Erstes Radrennen vor 100 Jahren: Erstes Radrennen vor 100 Jahren Die «Giganten der Landstrasse» waren auch in Liechtenstein aktiv

1976: Tour de Suisse, Etappe Amden–Vaduz/Gaflei: Sieger auf dem Podest bei der Übergabe des Ehrenpreises des Fürsten Franz Joseph II.; dritter von rechts (mit Pokal) Baron Eduard von Falz-Fein, links der damalige Erbprinz Hans-Adam II.; 1976.06; SgAV 05/0168/002; Copyright: Xaver Jehle, Schaan; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz

Das 19. Jahrhundert ist auch eine Geschichte des Fahrrads. Der deutsche Freiherr von Drais konstruierte 1817 das erste Laufrad. Daraus entwickelte sich das Fahrrad. Bald gab es Wettbewerbe, die Vorläufer der Radrennen, dann richtige Radrennen. Das erste Radrennen in Liechtenstein wurde 1926 organisiert – vor 100 Jahren. Denkwürdig vor 50 Jahren war die Bergankunft der Tour de Suisse auf Gaflei.

Als Freiherr Karl von Drais am 12. Juni 1817 die erste Ausfahrt mit seinem Laufrad in der Gegend von Mannheim unternahm, deutete noch nichts auf die später folgende Entwicklung des Fahrrads mit Tretkurbeln und Kette hin. Ob die «Laufmaschine» in Liechtenstein überhaupt bekannt wurde, ist nicht bekannt. Gesichert aber ist, dass es nach dem Drais-Ausflug Jahrzehnte dauerte, bis das erste Fahrrad gesichtet wurde. Wie Adulf Peter Goop in seinem Buch «Liechtenstein gestern und heute» berichtet, habe der Arzt Rudolf Schädler im Jahr 1880 begonnen, die Patienten mit einem Rad zu besuchen. Wilhelm Altenöder aus Bendern kaufte sich 1891 ebenfalls ein Fahrrad, um damit schneller zu seiner Braut nach Mauren zu gelangen. Altenöder gründete mit anderen Fahrradliebhabern 1898 einen Fahrradverein, der sich Liechtensteiner Schwalben nannte. Schon vier Jahre vorher hatte die Regierung beschlossen, die drei Landweibel zur Erhöhung der Mobilität mit «Velocipeds» auszustatten. Dem Beispiel der Liechtensteiner Schwalben folgend, gab es bald auch Radfahrvereine in anderen Gemeinden. Wie einige Vereinsmitglieder bald herausfanden, eignete sich das Fahrrad nicht nur zu gemütlichen Ausfahrten, sondern auch zum Kräftemessen – der Weg zum Fahrradsport und damit zu Radrennen war damit vorbereitet.

1926:
Das erste Radrennen in Liechtenstein
Bis das erste Radrennen in Liechtenstein durchgeführt wurde, dauerte es allerdings einige Zeit. Erst am 22. August 1926 schickte der Liechtensteiner Radfahrerbund, der drei Jahre vorher gegründet worden war, ein Feld von 43 Fahrern aus Liechtenstein, der Schweiz und Österreich auf eine Rundstrecke. Das Rennen führte vom Restaurant Falknis in Vaduz nach Balzers, zurück nach Vaduz, dann ins Unterland und von dort zurück zum Ziel beim «Falknis», wo sich nicht nur viele Zuschauer eingefunden hatten. Auch die Harmoniemusik Vaduz hatte einen Auftritt und unterhielt die Schaulustigen mit musikalischen Einlagen. Sieger des Rennens wurde der Österreicher Ferdi Bösch vor dem Schweizer Adolf Wirth und dem Liechtensteiner Alfred Marxer aus Mauren. Für Marxer war der Platz auf dem Podium offenbar Ansporn für weitere sportliche Leistungen: Er wanderte 1929 nach Amerika aus und wurde Berufsfahrer in Chicago. Von den 43 gestarteten Rennfahrern erreichten 24 das Ziel, worunter auch Guntram Hartmann (von Vaduz in Lausanne), Emil Marxer (von Mauren in Zürich), Arthur Schreiber (Schaanwald), Josef Geier (Vaduz) und Michael Rant (Schaan) waren.

Das «Liechtensteiner Volksblatt» berichtete über das erste Radrennen und sparte dabei nicht mit guten Ratschlägen: «Eine Sportbeteiligung in vernünftigen Bahnen, die den Sport nicht um seinetwillen, sondern zur Ertüchtigung der Jugend auffasst, ist zu begrüssen. In diesem Sinne fassen wir auch solche sportlichen Veranstaltungen bei uns auf: Die jungen Leute für ein Sportleben in angemessenem Ausmasse zu begeistern.»

 

Fürstin Gina und Fürst Franz-Josef II. bei Gratulation und Übergabe von Blumen an Radfahrer; 1946; B 835/001/010; Copyright: Baron Eduard von Falz-Fein, Vaduz; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz

 

Radfahrer beim Anstieg auf Schloss Vaduz; 1946; B 835/001/016; Copyright: Baron Eduard von Falz-Fein, Vaduz; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz

 

1946:
Erstmals Durchfahrt der Tour de Suisse
In den Nachbarländern entwickelte sich der Radsport schneller als in Liechtenstein. Schon 1933 wurde erstmals der Startschuss für die Tour de Suisse gegeben, damals eines der wichtigstes Mehretappenrennen unterhalb der drei Spitzenreiter Tour de France, Giro d’Italia und spanische Vuelta. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten die Veranstalter das Fürstentum Liechtenstein als Durchfahrtsstrecke oder als Etappenort. Grosse Vorfreude herrschte, als bekannt wurde, die Tour de Suisse werde am 19. Juli 1946 das Land durchfahren. Es war die siebte Etappe, von Arosa nach St. Gallen. Der Etappenplan führte die Fahrer von Balzers nach Schaan, wo der Tross das Land wieder in Richtung Buchs verliess. Wie die Zeitungen damals berichteten, standen überall interessierte Zuschauer an den Strassen, insbesondere an jenen Stellen, wo Punkte bei Sprints zu gewinnen waren. In Vaduz befanden sich auch Fürst Franz Josef II. und Fürstin Gina unter den vielen sportbegeisterten Zuschauern, die als ersten Fahrer den Schweizer Kurt Zaugg beklatschen konnten, der sich mit etwa vier Minuten Vorsprung vom Feld abgesetzt hatte.
Das Interesse in Liechtenstein an der Tour de Suisse war geweckt. Nach der kleinen Durchfahrt folgte am 16. August 1947 eine Etappenankunft in Vaduz. Die Etappe von Zürich nach Davos mit total 245 km war in drei Abschnitte aufgeteilt worden. Als Ziel der Drittelsetappe von Siebnen nach Vaduz war Schloss Vaduz auserkoren worden. Gewonnen wurde die Etappe nach dem kurzen, aber steilen Aufstieg zum Schloss vom Schweizer Walter Diggelmann, der bei der Siegerehrung zusätzlich einen von Fürst Franz Josef II. gestifteten Pokal entgegennehmen konnte. Nach der Ehrung begaben sich die Fahrer nach einer kurzen Pause von 90 Minuten auf den letzten Etappenabschnitt von Vaduz nach Davos, den der Italiener Gino Bartali gewann.

 

Tour de Suisse, Etappe Amden–Vaduz/Gaflei: Zielgelände mit Rennfahrern und Zuschauern kurz vor der Siegerehrung; 1976.06; SgAV 09/022/0040; Copyright: Xaver Jehle, Schaan; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz

 

Tour de Suisse: Sieger Hennie Kuiper bei der Zieleinfahrt; 1976.06;
SgAV 09/022/004; Copyright: Xaver Jehle, Schaan; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz

 

1976:
Die legendäre Gaflei-Etappe der Tour
Mehrmals war die Tour de Suisse anschliessend noch zu Gast in Liechtenstein. Den Radsportfreunden blieb davon vor allem die Etappenankunft auf Gaflei am 12. Juni 1976, also vor 50 Jahren, in Erinnerung. Sieger der Etappe, die von Amden nach Gaflei führte, wurde der Holländer Hennie Kuiper, in jenem Jahr mit dem Weltmeistertrikot unterwegs. Die Etappe von Amden nach Gaflei ging als eine der schwersten in die Geschichte der Tour de Suisse ein, auch beschrieben als legendäre Etappe mit dem härtesten Schlussanstieg. Das «Liechtensteiner Vaterland» überschrieb den Bericht über das Rennen mit «mörderische Samstagsetappe», die aber auch gekennzeichnet war von einem «gewaltigen Zuschaueraufmarsch».

Bevor es an Schloss Vaduz vorbei nach Triesenberg, Masescha und Gaflei ging, hatten die Rennfahrer bereits einige Steigungen hinter sich. Mit Roman Hermann war auch ein Liechtensteiner an der Tour de Suisse dabei. Schon vor der Einfahrt ins Land hatte er sich, ausgestattet mit Ortskenntnissen und Wissen über die Steigungsprozente, rund vier Minuten vor dem Feld abgesetzt. Der Vorsprung schmolz dann allerdings langsam dahin, am Ende erreichte er den 47. Rang, rund zehn Minuten hinter dem Sieger Hennie Kuiper.
Dramatisch war nicht nur die Etappe selbst, auch die Berichterstattung darüber war voll von dramatischen Schilderungen. Unter dem Titel «Irregulär» schrieb der Zürcher «Tagesanzeiger»: «Im Zickzack quälte sich René Pijen die Rampe von Vaduz nach Gaflei hinauf, Adriano Passuello schrie nach Wasser und einem Schwamm, Kevin Apter hielt sich mehrmals am Strassengeländer, um sich zu erholen, sein Teamgefährte Chris Dodd bewältigte das steilste Teilstück zu Fuss, und Günter Haritz hängte sich ganz einfach an ein Begleitfahrzeug an.» Alle Fahrer, auch die Stars, hätten an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gehen müssen, fasste der «Tagesanzeiger» das Rennen zusammen. Im Unterschied zu den Dramen der Fahrer erhielten die zahlreichen Zuschauer in den steilen Kehren von Masescha nach Gaflei ein Spektakel der Sonderklasse serviert. Zuschauer halfen mit Wasser, schoben die beinahe stillstehenden Fahrer und drohten den Rennkommissären, die das Stossen verhindern wollten, eine Tracht Prügel an.

Einer, der sich die Ereignisse der Schlusssteigung nicht entgehen liess, war Peter Rutz, damals ein aufstrebender Radrennfahrer, später langjähriger Präsident des Liechtensteinischen Radfahrerverbandes. Seine Rückschau fasst die Dramen, die sich auf den letzten Kilometern vor dem Etappenziel Gaflei abgespielt hatten, sehr anschaulich zusammen: «Amandus Hermann und ich sind mit extra angefertigten neuen Seidentrikots mit den Rädern hinaufgefahren. War das ein Erlebnis! Ich habe nie zuvor und auch nie mehr danach ein Rennen gesehen, bei dem die Fahrer derart hundskaputt im Ziel angekommen sind. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, als ich den grossen Tour-de-France-Helden Didi Thurau weinend am Rohrzaun hängen sah. Und das keinen Kilometer vor dem Ziel. Erst nach längerem Zureden ist Thurau dann doch noch einmal aufgestiegen und die letzten Meter ins Ziel gefahren. Damals habe ich zum ersten Mal erlebt, wie hart Radsport sein kann. Darüber konnte auch die eindrückliche Vorstellung des Solo-Siegers Hennie Kuiper nicht hinwegtäuschen, der damals im Weltmeister-Trikot den Grundstein zu seinem späteren Gesamtsieg gelegt hat.»

 

Previous articleWo der Staat fördert, sollte er auch hinterfragen