In den vergangenen 105 Jahren hat das Vaduzer Städtle sein Bild grundlegend gewandelt. Gleiches gilt für den 1921 als Café Real gegründeten Gastronomiebetrieb inmitten des Vaduzer Zentrums. Gleichgeblieben ist der Fokus auf kulinarische Genüsse und Gastfreundschaft. Eine Tradition, die das «Chapter Two» fortführt.

Vier Tische standen Emil Real (1888–1962) für die Bewirtung seiner Gäste zur Verfügung, als er am 1. Mai 1921 sein Café Real in der heutigen Vaduzer Fussgängerzone eröffnet hat. Die Anfänge waren bescheiden, doch schon bald erfreute sich der Gastronomiebetrieb grosser Beliebtheit in der Bevölkerung. Emil Real ruhte sich auf diesem Erfolg aber nicht aus, sondern investierte in die Erweiterung seines Cafés und insbesondere in den Ausbau von dessen Angebot. 1935 setzt er das erste grosse kulinarische Ausrufezeichen in der Unternehmensgeschichte. Es war zwar keine Haute Cousine, die er seinen Gästen bot, aber etwas, das Liechtenstein so noch nicht kannte: «Güggile» vom Grill. So wurde das Café Real bald weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt und zu einem Anziehungspunkt für Geniesser.

Felix Real bringt die gehobene Gastronomie nach Vaduz
Felix Real (1919–2013), der älteste Sohn von Emil Real, trat beruflich in die Fussstapfen seines Vaters. Doch seine Ambitionen reichten weit über das Grillen von «Güggile» hinaus. Als Jugendlicher und junger Mann absolvierte er eine Kochlehre in Walenstadt und Basel sowie die Hotelfachschule in Luzern und bildete sich in verschiedenen führenden Häusern der Schweiz weiter. 1949 schliesslich bekam er eine Anstellung im weltberühmten «Maxim’s» in Paris, wo er endgültig zum Spitzenkoch heranreifte. 1955 zog es Felix Real zurück nach Vaduz, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Gemeinsam mit seiner Gattin Theresia (1929–2018) machte er das «Real» zu einem international bekannten Begriff in der gehobenen Gastronomie, deren Pionier er in Liechtenstein werden sollten. Unter anderem waren ein Michelin-Stern und 17 Gault-Millau-Punkte der Lohn für seine Mühen. Bis 2010 war das Hotel-Restaurant als Familienbetrieb geöffnet. Dann, nach mehr als 90 Jahren, schloss es seine Türen zwar. Aber nur vorläufig.

Das Café Real, aufgenommen um das Jahr 1930, SgAV 01 B 010/242, Urheber: Walter Wachter, Schaan (Repro); Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz

 

Ein neuer Besitzer für die Nachbargebäude
Bereits 2000 hatte der Vaduzer Architekt Helmut Verling in Bezug auf zwei dem «Real» benachbarte Immobilien, in denen die Geschäfte Merkur und Beldona beheimatet waren, einen Kauf-Tauschvertrag mit den Vorbesitzern geschlossen. Gründe waren das Alter dieser Vorbesitzer und der sanierungsbedürftige Zustand der Gebäude. «Naheliegend wären ein Rückbau und die Erstellung eines neuen Geschäftshauses gewesen», sagt Helmut Verling heute im Rückblick. Die baurechtlichen Vorschriften ermöglichten damals einen Neubau mit maximal vier Geschossen und 12 Metern Gebäudehöhe sowie ein fünftes Geschoss als Dachgeschoss mit 15 Metern Firsthöhe. Im Erdgeschoss durften nur publikumsattraktive Räume realisiert werden, also Verkaufsgeschäfte jeglicher Art, Gastronomiebetriebe oder Dienstleistungen mit Publikumsverkehr. Für die restlichen Geschosse war die Nutzungsart uneingeschränkt. Büros, Wohnung oder ein Hotel standen zur Debatte.
Zunächst war tatsächlich ein Büro-Geschäftsgebäude vorgesehen. «Bald stellte sich aber heraus, dass diese Idee aus verschiedenen Gründen nicht zielführend war», sagt Helmut Verling. «Die Nachfrage nach Büros war zu diesem Zeitpunkt nicht sonderlich gross, die Fussgängerzone erlaubt keine unbeschwerte Zu- und Wegfahrt, die Hanglage und die beidseitige Bebauung lassen für die ersten drei Geschosse nur zur Strasse hin eine natürliche Belichtung zu, und es gibt für das Untergeschoss keine unterirdische Erschliessung. Somit bestand auch keine Möglichkeit eine Tiefgarage zu realisieren.»

Die Hotellerie zurück ins Städtle gebracht
Helmut Verling machte sich also Gedanken über eine alternative Nutzung der Immobilie und kam zum Schluss, dass Beherbergung und Gastronomie ideal zur Lokalität passen würden. Die drei damals bestehenden Hotels, der Vaduzer-Hof, der Engel und das Hotel Real, waren aufgrund der Altbausubstanz nicht mehr oder nur noch teilweise im Betrieb und konnten den Anforderungen an eine moderne Hotellerie nicht mehr gerecht werden. «Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, im Städtle ein neues Hotel zu errichten», sagt Verling. Das «Residence» sollte ein 4-Sterne-Businesshotel werden, welches dann vom Schweizer Hotelverband im Zuge der Eröffnung im Sommer 2003 auch tatsächlich diese Auszeichnung erhielt. Insgesamt konnte der Bauherr 29 Hotelzimmer in den vier oberen Geschossen realisieren und sie als Besonderheit nicht nur mit den für ein Hotel üblichen Zimmernummern, sondern auch mit den Namen und Wappen umliegender Gemeinden und Städte versehen. Im Erdgeschoss hat sich schliesslich in der einen Hälfte ein Souvenirgeschäft eingemietet. Der andere Teil wurde als Restaurant Residence für Hotelgäste, Einheimische und Touristen gleichermassen konzipiert.

Die ITW Unternehmensgruppe übernimmt und saniert
2012 übernahm Helmut Verling auch die Immobilie des ehemaligen Hotel-Restaurant Real und integrierte sie dahingehend in seinen Komplex, dass die obersten beiden Geschosse mit dem «Residence» verbunden und mit Suiten ausgestattet wurden. Dieser Teil des Hotels trug fortan den Namen «Central». Geführt wurde beides von der Schlosshotel Residence AG. Im Oktober 2024 dann übernahm die ITW Unternehmensgruppe mit Sitz in Balzers diese Hotelgesellschaft infolge einer Nachfolgeregelung. Deren CEO Martin Meyer erläutert: «Im vergangenen Jahr haben wir Helmut Verling auch die Liegenschaft Residence abgekauft, sodass der ITW Gruppe heute die beiden Liegenschaften ‹Central› und ‹Residence› sowie die Hotelgesellschaft gehören.» In den vergangenen Monaten nun hat die neue Eigentümerin umfassende Sanierungen im Inneren des Gebäudes vorgenommen, die mit der offiziellen Wiedereröffnung des Restaurants «Chapter Two» an diesem Wochenende ins Zentrum des Gästeinteresses rücken.

Der Küchenchef
Seit Juni 2025 ist Martin Weber hauptverantwortlich für die Küche des «Chapter Two». Seine Karriere führte ihn zuvor vom Wiener Top-Restaurant Steirereck mit seinen beiden Michelin-Sternen über das Gasthaus zur Fernsicht in Heiden, ebenfalls ausgezeichnet mit zwei Michelin-Sternen, das er neun Jahre als Küchenchef prägte. Erfahrungen hat Martin Weber auch in weiteren erstklassigen Häusern gesammelt. Im Chapter Two verbindet er heimische Essenz mit globalen Aromen. Seine Küche steht für eine Synthese von Tradition und kulinarischem Weltgeist.