Leserbrief von Dr. Norbert Obermayer, Auf Berg 44, Mauren FL

 

Im Vaterland vom 9. Juli wird unter der Überschrift «Vom Narkosemittel zur Partydroge» beschrieben, dass Ketamin unter anderem konsumiert wird, weil es «enthemmend wirkt». Diese scheinbar beiläufige Bemerkung wirft eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage auf. Enthemmung bedeutet den Verlust von Selbstkontrolle. Sie kann Aggressionen fördern, Hemmschwellen abbauen und auch zu sexueller Freizügigkeit führen. Damit steigt zwangsläufig das Risiko ungewollter Schwangerschaften.

Gleichzeitig erleben wir eine politische Debatte, in der genau die Folgen einer solchen Entwicklung möglichst folgenlos gemacht werden sollen. Die Fristenlösung wird als Ausdruck von Selbstbestimmung und Fortschritt dargestellt. Ist das nicht ein bemerkenswertes Paradoxon?

Einerseits scheint eine Kultur akzeptiert oder sogar gefördert zu werden, in der Selbstbeherrschung, Verbindlichkeit und Verantwortung an Bedeutung verlieren. Andererseits sollen die Folgen dieses Lebensstils medizinisch, rechtlich und künftig sogar über die Krankenkassen beseitigt werden. Schwangerschaft erscheint damit beinahe als eine Art «behandlungsbedürftiger Zustand». Doch Schwangerschaft ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Folge menschlicher Sexualität.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Abtreibung legalisiert werden soll. Die entscheidende Frage ist, welches Menschenbild und welche Ethik wir unseren Kindern vermitteln. Ist Freiheit die Abwesenheit von Verantwortung? Oder gehört zur Freiheit gerade die Fähigkeit, die Folgen des eigenen Handelns zu tragen?

Eine Gesellschaft lebt nicht allein von Rechten. Sie lebt ebenso von Tugenden: Selbstbeherrschung, Treue, Verlässlichkeit und Verantwortung. Werden diese Werte schleichend durch Beliebigkeit ersetzt, leidet nicht nur der Schutz ungeborenen Lebens, sondern auch der gesellschaftliche Zusammenhalt. Verbindliche Partnerschaften und Monogamie verlieren dann ihre kulturelle Bedeutung – nicht durch ein Gesetz, sondern durch einen schleichenden Wertewandel.

Vielleicht sollten wir weniger darüber diskutieren, wie wir die Folgen der Enthemmung beseitigen, sondern mehr darüber, wie wir wieder Verantwortung, Charakterbildung und eine Kultur der Verbindlichkeit stärken.

 

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