Wirtschaftsverbände: Grosse Herausforderungen, vorsichtige Zuversicht

Maximilian Rüdisser, Geschäftsführer der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer

Die Kriege im Iran und der Ukraine, aber auch die Zollpolitik von US-Präsident Trump oder der starke Franken sorgen dafür, dass die Wirtschaftslage in Liechtenstein von Unsicherheit geprägt ist. Gleichzeitig zeigen mit Maximilian Rüdisser, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (LIHK), Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Bankenverbands, und Ado Vogt, Präsident der Wirtschaftskammer, die Vertreter der drei wichtigsten
Liechtensteiner Wirtschaftsverbände verhaltenen Optimismus.

«Die aktuelle wirtschaftliche Lage ist durch ein im Vergleich zu den vergangenen drei Jahrzehnten sehr hohes Mass an Unsicherheit gekennzeichnet», sagt Maximilian Rüdisser in Bezug auf die Mitgliedsunternehmen der LIHK. «Diese Unsicherheit resultiert dabei massgeblich aus geopolitischen Spannungen wie etwa internationalen bewaffneten Konflikten, die globale Lieferketten und Energiepreise destabilisieren. Hinzu kommen protektionistischen Handelspraktiken, wie etwa dem Einführen von Zöllen, die zu einer Fragmentierung des Welthandels führen.» Für die Unternehmen widerspiegele sich diese Unsicherheit in schwankenden Wachstumsprognosen und zurückhaltenden Investitionsentscheidungen.

Wirtschaftskammer-Präsident Ado Vogt verweist seinerseits darauf, dass eine schwierige Situation für die Industrie auch unmittelbare Auswirkungen auf das Gewerbe hat. «Internationale Veränderungen, die sich aktuell beim Nahost-Krieg und der US-Zollpolitik zeigen, betreffen nicht nur die liechtensteinischen Akteure auf den Weltmärkten. Auch die Binnenwirtschaft, die vom Gewerbe geprägt wird, spürt jeweils die Auswirkungen: als Zulieferbetriebe für die internationalen Unternehmen, bei der Baukonjunktur, bei Lieferengpässen für Rohstoffe und Halbfabrikate und bei der Preisentwicklung.» Die Einschätzung der Wirtschaftslage im Gewerbe folge daher ungefähr der Situation bei den grösseren Unternehmen. Gehe die Nachfrage bei den Industriebetrieben zurück, würden weniger Lieferungen aus den gewerblichen Zulieferern benötigt. Wirkten sich die US-Zölle negativ auf die Konkurrenzfähigkeit aus, würden davon auch Zulieferer betroffen. Bewegten sich die Preise für Rohstoffe und Halbfabrikate, spürten dies die warenproduzierenden Unternehmen des Gewerbes ebenso wie die Baubranche. Herrsche generell wirtschaftliche Unsicherheit, sinke die Bereitschaft für Investitionen, Bauvorhaben oder Produktionserweiterungen würden aufgeschoben. Stiegen die Preise für Energieträger, würden die Konsumenten Anschaffungen hinauszögern und generell vorsichtiger mit Ausgaben umgehen. «Dies wiederum trifft auch die vorwiegend oder ausschliesslich im Binnenmarkt tätigen Gewerbebetriebe, nicht zuletzt den Detailhandel.»

Gewerbe: Diversifiziert durch vergangene Krisen
Trotz allem sieht Ado Vogt Liechtensteins Gewerbe gut aufgestellt. «Ein Blick in das Verzeichnis der Sektionen, die in der Wirtschaftskammer vertreten sind, zeigt eine breit gefächerte Struktur. Die dort vertretenen Branchen decken die vielfältigen Bedürfnisse der Bevölkerung ab und empfehlen sich überdies für Kooperationen mit international tätigen Firmen», sagt Vogt. Er ergänzt: «Die diversifizierte Struktur hat in der Vergangenheit bis zurück zur Öl-Krise der 1970er-Jahre dazu beigetragen, dass das Gewerbe bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten jeweils gut über die Runden gekommen ist. Trotz unsicherer Weltlage konnte das Gewerbe auch das vergangene Jahr gut bewältigen.» Ein Blick in den letzten Konjunkturbericht des Amts für Statistik zeige dementsprechend eine immer noch robuste Wirtschaftslage. Die grössten Unternehmen in Industrie und Dienstleistungen beurteilten die Geschäftslage im vergangenen Herbst als befriedigend. Die Umsätze waren im Verlaufe des Jahres aber leicht rückläufig. Als grösste Herausforderungen für die nähere Zukunft wurden damals eine ungenügende Nachfrage sowie die Unsicherheiten durch die US-Zölle genannt. «Inzwischen haben sich die Unsicherheiten aber noch verschärft, und wir wissen nicht, wie sich die Situation in den nächsten Monaten entwickeln wird. Aus dem Iran-Krieg könnten sich längerfristige Probleme für die Weltwirtschaft ergeben. Steigen die Energiepreise massiv an, wird die Konjunktur in wohl jedem Winkel der Erde negativ beeinträchtigt. Die Folge könnte ein weiterer Teuerungsschub sein, der nicht nur die Unternehmen hart treffen würde, sondern auch Auswirkungen auf das Konsumverhalten der Bevölkerung hätte», sagt Ado Vogt.
In diesem Umfeld sieht Ado Vogt gerade auch die Politik in der Pflicht. «Es gilt, auf ein paar inländischen ‹Baustellen› zügig weiterzuarbeiten, insbesondere was Bürokratie und Regulierungen betrifft.» Die schon seit geraumer Zeit vorgetragenen Botschaften der Wirtschaftskammer zum Abbau der Bürokratie und zum vorsichtig-abwägenden Einsatz weiterer Regulierungen seien aber inzwischen auch angekommen. «Die Diskussion in der Aktuellen Stunde des Landtags über Möglichkeiten zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes drehte sich vornehmlich um diese beiden Punkte. Einige Volksvertreter forderten die Regierung auf, angesichts der weltweiten Probleme der Wirtschaft die einheimischen Unternehmen nicht mit zusätzlichen Regulierungen zu belasten. Im Rahmen dieser Debatte wurde auch bekräftigt, dass sich die Regierung bei der Forderung nach Bürokratieabbau auf dem richtigen Weg befinde. Auch laut Koalitionsvertrag ist sie bestrebt, bürokratische Hürden abzubauen oder zu reduzieren.»

Gemischte Stimmung in der Industrie
In der Industrie herrscht eine gemischte Stimmung angesichts der aktuellen Herausforderungen. «Eine Befragung der LIHK-Mitgliedsunternehmen vom Februar 2026 zeigt ein heterogenes Bild der Beurteilung der aktuellen Lage», sagt Maximilian Rüdisser. Während einige Mitgliedsunternehmen die Geschäftslage gut beurteilten, schätzten sie insbesondere einzelne Industrieunternehmen als unbefriedigend ein. «Die Mitgliederbefragung zeigt aber auch, dass der Ausblick für das restliche Jahr 2026 im Durchschnitt positiver ausfällt als die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage.»

Eine Rolle spielt dabei der Fortgang des Konflikts im Nahen Osten. «Die Betroffenheit der Mitgliedsunternehmen von diesem Krieg ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von der Bedeutung der Länder im Nahen Osten als Absatzmarkt und vom Aufbau der Lieferketten eines einzelnen Unternehmens ab. Je länger der Krieg andauert, desto stärker werden die Energiepreise ansteigen. Dieser Anstieg würde in der Folge die Produktion der Unternehmen verteuern und sich entsprechend auf die Preise oder Margen auswirken und zu spürbarer Teuerung führen.»

Finanzplatz: Unsicherheit, aber kein Krisenszenario
Vorsichtig optimistisch wiederum schätzt Simon Tribelhorn die wirtschaftliche Lage seitens des Finanzplatzes ein. «Sie ist nicht schlecht. In Liechtenstein war die Entwicklung zuletzt leicht rückläufig: Umsätze, Beschäftigung und Exporte haben sich 2025 abgeschwächt. Gleichzeitig bleibt der Finanzplatz insgesamt stabil und sehr gut kapitalisiert. Wir sehen kein Krisenszenario, aber deutlich mehr Unsicherheit als noch vor ein, zwei Jahren. Die Rückmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen sind insgesamt verhalten positiv. Das Geschäft läuft grundsätzlich gut, auch wenn das Umfeld anspruchsvoller geworden ist. Viele Banken berichten, dass Kunden vorsichtiger entscheiden und Unsicherheit bei geopolitischen Themen, Zinsen und Märkten spürbar ist. Gleichzeitig hören wir aber auch sehr klar: Liechtenstein profitiert in dieser Lage von seinem Ruf als sicherer, verlässlicher und langfristig ausgerichteter Finanzplatz. Das Interesse von Kunden aus dem Ausland bleibt hoch. Das ist wichtig, weil Stabilität gerade in unruhigen Zeiten ein echter Standortvorteil ist.» Liechtenstein werde von vielen internationalen Kunden als «Stabilitäts-Oase» und «sicherer Hafen» wahrgenommen. Dieses Vertrauen zeige sich nicht nur in Gesprächen, sondern auch ganz konkret in den Geschäftszahlen und beim Nettoneugeld. «Wir gehen deshalb davon aus, dass Liechtenstein bei den verwalteten Vermögen per Ende 2025 erneut ein Allzeithoch erreicht haben dürfte, auch wenn die konsolidierten Zahlen noch nicht vorliegen.» Die bisher publizierten Jahresabschlüsse seien aber sehr positiv.

 

Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbands

 

Starker Franken: Stabilitätsfaktor und Belastung zugleich
Stabilität bringt aber auch Herausforderungen mit sich: Zu den wichtigsten zählen die hohe Regulierungsdichte, der wachsende Aufwand bei Compliance und Risikomanagement, der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte sowie die zunehmende Bedrohung durch Cyberangriffe. «Hinzu kommt, dass Banken gleichzeitig stark in Digitalisierung und neue Technologien investieren müssen. Das alles kostet Ressourcen und erhöht den Druck, effizient und anpassungsfähig zu bleiben. Gerade für kleinere Institute ist das eine anspruchsvolle Aufgabe», sagt Simon Tribelhorn.

Der Krieg im Iran wiederum beeinflusse die Arbeit auf dem Finanzplatz Liechtenstein vor allem indirekt. «Solche Konflikte erhöhen die Unsicherheit an den Märkten, belasten die Stimmung und erschweren die Planung. Hinzu kommen mögliche Auswirkungen auf Energiepreise, Inflation und Zinsen. Für Banken bedeutet das vor allem: Risiken noch genauer beobachten, Kunden eng begleiten und in bewegten Märkten Orientierung geben.» So bleibe das Umfeld für die Finanzplatzakteure anspruchsvoll. «Dazu gehört auch der starke Schweizer Franken, der einerseits für Stabilität und Vertrauen steht, andererseits aber für exportorientierte Unternehmen eine zusätzliche Belastung ist», sagt Simon Tribelhorn.

Der starke Franken macht folglich auch der Industrie zu schaffen. «In Kombination mit der US-Handelspolitik, die auch auf eine Abwertung des Dollars abzielt, führt er dazu, dass sich insbesondere der Wechselkurs des US-Dollars zum Schweizer Franken aus Sicht von exportierenden liechtensteinischen Unternehmen stark negativ entwickelt hat.» So wurden liechtensteinische Produkte für US-Kundinnen und -Kunden teurer, was die Wettbewerbsfähigkeit reduziert und die Ergebnisse der Unternehmen in Schweizer Franken belastet habe. «Der Krieg im Nahen Osten wird dabei tendenziell zu einer weiteren Aufwertung des Schweizer Frankens führen, weil Anlegerinnen und Anleger diesen als sicheren Hafen schätzen und suchen», sagt Maximilian Rüdisser.

US-Zölle als Planungsrisiko und administrativer Aufwand
Hinzu kommt, dass die USA auch aufgrund der unvorhersehbaren Zollpolitik von Präsident Trump kein einfacher Absatzmarkt für Liechtensteins Unternehmen sind. «Seit der erstmaligen Ankündigung der Einführung von länderspezifischen reziproken Zöllen durch den US-Präsidenten im April 2025 haben sich der reziproke Zollsatz und die geltenden Ausnahmen regelmässig verändert», sagt Maximilian Rüdisser. Für die Unternehmen habe die Einführung dieser Zölle in Kombination mit der Anpassung weiterer Zölle, wie beispielsweise auf den Stahl-, Kupfer- und Aluminiumanteil von gewissen Produkten, einen erhöhten administrativen Aufwand zur Folge. «Jede Anpassung von Zöllen führt dabei zu weiterem Aufwand. Übergeordnet steigt für die Unternehmen durch ein sich regelmässig änderndes Zollregime das Planungsrisiko und die Kundschaft vertagt ihre Kauf- und Investitionsentscheidungen. Unternehmen, die Investitionsgüter herstellen, sind deswegen überdurchschnittlich betroffen.»

Für die Mitgliedsunternehmen des Bankenverbands hingegen wirke die Zollpolitik vor allem indirekt. «Banken exportieren keine Waren, aber sie begleiten Investitionen und betreuen Vermögen. Wenn Handelskonflikte die Exportwirtschaft belasten, spüren das auch die Banken über ihre Kunden», sagt Simon Tribelhorn. Die Folgen seien vor allem Unsicherheit, zurückhaltendere Investitionen und teils nervösere Märkte. «Für einen international vernetzten Standort wie Liechtenstein ist das relevant. Wenn zu solchen Handelskonflikten noch ein starker Schweizer Franken dazukommt, erhöht das den Druck auf exportorientierte Unternehmen zusätzlich. Zugleich zeigt sich auch: Gerade wenn die Unsicherheit zunimmt, wird ein stabiler Finanzplatz noch stärker nachgefragt.»

Schwieriger Ausblick mit einigen Lichtblicken
Gemäss Ado Vogt ist es für das Gewerbe schwierig, eine Prognose für die Entwicklung der Wirtschaftslage in den kommenden Monaten zu stellen. «Schon Ende des vergangenen Jahres war die konjunkturelle Entwicklung von rückläufigen Umsätzen und von ungenügender Rentabilität gekennzeichnet. Die Erwartungen der meisten Unternehmen für das Jahr 2026 waren trotzdem etwas zuversichtlich. Nun ist der Nahost-Krieg dazugekommen, der weitreichende Auswirkungen auf die Energieversorgung haben könnte. Engpässe könnten zu erheblichen Preissteigerungen führen, kurzfristig sogar zu Preissprüngen.» Der «Energieschock» werde sich dabei nicht auf die Märkte mit Treib- und Brennstoffen beschränken. «Rohöl ist immer noch ein Basisprodukt für die Industrie, für das Transportwesen und auch für die Landwirtschaft. Abzusehen sind, zumindest kurzfristig, Preissteigerungen an allen Orten. Angefangen bei Landwirtschafts- und Industrieprodukten bis zu Ferien- und Flugreisen. Dahinter lauert ein Anstieg der Inflation, die sich derzeit noch in einem moderaten Rahmen bewegt.» Dennoch herrsche eine «gewisse Zuversicht» bei den Mitgliedsunternehmen der Wirtschaftskammer.

Maximilian Rüdisser sieht in Bezug auf die Industrie trotz aller Unwägbarkeiten auch einige Lichtblicke. Dazu zählt er «die in den vergangenen Monaten gemeinsam mit den weiteren EFTA-Mitgliedstaaten abgeschlossenen Freihandelsabkommen, beispielsweise mit Indien oder den MERCOSUR-Staaten. Diese Abkommen erlauben es den Unternehmen, ihre Absatzmärkte zu diversifizieren und dadurch zu wachsen sowie die Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu reduzieren.» Weiter stimme grundsätzlich positiv, dass die Liechtensteiner Unternehmen auf Basis von klaren Strategien agieren und in der Vergangenheit eine hohe Agilität demonstriert haben. «Aufgrund der hohen Unsicherheit ist eine verlässliche Einschätzung der mittelfristigen Entwicklung der Wirtschaftslage aber sehr schwierig. Klar scheint aus heutiger Sicht lediglich, dass die Volatilität hoch bleiben wird, weshalb die Unternehmen entsprechend gefordert sein werden und agil bleiben müssen.»

«Mittelfristig bin ich verhalten optimistisch, aber mit klaren Vorbehalten», sagt Simon Tribelhorn. «Die geopolitischen Risiken haben stark zugenommen, und gerade die Entwicklungen im Nahen Osten zeigen, wie schnell sich die Lage zuspitzen kann. Die Zahl der Krisenherde ist hoch, und die Unberechenbarkeit hat aus meiner Sicht eine neue Dimension erreicht. Das trübt den Ausblick deutlich.» Trotzdem habe Liechtenstein gute Voraussetzungen, um sich auch in einem anspruchsvollen Umfeld zu behaupten. Es werde aber entscheidend sein, dass Europa seine Rahmenbedingungen verbessert und die Wettbewerbsfähigkeit wieder stärker in den Vordergrund rückt. «Dazu gehört aus unserer Sicht auch, dass Regulierung wieder stärker proportional, grössenverträglicher und risikogerecht ausgestaltet wird. Nur so kann es gelingen, Stabilität zu sichern, ohne Innovationskraft und unternehmerische Dynamik unnötig zu bremsen.»

 

Ado Vogt, Präsident der Wirtschaftskammer Liechtenstein

 

Nächste Herausforderung KI: Risiken sehen, Chancen nutzen
Schliesslich sieht Ado Vogt noch eine weitere Herausforderung auf den Wirtschaftsstandort Liechtenstein zukommen: die Künstliche Intelligenz. «Der Anwendungsbereich von KI in der Wirtschaft ist laut Experten beinahe unerschöpflich, was bedeuten könnte, dass sich ganze Branchen verändern werden.» Davon werde auch das Gewerbe nicht verschont bleiben, sodass es gelte, KI-Möglichkeiten als Chance zu begreifen. «Doch obwohl KI schon allgegenwärtig in den Diskussionen über die Entwicklung der Wirtschaft ist, stehen wir auf diesem Gebiet noch am Anfang. Wichtig für die Zukunft ist, rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen – am besten in enger Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik.»