Emma Eigenmann

Es gibt Momente in der Geschichte eines Landes, die sich erst rück-blickend in ihrer vollen Tragweite erschliessen. Einer dieser Augen-blicke war der 16. April 1986.

Als Emma Eigenmann vor 40 Jahren als erste Frau überhaupt den Eid als Landtags-abgeordnete des Fürstentums Liechtenstein ablegte, tat sie dies mit jener unaufgeregten Selbstverständlichkeit, die ihr ganzes Leben prägen sollte. Sie war keine Frau der lauten Parolen oder der grossen Inszenierung. Ihr Mut war von der leisen, beständigen Sorte – ein Mut, der nicht gegen etwas ankämpfte, sondern für eine Sache einstand.

Geboren am 30. Oktober 1930 in Nendeln, wuchs Emma in einer Welt auf, in der Politik und Unternehmertum den Takt des Alltags vorgaben. Ihr Vater, Eugen Schädler, war Keramik-fabrikant und Landtagsabgeordneter. Ihre Mutter Elwina war die Schwester des damaligen Regierungschefs Josef Hoop. In diesem Umfeld lernte Emma früh, dass Privilegien immer auch Verpflichtungen bedeuten. Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, war in ihrer Familie kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Realität.

Doch Emma Eigenmann war mehr als die Tochter aus gutem Hause. Sie war eine Frau mit eigenem Kopf und einer tiefen Liebe zum Handwerk. Als sie 1973 die Leitung der familiären Schaedler Keramik AG übernahm, tat sie dies in einer Zeit, in der Frauen in Führungs-positionen noch die absolute Ausnahme waren. Über zwei Jahrzehnte lang führte sie den Betrieb mit einer Mischung aus kaufmännischem Geschick und künstlerischem Gespür. Wer sie in dieser Zeit erlebte, sah eine Frau, die anpackte, die zuhörte und die wusste, dass Qualität Zeit und Hingabe braucht.

Ihr Weg in den Landtag im Jahr 1986 war die logische Fortsetzung eines Lebens, das sich nie durch Geschlechterrollen einschränken liess. Nur zwei Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts trat sie für die Fortschrittliche Bürgerpartei (FBP) an. Sie brachte eine neue Farbe in das bis dahin rein männliche Parlament: die Farbe der Sachlichkeit und der sozialen Empathie. Sie war überzeugt, dass am Ende nicht das Geschlecht, sondern die Qualifikation und die Aufrichtigkeit zählen.

Trotz ihrer historischen Rolle blieb sie zeitlebens bescheiden. Sie suchte nie das Rampen-licht, sondern die Lösung. Ihr Wirken war geprägt von einer tiefen Verbundenheit mit ihrer Heimat und den Menschen in Liechtenstein. Für ihre Verdienste wurde sie mit dem Ritter-kreuz des Fürstlich Liechtensteinischen Verdienstordens geehrt.

Heute, im Rückblick auf das Leben von Emma Eigenmann, zeigt sich eine Pionierin, die den Weg für viele Frauen geebnet hat, ohne dabei ihre Wurzeln zu verlieren. Sie hat gezeigt, dass man Geschichte schreiben kann, ohne laut zu werden. Ihr Vermächtnis ist die Gewissheit, dass Haltung, Fleiss und ein gütiges Herz die stärksten Werkzeuge einer Politikerin sind.

Emma Eigenmann ist nicht nur ein Name in den Geschichtsbüchern Liechtensteins; sie ist ein Vorbild für alle, die daran glauben, dass man die Welt durch beharrliches Tun zum Besseren verändern kann!