Forumsbeitrag/Leserbrief: Liberales Forum
Der neue Köder lautet: Die Bevölkerung soll «ins Boot». Doch Kernfragen bleiben unbeantwortet. Was gewinnen Liechtenstein, Wartau und Werdenberg durch Windkraftanlagen im engen Rheintal? Wer trägt die Folgen?
Der Verweis auf Wind als Winterstrom ist unvollständig. Wind produziert volatil und nicht bedarfsgerecht. Er ersetzt keine gesicherte Bandenergie, sondern benötigt Netzreserve, Speicher, Regelenergie und Eingriffe in Landschaft und Siedlungsraum. Gerade im Rheintal sind die Opportunitätskosten hoch. Wohnqualität, Landwirtschaft, Tourismus, Ortsbild, Biodiversität und Immobilienvermögen stehen zur Disposition.
Die Studienlage rechtfertigt Vorsicht. Windparks verändern bodennahe Wetterverhältnisse sowie Wind-, Luft- und Temperaturverhältnisse bis zu Bodenfeuchte und Bodenwasser. In einem Talraum, in welchem Föhnlagen, Kaltluftabflüsse, Nebelbildung und Bodenfeuchte wichtig sind, gehört diese Frage nicht in eine Werbebroschüre, sondern in ein unabhängiges wettertechnisches Gutachten.
Auch gesundheitliche Aspekte verdienen Beachtung. Entscheidend sind nicht nur Dezibelwerte, sondern tieffrequente Geräusche als Dauerbelastung, periodische Schallanteile, Schattenwurf, Sichtdominanz. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen eine anhaltende Diskussion über Auswirkungen auf Schlafqualität, Belästigung und Lebensqualität. Wer Anlagen nahe an Siedlungen errichtet, verlagert technische Risiken in private Wohnräume.
Die Umweltbilanz endet nicht am Netzanschluss. Eine Windkraftanlage ist ein industrielles Grossbauwerk aus Stahl, Beton, Kupfer, Elektronik und Verbundwerkstoffen für die Rotorblätter. Herstellung, Transporte, Fundamente, Wartung, Rückbau und Entsorgung gehören in eine vollständige Lebenszyklusbetrachtung. Schwache Windverhältnisse, grosse Fundamente, Netzausbau und Speicherbedarf verschlechtern die Gesamtbilanz.
Problematisch ist auch die Bürgerbeteiligung. Sie macht aus Betroffenen Kapitalgeber. Während Renditen kollektiv beworben werden, tragen Anwohner Risiken für Wohnqualität, Naherholung und Immobilienwerte individuell.
Das Rheintal braucht deshalb kein Beteiligungsmodell, sondern ein Moratorium. Keine Windkraft, bevor Vollkosten, Haftung, Rückbau, Gesundheitsabstände, örtliche Wetterwirkungen, Immobilienfolgen und Alternativen transparent bewertet sind. Diese Bilanz gehört in ein Gesamtkonzept, in dem auch die ganzjährig verfügbare Energie des Rheins ihren angemessenen Platz hat.
Red. Hintergrund, Quellennachweise
1) Wind farms dry surface soil in temporal and spatial variation (Wang et al., 2023, https://tethys.pnnl.gov/publications/wind-farms-dry-surface-soil-temporal-spatial-variation)
2) Association between exposure to wind turbines and sleep disorders: A systematic review and meta-analysis (Godono et al., 2023, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37844409/)
3) Gone with the wind: Valuing the visual impacts of wind turbines through house prices (Gibbons, 2015, https://ideas.repec.org/a/eee/jeeman/v72y2015icp177-196.html)
4) Wind turbine blade waste in 2050 (Liu/Barlow, 2017, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28215972/)

