Demonstration und Gegendemonstration

Im internationalen Briefmarkengeschäft erblickte die Regierung nach dem Ersten Weltkrieg eine Möglichkeit, den Staatshaushalt aufzu-bessern. Eine liechtensteinisch-österreichische Gruppe, die im Jahr 1919 den Zuschlag für die Vermarktung erhalten hatte, sorgte allerdings für Probleme, die Liechtenstein als seriöses Briefmarkenland in Verruf brachten. Dadurch blieben die versprochenen hohen Gewinne aus, sodass die Auflösung des «Konsortiums» verfügt wurde.

Demonstrationen sind in Liechtenstein ein eher seltenes Mittel der Bevölkerung, um auf einen Missstand aufmerksam zu machen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war die Unzufriedenheit mit der Umstellung vom Silber- auf den Goldstandard bei den Münzen die Ursache für eine Kundgebung vor dem Regierungsgebäude. Dort fanden in neuerer Zeit Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Frauenstimmrecht, der Staatskrise im Jahr 1992 und der Errichtung des Erzbistums statt. In den Jahrzehnten dazwischen gingen die Leute nur selten auf die Strasse, um ihren Unwillen gegen die Politik der Regierung kundzutun. Für eine solche Demonstration sorgte 1921 aber die Briefmarkenpolitik, die – aus parteipolitischen Gründen – gleich auch eine Gegendemonstration provozierte.

Die Demonstration war am 26. Februar 1921 von der oppositionellen Volkspartei gegen die Briefmarkenpolitik der Regierung organisiert worden. Am selben Tag kam es zur Gegen-demonstration, organisiert von einer Gruppe Regierungstreuer, welche die Regierung stützen sollte. Im Grunde drehte sich alles um ein Unternehmen, das ungefähr zwei Jahre zuvor die Herausgabe und den Vertrieb der Briefmarken übernommen hatte. Das sogenannte Konsortium war international, nicht nur im Land selbst, durch ein dubioses Geschäftsgebaren aufgefallen. Schon vor der Demonstration hatte es eine Kontroverse wegen eines Vortrags gegeben, den die Regierung verhindern wollte. Die Veranstalter hatten Leopold Kronik aus Wien zu einem Referat über Briefmarkenherstellung und Markenhandel eingeladen, der im Restaurant Adler in Vaduz stattfinden sollte. Die Regierung verbot kurzerhand die Veranstaltung, was aber knapp 200 Männer nicht daran hinderte, sich zu treffen. Die Versammlung führte eine Abstimmung über die Abhaltung des Vortrags durch, womit der aus Wien angereiste Referent seinen Vortrag trotz Veranstaltungsverbot halten konnte. Die Auseinandersetzungen über diesen Vortrag illustrieren die heftigen Kontroversen zwischen der Volkspartei und der Bürgerpartei. Die «Oberrheinischen Nachrichten» als Sprachrohr der Volkspartei kündigten den Referenten als Fachmann für Briefmarken an, während das der Bürgerpartei nahestehende «Volksblatt» ihn als «Wiener Handschuh- und Hosenträgerhändler» abqualifizierte.

Auf die Demonstration folgte sofort eine Gegendemonstration
Es blieb aber nicht bei diesem Vortrag von Leopold Kronik. Die im «Adler» versammelten Männer beschlossen auch eine Resolution mit neun Punkten an die Regierung. Der erste und wichtigste Punkt lautete: Auflösung des Vertrags mit dem Briefmarken-Konsortium. Der Resolution sollte am 26. Februar 1921 mit einer Demonstration vor dem Regierungs-gebäude der entsprechende Nachdruck verliehen werden. Wie das «Volksblatt» damals berichtete, hatten die Veranstalter den Plan, von der Regierung die Zusicherung zur sofortigen Umsetzung der Forderungen zu verlangen. Wenn sich die Regierung weigere, sollte «die Regierung abgesetzt und der Regierungschef Hofrat Dr. Peer mittels Auto ausser Landes befördert» werden. «Also ein regelrechter Putsch», kommentierte das «Volksblatt» das geplante Vorgehen, «mit allem modernen Zubehör».

Zu diesem Putsch kam es nicht, weil die Bürgerpartei mit Flugblättern und spontanen Gemeindeversammlungen eine Gegendemonstration organisierte. Laut «Volksblatt» folgten «über 600 wahlfähige Männer aus dem ganzen Land» dem Aufruf. Vor dem Regierungs-gebäude wurden die Demonstranten von Landesverweser Josef Peer und Landtagspräsident Friedrich Walser empfangen. Peer und Walser hätten die Hoffnung ausgedrückt, wurde berichtet, dass «den ewigen Wühlern und Hetzern im Land für jetzt und immer die Lust vergehen werde, mit frevler Hand den Samen der Zwietracht auszusäen und das Ansehen und den Kredit des Landes, seine Ruhe und Ordnung in unverantwortlicher Weise aufs Schwerste zu gefährden». Im Gegenzug zur Neun-Punkte-Resolution der Volkspartei fasste die Gegendemonstration der Bürgerpartei ebenfalls «Beschlüsse» zuhanden von Landtag und Regierung: Dem unter Druck stehenden Regierungschef Josef Peer wurde das «vollste Vertrauen» ausgesprochen, gegen die Veranstalter der nicht bewilligten Demonstration der Volkspartei solle «mit allen zulässigen Mitteln» vorgegangen werden. Ausserdem wurde an die Regierung der dringende Wunsch gerichtet, zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung eine «bewaffnete Bürgerwehr» aufzustellen.

Attraktive Versprechungen für zusätzliche Staatseinnahmen
Den unmittelbaren Anlass für Demonstration und Gegendemonstration bildete das Brief-markenkonsortium. Die Regierung hatte das Briefmarkengeschäft an dieses ausgelagert. Dies war geschehen, weil das Konsortium attraktive Versprechungen über Briefmarken-verkäufe und Einnahmen für den Staat gemacht hatte. In der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg suchte die Regierung nach neuen Einnahmequellen für den Staatshaushalt, wofür das Geschäft mit den Briefmarken als geeignet angesehen wurde. Die Ausgangslage war günstig: Liechtenstein hatte 1912 mit Österreich einen Postvertrag abgeschlossen und bei den Verhandlungen die Zustimmung des Vertragspartners erhalten, künftig eigene Briefmarken herausgeben zu dürfen. Die Erlöse aus den Briefmarken-verkäufen waren zu jener Zeit willkommene Zusatzeinnahmen für den Staatshaushalt.

Ein lukratives Geschäft mit Briefmarken witterte auch eine Gruppe von Österreichern und Liechtensteinern, die 1919 die Regierung um den Auftrag für Druck und Vertrieb der Briefmarken ersuchte. Im Fokus hatte sie vor allem die Philatelisten im Ausland, die für das Sammeln der Postwertzeichen des noch jungen Briefmarkenlandes begeistert werden sollten. Die Hauptfigur des Konsortiums war Gustav von Flesch-Brunningen, ein Architekt aus Wien, der nebenbei Konsulent des österreichischen Ackerbau- und Handelsministeriums sowie der Pensionskasse für Angestellte in Österreich war. Mit dabei war von öster-reichischer Seite auch der Kupferstecher und Lithograf Luigi Kasimir, der in der Folge eine Reihe von Briefmarken entwarf. Liechtenstein war im Konsortium mit sechs Personen vertreten, unter ihnen Eugen Nipp, der Herausgeber des «Liechtensteiner Volksblatts», und Ferdinand Nigg, der Leiter der Regierungskanzlei. Die Ziele des Konsortiums waren sehr hochgesteckt, befeuert durch die Nachfrage nach Briefmarken aus kleineren Ländern mit kleinen Auflagen. Das Konsortium machte der Regierung das Angebot, für die Briefmarken den «Weltvertrieb und die Weltpropaganda» zu übernehmen. Im Gegenzug sollte das Land einen jährlichen Minimalgewinn von 400’000 österreichische Kronen oder nach der Einführung des Schweizer Frankens den gleichen Betrag in der neuen Währung erhalten.

Bestimmte Abmachungen in einem «Geheimvertrag» geregelt
Nach der nur mehrheitlichen Zustimmung des Landtags wurde das Briefmarkengeschäft der neu gegründeten Gesellschaft «Philatelistische Verschleissstelle der fürstlichliechten-steinischen Postwertzeichen» übertragen. Im Buch «Kunst und Geschichte der liechten-steinischen Briefmarken» schreibt Walter Segmiller dazu, als eine erste Massnahme habe das Konsortium beschlossen, die Briefmarken «nicht zum Nominale, sondern zu einem Übernominale zu verkaufen». Der resultierende Gewinn sollte zwischen dem Konsortium und der Regierung geteilt werden, wobei für den Anteil des Landes der Begriff «anonyme Spende» vorgeschlagen wurde. Gustav von Flesch-Brunningen wollte ein Bekanntwerden von solchen Spenden in der Öffentlichkeit verhindern, weshalb ein Treuhänder mit der Angelegenheit betraut wurde. Das Mandat, für dessen Ausübung ein Honorar aus den Überschüssen zur Verfügung stehen sollte, übernahm Volkspartei-Chef Wilhelm Beck, der seinerseits ebenfalls Wert auf grosse Diskretion legte. Die Öffentlichkeit sollte nicht erfahren, was hinter den Kulissen genau ablief und vereinbart wurde. Die Abmachung, die Wilhelm Beck und Flesch-Brunningen miteinander abschlossen, bezeichnet Rupert Quaderer im Historischen Lexikon deshalb als «Geheimvertrag».

Das Konsortium war, zumindest von den liechtensteinischen Teilhabern, mit besten Absichten gegründet worden, um das Briefmarkengeschäft anzukurbeln und dem Staat zu zusätzlichen Einnahmen zu verhelfen. Doch gleich am Anfang zeigten sich Unregel-mässigkeiten, die genau das Gegenteil bewirkten. In der Philatelie-Literatur ist teilweise im Detail beschrieben, beispielsweise von Walter Segmiller, welche Machenschaften in Szene gesetzt wurden, um das Geschäft um jeden Preis anzukurbeln. So konnten laut Segmiller nie alle Werte einer Briefmarkenserie am gleichen Postschalter gekauft werden: «Dahinter steckte die Absicht des Konsortiums, zu verhindern, dass liechtensteinische Briefmarken-händler die Werte am Schalter erwarben und so dem Konsortium Konkurrenz machten.»

Und dann gab es bei den Briefmarkenausgaben immer wieder Plattenfehler oder Farbschwankungen, Zähnungsunterschiede und sogar überhaupt keine Zähnung, sondern geschnittene Briefmarken. Alles «sicher absichtliche Machenschaften», schreibt Segmiller, um die Briefmarken interessanter zu machen. Um die Spekulation mit Liechtenstein-Briefmarken anzukurbeln und die Preise für solche Abarten in die Höhe zu treiben, kannte das laut Segmiller «berüchtigte Konsortium» keine Hemmungen: Wenn kein weisses Papier vorrätig gewesen sei, habe man dickes, gelbes Papier verwendet: Diese Briefmarken wurden von Händlern und Sammlern als «Chinesen» bezeichnet. Eine andere Geschichte, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann, betrifft das schludrige Druckverfahren: Bei einer Ausgabe sei während des Drucks eine kleine Haarnadel auf die Druckplatte gefallen, doch die Maschine wurde nicht gestoppt, sodass die Nadel von der Druckwalze in die Druckplatte gepresst und die Haarnadel auf der Briefmarke sichtbar wurde.

Auflösung des Vertrags mit dem Konsortium im Jahr 1922
Diese Machenschaften des Konsortiums waren in der Bevölkerung schon vor den Demon-strationen bekannt. Ebenso blieb den liechtensteinischen Mitgründern des Konsortiums nicht verborgen, dass sich die Hoffnungen auf eine Ankurbelung des Briefmarkengeschäfts durch die finanziellen und technischen Fehlleistungen nicht erfüllten. Schon zehn Tage vor den beiden Demonstrationen forderten sie von der Regierung die Einsetzung einer Untersuchungskommission, die das «Gebaren der Verschleissstelle» untersuchen sollte. Die Kommission unter dem Vorsitz von Karl Spieler, einem Bankangestellten aus Vorarlberg, stellte dabei Unregelmässigkeit im Geschäftsgebaren und vor allem auch unlautere Methoden wie Fehldrucke fest. Der Empfehlung der Kommission, das Konsortium mit sofortiger Wirkung aufzulösen, folgte die Regierung aber vorerst nicht. Am 17. September 1921 wurde jedoch der Landtag in dieser Angelegenheit aktiv und beauftragte den späteren Regierungschef Gustav Schädler und den Lehrer Xaver Gassner mit einer Untersuchung. Der Bericht stand kurz vor Jahresende 1921 im Landtag zur Debatte. Das Parlament forderte aufgrund der im Bericht aufgezeigten Fehlleistungen des Konsortiums die Auf-lösung des Vertrags. Dieser Aufforderung kam die Regierung einige Zeit später, am 25. April 1922, nach.