Johann Wolfgang von Goethe hielt sich bei der Rückkehr von seiner italienischen Reise eine Nacht in Vaduz auf. Der Dichterfürst reiste mit dem Lindauer Boten, der damals nicht nur Briefe, sondern auch Personen auf der Strecke zwischen Lindau und Mailand beförderte. Über den Aufenthalt Goethes in Vaduz, auf einer Tafel am Rathaus verewigt, gibt es nur wenige Angaben.

Viele berühmte Frauen und Männer haben Liechtenstein schon besucht. Einer der berühmtesten unter ihnen dürfte Johann Wolfgang von Goethe sein. Der grosse Dichterfürst (1749 – 1832) war auf der Rückfahrt von seiner berühmten Reise nach Italien, als seine Gruppe 1788 in Vaduz einen kurzen Halt einlegte. Goethe hatte zur Reise über den Alpenkamm den Lindauer Boten benutzt, ein Fuhrunternehmen, das damals regelmässig mit Kutschen zwischen Lindau und Mailand verkehrte. Über den Aufenthalt von Goethe in Vaduz ist wenig bekannt. Mutmasslich übernachtete die Reisegruppe in der «Taverne», also im Gebäude des heutigen Landesmuseums, das damals als Gasthaus und Zollstation diente, später von 1856 bis 1905 auch als Sitz der Regierung. Aufzeichnungen über den Vaduzer Aufenthalt von Goethe sind der Nachwelt – mit Ausnahme der Buchhaltung – nicht überliefert.

 

 

 

Der Musiker Philipp Christoph Kayser, der Goethe in der Kutsche begleitete, hielt die Kosten in einem Ausgabenbuch fest: Für die fünftägige Reise zahlte jeder der Reisenden 61 Gulden. Im Preis enthalten waren die Beförderung sowie Übernachtungen und Essen. Wie Kayser aufzeichnete, erhielt der Kutscher von Goethe ein Trinkgeld von 1 Gulden und 12 Kreuzern, was Kritiker später als eher bescheiden betrachteten: Sie zogen einen Vergleich zu Taglöhnern, die zu jener Zeit 15 Kreuzer für einen Arbeitstag erhielten.

Reise nach Italien zur Bewältigung seiner persönlichen Krise
Den kurzen Halt zur Übernachtung in Vaduz legte Goethe bei seiner Rückkehr von seiner Italienreise ein. Ausgangspunkt für jene Reise war eine Schaffenskrise, aus der er sich befreien wollte. Goethe hatte Rechtswissenschaft studiert und arbeitete als Advokat in Wetzlar und Frankfurt. Daneben befasste er sich mit der Dichtkunst, in der er rasch Erfolge hatte. Mit dem Drama «Götz von Berlichingen» schaffte er den Durchbruch in der literarische Szenen, der 1774 veröffentlichte Roman «Die Leiden des jungen Werthers» machte ihn auch ausserhalb Deutschlands bekannt. Im Jahr nach diesem Erfolg berief Herzog Carl August von Sachsen-Weimar den Dichter an seinen Hof, wo er politische Ämter bekleidete und das Weimarer Hoftheater leitete. Die Doppelrolle führte zur Vernachlässigung seiner dichterischen Ambitionen, was die erwähnte Schaffenskrise auslöste. Einige seiner Hauptwerke lagen zu diesem Zeitpunkt bereits in Fragmenten vor, wie etwa «Faust», warteten aber noch auf ihre Vollendung.

Am 3. September 1786 brach Goethe zu seiner Reise nach Italien auf, wo er sich neue Impulse für sein dichterisches Schaffen erhoffte. In Weimar zurück war er erst wieder am 18. Juni 1788. Die Reise nach Italien hatte sich offensichtlich gelohnt, denn in Briefen an Freunde schrieb er von einer «Wiedergeburt» und davon, eine «neue Jugend» gefunden zu haben, was wohl eine Anspielung auf seine erotischen Abenteuer sein dürfte. Die Eindrücke der Reise durch Italien, die er in Tagebüchern festhielt, fasste Goethe einige Jahre später in einem Werk «Italienische Reise» zusammen. Die Hauptstadt Rom war das Ziel der Italienreise, das er über mehrere Etappen im November 1787 erreichte, nachdem er verschiedene Zwischenaufenthalte eingeschaltet hatte, beispielsweise in Verona und Venedig. Sein erster Rom-Aufenthalt dauerte über den folgenden Winter, bevor er sich zu einer längeren Reise nach Neapel und Sizilien aufmachte. Der zweite Rom-Aufenthalt nach seiner Rückkehr aus Süditalien, bei dem er sich auch intensiv mit Zeichnen und Malen beschäftigte, dauerte bis April 1788. Auch auf der Rückreise legte er eine Reihe von Zwischenaufenthalten ein – in Siena, Florenz und Mailand.

In Mailand bestieg er eine Kutsche des Lindauer Boten, die ihn über den Alpenkamm führte, vom Comersee über den Splügenpass, mit Aufenthalten in Splügen und Chur, dann über die St. Luziensteig nach Liechtenstein. In Vaduz verbrachte er die Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni. In seinem Werk «Italienische Reise» verzichtete Goethe auf die Schilderung seiner Rückreise von Italien nach Weimar, womit es leider keine Eindrücke des Dichterfürsten über den Kurzaufenthalt in Vaduz gibt. Aber eine Notiz in einem Ausgabenbuch, das sein Reisebegleiter führte, bestätigt die Übernachtung –
wie schon erwähnt – in der «Taverne».

 

 

 

Goethes Novelle – eine Inspiration nach seinem Vaduz-Aufenthalt?
Wenn Johann Wolfgang von Goethe von der «Taverne» nach oben schaute, erblickte er Schloss Vaduz. Ob ihn der Anblick der stolzen Burg und die bewaldete Bergwelt ringsum zu einem Dichterwerk inspiriert hat, weiss man nicht genau. Aber es gibt eine Reihe von Interpretationen, dass die Erzählung mit dem einfachen Titel «Novelle» mit Vaduz und dem Fürstenhaus zu tun habe. Die erste Fassung der «Novelle» entstand bereits 1797, damals noch unter dem Titel «Die Jagd». Fast drei Jahrzehnte später befasste sich Goethe wieder mit der Jagdgeschichte, ergänzte die Versversion und legte sie als Prosawerk im Jahr 1828 in gedruckter Form vor.

Die Novelle beschreibt eine fürstliche Jagdgesellschaft und einen Markt in einem Städtchen, in dem sich auch ein Zirkus mit Raubtieren aufhält. Ein Löwe und ein Tiger reissen aus, bringen Panik in die kleinstädtische Idylle. Goethe selbst erklärte die Grundidee des Werks: «Zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwungen werde, war die Aufgabe dieser Novelle.» Von Goethe selbst ist nicht überliefert, wo er die Novelle geografisch angesiedelt hatte, wo sich die Burg und das kleine Städtchen befinden. Zahlreiche Literaturkritiker reizte es jedoch, die Handlung der Novelle mit einem bestimmten Ort zu verknüpfen. Im Vorwort zu einer Ausgabe der Novelle, die 1971 im Liechtenstein-Verlag erschienen ist, schreibt Robert Allgäuer, damals in seiner Funktion als Leiter der Landesbibliothek, es sei ein ebenso reizvoller wie spielerischer Gedanke, «sowohl die landschaftliche Zeichnung der Novelle wie das darin aufgezeigte humane Staatsbild für ein vergangenes oder zukünftiges Wunsch-Liechtenstein, den vorbildlichen Ideal-Mikrostaat, subjektiv und unbeschwert in Anspruch zu nehmen». Robert Allgäuer, später unter Fürst Franz Josef II. Kabinettsdirektor auf Schloss Vaduz und Fürstlicher Rat, stellte die Goethe-Schilderung der Landesbeschreibung von Rentmeister Josef Fritz und der Chronik von Jakob Helbert aus Eschen gegenüber, was einen Kontrast zur Novelle mit dem schönen Städtchen und der stolzen Burg ergibt. Der Rentmeister zählte gerade einmal 103 Häuser und 469 Untertanen, die sich an Sonn- und Feiertagen gerne beim Zechen und Trinken in den Wirtshäusern unter dem Schloss getroffen hätten, das in «schlechtem und elenden Zustande» sei. Helbert notierte für das Jahr 1788, Liechtenstein sei ein armes Land, die Bauern stark verschuldet, die vielen Bettler und Landstreicher eine Landplage.

Eindeutig lässt sich, allein wenn man diese Schilderung einander gegenüberstellt, die Frage nach dem Schloss und dem Städtchen nicht beantworten. Wahrscheinlich liess Goethe dichterische Freiheit walten und mischte in seiner Novelle verschiedene Orte zu einem Bild zusammen. Während die einen die Erzählung Liechtenstein zuordnen, sehen andere eine böhmische Landschaft am Fuss des Erzgebirges, wieder andere Rudolstadt an der Saale mit Schloss Greifenstein. Robert Allgäuer lässt offen, ob es sich seiner Ansicht nach um Vaduz handle, lässt aber durchblicken, Goethe habe sich vielleicht bei der Abfassung der Novelle vom Landschaftserlebnis Liechtenstein inspirieren lassen – denn schliesslich habe sich der Dichter, wenn auch nur kurz, in Vaduz aufgehalten.

Die Beziehungen Goethes zum Fürstengeschlecht Liechtenstein
Auch wenn es in der Novelle von Goethe keinen direkten und eindeutigen Bezug zum Fürstentum Liechtenstein gibt, pflegte er mit dem Fürstengeschlecht der Liechtenstein doch mannigfache Beziehungen. Bei seinem ersten Aufenthalt in Rom machte er Bekanntschaft mit einem Prinzen von Liechtenstein, der ihm offenbar einige römische Türen öffnete, zu denen nicht jeder Zugang hatte. Dabei ging es vor allem um Sammlungen von römischen Aristokraten und um Kunst in Klöstern. Goethe schätzte aber auch den Umgang mit dem jungen Adeligen, der ihm die aristokratische Welt Roms erschloss und der ihn immer wieder zum Mittag- oder Abendessen einlud. Als er nach seinem Abstecher nach Süditalien wieder nach Rom zurückkehrte, war der Prinz von Liechtenstein nicht mehr in Rom, sondern nach Frankreich abgereist. Die Verbindungen zum Haus Liechtenstein aber blieben, auch nachdem Goethe nach Weimar zurückgekehrt war. Überliefert sind Begegnungen auf den Besitzungen in Böhmen, bei denen Goethe den Liechtensteinern aus seinen Werken vorlas. Durch die Vertreter des Fürstenhauses Liechtenstein fand Goethe Zugang zur österreichischen Aristokratie. In Karlsbad, wo sich Goethe immer wieder zu einer Kur aufhielt, gab es Spaziergänge und Gespräche über Ereignisse der Weltgeschichte mit adeligen Angehörigen aus Österreich, darunter Vertreter des Fürstenhauses Liechtenstein. Bleibt noch die Frage, wer denn dieser junge Liechtenstein war, den Goethe in Rom kennengelernt und der ihm den Zugang zum Adel in Österreich und Italien verschafft hatte? Der Historiker Volker Press lüftete das Geheimnis in seinem Werk «Goethe und das Haus Liechtenstein», nachdem es darüber verschiedene Spekulationen gegeben hatte: Es handle sich beim Prinzen um Josef Wenzel, den zweitgeborenen Sohn von Fürst Karl Borromäus von und zu Liechtenstein – zwar ein kaiserlicher Feldmarschall aus dem Fürstenhaus Liechtenstein, aber kein regierender Fürst des Fürstentums Liechtenstein.