weissenhofer hat in den vergangenen Monaten grosse Fortschritte erzielt
und glänzt auch auf dem internationalen Parkett.

 

Wechsel nach Dornbirn die beste Entscheidung

Seit zwei Jahren trainierst du im Leistungszentrum Dornbirn und besuchst dort auch das Sport-Gymnasium. Fühlst du dich dort gut aufgehoben?
Der Wechsel war eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens, denn ich habe mich von der ersten Minute an absolut aufgehoben gefühlt. Mit Daniel und Katerina Rexa als Trainerehepaar an meiner Seite habe ich eine optimale Betreuung. Zusätzlich motiviert mich das Training mit den anderen Turnerinnen enorm: Wir sind Freundinnen und Konkurrentinnen zugleich –
eine perfekte Mischung, um uns gegenseitig zu Höchstleistungen zu pushen. Unterstützt durch das Sportgymnasium, das mir den nötigen Freiraum für den intensiven Sport lässt, stimmt das gesamte Umfeld, um sportlich und persönlich zu wachsen.

Die nächsten Grossanlässe sind die EM in Zagreb im August und die WM im Oktober in Rotterdam. Was sind deine Ziele?
Da ich in diesem Jahr noch keinen Mehrkampf bestritten habe, fehlen mir aktuell die genauen Punktewerte. Die Staatsmeisterschaften in Österreich und der Länderkampf in Wien – der gleichzeitig als EM-Qualifikation dient – werden eine erste wichtige Standortbestimmung sein. Das grosse Ziel ist die Europameisterschaft in Zagreb. Dort möchte ich an meine starke EM-Leistung vom Vorjahr anknüpfen, die magische 50-Punkte-Marke knacken und im besten Fall das All-Around-Finale erreichen. Auch für das Sprung-Finale werde ich zwei Sprünge bereithalten. An die Weltmeisterschaft im Oktober denke ich derweil noch nicht zu viel.

In die Fussstapfen von Mutter Yvonne treten

Kommen die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles für dich noch zu früh oder ist die Teilnahme dort dein grosser Traum?
Mein grösstes Ziel, seit ich fünf Jahre alt bin, sind die Olympischen Spiele. Da meine Mutter selbst Olympionikin ist, möchte ich in ihre Fussstapfen treten. Los Angeles 2028 kommt dafür wie gerufen: Bis dahin werde ich deutlich mehr Erfahrung mitbringen als noch 2024 bei meinem Debüt in der Elite. Auch mein Trainerteam blickt absolut positiv auf dieses Ziel. Da wir in unserer Trainingsgruppe gleich mehrere Turnerinnen sind, die denselben Traum teilen, pushen wir uns und arbeiten Tag für Tag gemeinsam an diesem grossen Meilenstein.

Bei so viel Training, Wettkämpfen und Schule: Bleibt überhaupt noch Zeit für Hobbys übrig?
Das dichte Programm aus Sport und Schule ist vor allem eine Frage der Organisation. Da die Schule mir relativ leichtfällt, bleibt mir genug Freiraum für mein Umfeld – und meine Freunde, die selbst aus dem Sport kommt, bringt volles Verständnis dafür auf, dass das Training oft vorgeht. In meiner Freizeit liebe ich die Abwechslung: Im Sommer bin ich gerne auf dem Motorrad unterwegs oder gehe baden, im Winter zieht es mich auf die Skipisten in Malbun. Ein besonderer Ausgleich sind zudem die Fotoshootings mit einem Kollegen. Ansonsten geniesse ich die freien Tage am liebsten ganz entspannt zu Hause im Kreis meiner Familie und mit meiner Katze.

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