Mit der Aussen-, Umwelt- und Kulturpolitik hat Regierungschefin-Stellvertreterin Sabine Monauni ein genauso umfangreiches wie vielfältiges Aufgabengebiet abzudecken. Im Interview gibt sie einen Einblick, wie auch ein kleines Land grosse Impulse setzen kann.
Frau Regierungschefin-Stellvertreterin, Ihre zweite Legislaturperiode ist kürzlich in ihr zweites Jahr gegangen. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie generell? Seit April 2025 sind Sie zudem Aussenministerin. Wie haben Sie diese Rückkehr in Ihr angestammtes Berufsfeld empfunden?
Sabine Monauni: Es ist zu früh, um schon Bilanz zu ziehen. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass wir in der Regierung sehr gut zusammenarbeiten. Es ist uns gelungen, bereits im ersten Amtsjahr wichtige Gesetzesvorhaben zu verabschieden und neue Projekte für das Land anzustossen. Mit dem Regierungsprogramm 2025–2029 haben wir uns konkrete Ziele gesteckt, die wir in dieser Legislatur erreichen wollen. Wir leben in Zeiten des Wandels – geopolitisch, technologisch und ökologisch. Umso wichtiger ist es, dass wir uns diesen Veränderungen anpassen und nicht stillstehen. Die Rückkehr in die Aussenpolitik habe ich persönlich als sehr bereichernd empfunden. Meine Zeit als Botschafterin in Brüssel hat mich stark geprägt. Aussenpolitik bedeutet für mich, die Interessen des Landes klar zu vertreten, Vertrauen mit Partnern aufzubauen und tragfähige Beziehungen zu pflegen. Dass ich diese Erfahrung nun als Aussenministerin für Liechtenstein einbringen kann, ist eine sehr schöne und verantwortungsvolle Aufgabe.
Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten und ein verändertes Verhältnis zwischen Europa und den USA prägen die internationale Lage. Wie erleben Sie Ihr Amt in diesen anspruchsvollen Zeiten – und welche Rolle kann Liechtenstein im Konzert der Grossen spielen?
Wir erleben derzeit eine internationale Lage, die von grosser Unsicherheit geprägt ist. Der Krieg gegen die Ukraine, die Eskalationen im Nahen Osten, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten zeigen, wie wichtig Stabilität, Verlässlichkeit und klare Regeln sind. Für ein kleines Land wie Liechtenstein ist das keine abstrakte Frage. Unsere Sicherheit, unser Wohlstand und unsere Handlungsfähigkeit hängen stark davon ab, dass internationales Recht respektiert wird und dass Konflikte nicht nach dem Recht des Stärkeren entschieden werden. Deshalb ist Aussenpolitik für Liechtenstein nichts Entferntes, sondern sehr konkret. Natürlich kann Liechtenstein die grossen Konflikte der Welt nicht allein lösen. Aber wir können einen Beitrag leisten und Allianzen schmieden. Wir treten ein für die Einhaltung des Völkerrechts, der Menschenrechte und für multilaterale Zusammenarbeit. Wir können dort Verantwortung übernehmen, wo wir glaubwürdig sind und etwas bewegen können – zum Beispiel im Europarat, in der UNO, in der OSZE oder im Rahmen unserer europäischen Zusammenarbeit. Liechtenstein hat in der Vergangenheit gezeigt, dass auch kleine Staaten Impulse setzen können. Die Veto-Initiative in der UNO ist ein gutes Beispiel dafür. Sie zeigt, dass nicht immer die Grösse eines Landes entscheidend ist, sondern die Qualität einer Idee, die Glaubwürdigkeit des Auftretens und die Fähigkeit, Partner zu gewinnen.
Wie hat Liechtenstein sich seit Ihrem Amtsantritt aussenpolitisch eingebracht und wo möchten Sie mittelfristig Akzente setzen?
Ein Schwerpunkt liegt klar auf der Pflege unserer wichtigsten Beziehungen, zu unseren Nachbarn, zu Europa und zu unseren internationalen Partnern. Liechtenstein ist stark ver-netzt. Diese Vernetzung ist für uns als kleines, exportorientiertes Land zentral. In Europa bleibt der EWR unsere wichtigste Integrationsform. Er gibt unserer Wirtschaft Zugang zum europäischen Binnenmarkt und ist gleichzeitig grössenverträglich. Gerade in Zeiten, in denen Europa vor grossen sicherheits-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen steht, ist es wichtig, dass Liechtenstein seine Rolle aktiv wahrnimmt. Daneben setzen wir uns weiterhin für eine regelbasierte internationale Ordnung ein. Dazu gehört die Unterstützung der Ukraine. Wir helfen beim Wiederaufbau des Landes und zeigen Solidarität mit den ukrainischen Flüchtlingen. Liechtenstein war von Beginn an beim Schadensregister des Europarats dabei und unterstützt auch die weiteren Arbeiten an einer internationalen Schadenskommission für Schadenersatz für die Ukraine. Russland muss für völkerrechtswidrigen Krieg zur Rechenschaft gezogen werden.
Auch die Wirtschaftsdiplomatie bleibt wichtig. Neue Handelsabkommen, etwa im EFTA-Rahmen, beispielsweise das Freihandelsabkommen mit Indien und der Beitritt zur Future of Investment and Trade Partnership, sind für unsere Unternehmen von grosser Bedeutung. Gleichzeitig geht es darum, Lieferketten, Marktzugänge und internationale Rahmenbedingungen so mitzugestalten, dass Liechtenstein auch in Zukunft ein attraktiver und verlässlicher Wirtschaftsstandort bleibt. Mittelfristig möchte ich Liechtenstein als verlässlichen, klar positionierten und lösungsorientierten Partner weiter stärken: europäisch gut eingebunden, multilateral engagiert und mit einem wachen Blick für die Interessen unseres Landes.
Aussenpolitik spielt sich selbstverständlich nicht nur in New York, Washington DC oder Brüssel ab, sondern auch in Bern, Wien, St. Gallen und Bregenz. Wie sehen Sie die Beziehungen zu Liechtensteins Nachbarländern derzeit und wie kann die Liechtensteiner Politik zu deren Förderung beitragen?
Die Beziehungen zu unseren Nachbarn sind für Liechtenstein von herausragender Bedeutung. Die Schweiz und Österreich sind nicht einfach Nachbarstaaten, sondern enge Partner in sehr vielen Bereichen des täglichen Lebens: Wirtschaft, Verkehr, Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Umwelt oder Kultur. Mit der Schweiz verbindet uns eine besonders enge Partnerschaft, die historisch gewachsen ist und sich in der Praxis täglich bewährt. Mit Österreich teilen wir eine lange gemeinsame Geschichte, viele regionale Verflechtungen und eine enge Zusammenarbeit, insbesondere auch im europäischen Kontext. Wichtig ist mir, dass diese Beziehungen nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Gute Nachbarschaft muss gepflegt werden – durch regelmässigen Austausch, durch gegenseitiges Verständnis und durch das Bewusstsein, dass viele Herausforderungen heute nur grenzüberschreitend gelöst wer-den können. Das gilt auch für die regionale Ebene. Unsere Kontakte nach St. Gallen, Graubünden, Vorarlberg und in den Bodenseeraum sind für Liechtenstein ganz konkret relevant – sei es beim Verkehr, in Umweltfragen, in der Kultur oder der Sicherheit. Aussenpolitik beginnt für Liechtenstein oft direkt vor der Haustür.
Für den Geschäftsbereich Umwelt sind Sie seit 2021 verantwortlich. Mit dem Aktionsplan Biodiversität und der Waldstrategie konnten Sie bereits Akzente setzen. Wie steht es um die Umsetzung, und wo gibt es weiteren Handlungsbedarf?
Im Umweltbereich konnten wir in den vergangenen Jahren wichtige Grundlagen schaffen. Der Aktionsplan Biodiversität und die Waldstrategie 2030+ sind dabei zentrale Instrumente. Sie helfen uns, die Herausforderungen nicht nur punktuell, sondern strategisch anzugehen. Bei der Biodiversität geht es darum, Lebensräume zu erhalten, zu vernetzen und aufzuwerten. Liechtenstein ist ein kleines Land mit hohem Nutzungsdruck. Siedlung, Verkehr, Landwirtschaft, Freizeitnutzung und Natur liegen sehr nahe beieinander. Umso wichtiger ist es, dass wir ökologische Zusammenhänge ernst nehmen. Ein konkretes Beispiel sind die Wildtierkorridore. Sie zeigen sehr gut, dass Naturschutz und Verkehrssicherheit zusammengehören. Wildtiere brauchen funktionierende Wanderachsen, gleichzeitig müssen wir gefährliche Situationen auf Strassen reduzieren. Deshalb arbeiten wir an Lösungen wie der geplanten Wildtierunterführung im Bereich der Feldkircher Strasse. Auch der Wald steht unter Druck – durch Trockenheit, Hitze, Schädlinge und veränderte klimatische Bedingungen. Die Waldstrategie setzt deshalb auf einen widerstandsfähigen, vielfältigen und zukunftsfähigen Wald. Der Wald ist nicht nur Lebensraum, sondern auch Schutzwald, Erholungsraum und ein wichtiger Teil unserer Landschaft.
Weitere Handlungsfelder sehe ich beim Bodenschutz, beim Gewässerschutz, bei der Kreislaufwirtschaft und bei der Anpassung an den Klimawandel. Umweltpolitik ist heute nicht mehr nur Schutzpolitik. Sie ist auch Vorsorgepolitik.
Wie weit ist Liechtenstein auf dem Weg zur Klimaneutralität und wie steht es um die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien – gerade angesichts hoher Preise für fossile Energie-träger?
Die Klimapolitik bleibt eine der grossen Aufgaben unserer Zeit. Liechtenstein hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Entscheidend ist nun, dass wir dieses Ziel Schritt für Schritt mit konkreten Massnahmen unterlegen. Wir sehen bereits eine deutliche Dynamik beim Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere bei der Photovoltaik. Auch die Energiekrise der vergangenen Jahre hat gezeigt, wie wichtig es ist, unabhängiger von fossilen Energieträgern zu werden. Das ist nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine wirt-schafts- und sicherheitspolitische Frage. Gleichzeitig müssen wir ehrlich sein: Der Weg zur Klimaneutralität ist anspruchsvoll. Er betrifft Gebäude, Mobilität, Industrie, Energieversorgung und das Verhalten jedes Einzelnen. Wichtig ist mir, dass wir diesen Weg verlässlich, sozial verträglich und wirtschaftlich tragbar gestalten. Klimaschutz funktioniert dann am besten, wenn er nicht als Verzichtsprogramm verstanden wird, sondern als Modernisierung unseres Landes: bessere Gebäude, effizientere Energieversorgung, mehr erneuerbare Produktion, weniger Abhängigkeit und mehr Versorgungssicherheit.
Ihr dritter Aufgabenbereich ist die Kultur. Wie ist Liechtenstein in diesem Bereich aufgestellt? Und was möchten Sie mit der angekündigten Kulturstrategie bewegen?
Liechtenstein hat eine sehr lebendige Kulturlandschaft. Wir haben starke Institutionen, engagierte Vereine, viele Kulturschaffende und ein grosses ehrenamtliches Engagement. Kultur findet bei uns nicht nur in Museen, Konzertsälen oder Ausstellungen statt, sondern auch in den Gemeinden, in Vereinen, in Traditionen und im generationenübergreifenden Miteinander. Gerade das macht die Kultur in Liechtenstein so wertvoll. Sie trägt zur Identität bei, schafft Begegnung und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Umfrage zum Kulturverhalten hat gezeigt, dass Kultur in der Bevölkerung einen hohen Stellenwert hat und breit genutzt wird. Gleichzeitig sehen wir auch, dass sich Bedürfnisse mit der Zeit verändern – etwa bei der Zugänglichkeit, bei neuen Formaten, bei Räumen, bei der Sichtbarkeit oder bei der Förderung.
Mit der Kulturstrategie wollen wir deshalb nicht einfach ein Papier für die Schublade erarbeiten. Es geht darum, gemeinsam mit der Kulturszene, den Institutionen und den Gemein-den zu klären, wie wir die Rahmenbedingungen für Kultur in Liechtenstein weiterentwickeln können. Der Prozess ist bewusst partizipativ angelegt. Nach dem Kulturforum und der Bevölkerungsumfrage folgen thematische Workshops mit Kulturschaffenden und weiteren Akteuren. Ziel ist es, eine Strategie zu erarbeiten, die breit abgestützt ist und konkrete Orientierung gibt: Was braucht die Kultur in Liechtenstein, um auch in Zukunft vielfältig, zugänglich und lebendig zu bleiben?
Welche Ziele haben Sie sich für die verbleibenden knapp drei Jahre der Legislaturperiode in Ihren drei Aufgabengebieten gesetzt?
In der Aussenpolitik möchte ich Liechtenstein als verlässlichen und gut vernetzten Partner weiter stärken. Das bedeutet: gute Beziehungen zu unseren Nachbarn, eine aktive Rolle im EWR und in Europa, ein klares Bekenntnis zum Völkerrecht und eine Aussenpolitik, die auch die Interessen unserer Wirtschaft und unserer Bevölkerung im Blick hat. Im Umweltbereich geht es mir darum, die begonnenen Strategien konsequent umzusetzen. Biodiversität, Wald, Klima, Energie, Zukunft der Landwirtschaft und Anpassung an den Klimawandel sind keine Einzelthemen, sondern hängen zusammen. Dort möchte ich konkrete Fortschritte erzielen. In der Kultur möchte ich mit der Kulturstrategie eine solide Grundlage für die kommenden Jahre schaffen. Kultur soll in Liechtenstein sichtbar, zugänglich und lebendig bleiben. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen, aber auch Wertschätzung für all jene, die Kultur tragen. Über alle drei Bereiche hinweg ist mein Ziel, Liechtenstein widerstandsfähig und zukunftsfähig aufzustellen. Wir sind ein kleines Land, aber wir haben grosse Möglichkeiten, wenn wir klar wissen, wofür wir stehen, und wenn wir unsere Stärken gezielt einsetzen.



Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.