Der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, konnte diesen Sommer seinen 90. Geburtstag feiern. Schon seit einiger Zeit wird spekuliert, wer sein Nachfolger werden könnte. Der Friedensnobelpreisträger hielt sich im Jahr 1991 zu einem Besuch in Liechtenstein auf. Anlass war die Sonderausstellung «Tibet in Kunst und Kultur» im Liechtensteinischen Landesmuseum.
Um den Dalai Lama ist es ruhiger geworden, was hauptsächlich seinem hohen Alter geschuldet ist. Vor wenigen Jahren noch wurde Tenzin Gyatso, wie sein Name als buddhistischer Mönch lautet, wie ein Popstar gefeiert, der ständig auf Welttournee war. Nicht weniger als 80 Ehrendoktorwürden und 22 Ehrenbürgerschaften deuten darauf hin, dass er mit seinen Botschaften auf der Welt angekommen ist. Wenn er eine Rede hielt, sprach er von Liebe und Vergebung. Aber auch vom Leiden seines Volkes seit 1951, als die chinesische Armee in Tibet einfiel und den kleinen Himalaya-Staat auf dem «Dach der Welt» in sein Herrschaftsgebiet einverleibte.

Copyright: Brigit Risch; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz
Mit Krieg kann man keinen Frieden erlangen
Wie ein Popstar wurde der Dalai Lama auch in Liechtenstein empfangen, als er die Sonderausstellung «Tibet in Kunst und Kultur» im Landesmuseum besuchte und im Vaduzer Saal einen Vortrag hielt. Damals, im Jahr 1991, war die Welt in Aufruhr. Vor allem in Europa hatte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und den darauffolgenden Umwälzungen im Osten sozusagen eine neue Zeitrechnung begonnen. Der Begriff «Frieden» erlebte eine Hochkonjunktur. Auch der Dalai Lama stellte den Frieden bei seinem Vortrag in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Um Frieden in der Welt zu schaffen, betonte er, dürfe die Menschheit aber nicht auf eine höhere Macht hoffen, sondern der Friede müsse durch die Menschen selbst geschaffen werden. Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, bedürfe es jedoch einer entschlossenen Haltung aller Menschen, unterstrich das geistliche Oberhaupt der Tibeter, das 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Krieg sei zwar ein Teil der Geschichte der Menschheit, doch inzwischen würden sich viele Menschen auch Gedanken machen über andere Mittel, um die Ziele des Friedens zu erreichen. Den Krieg bezeichnete er in diesem Zusammenhang als schlechtes Mittel, um den Frieden zu erlangen oder zur Friedenssicherung beizutragen. Um den Frieden in der Welt zu erreichen, bedürfe es grosser Anstrengungen, betonte der Dalai Lama. Insbesondere brauche es zuerst eine geistige Abrüstung, damit im Innern der Menschen eine ausgeglichene Haltung erreicht werden könne. Mitgefühl und Liebe zu den Mitmenschen seien der Schlüssel zum Frieden, doch müssten sich diese positiven Eigenschaften zuerst im kleinen Kreis entwickeln, bevor sie weltweite Auswirkungen entfalten könnten.

am 19. August 1991
Tibet mit seiner einzigartigen Kultur drohe unterzugehen
In seinen weiteren Ausführungen hob der Dalai Lama den Beitrag der kleinen Länder zur Friedenssicherung hervor und erwähnte dabei Liechtenstein, das über keine Waffen verfüge. Gerade kleinere Staaten zeigten international oft grösseren Mut, wenn es um die Friedenssicherung gehe. Aber grundsätzlich hätten alle Länder der Welt eine Verantwortung für die Durchsetzung des Friedens und bei der Beachtung der Menschenrechte, hatte das geistliche Oberhaupt der Tibeter schon in einer vorangegangenen Pressekonferenz unterstrichen. Dabei zeigte er sich überzeugt, solche Probleme könnten nicht mehr lokal gelöst werden, sondern erforderten eine globale Zusammenarbeit. Dies gelte auch für die Situation von Tibet und besonders für die Menschen in Tibet. Der kleine Himalaya-Staat drohe unterzugehen, betonte er in seiner pessimistischen Lagebeurteilung, das kleine Land mit einer einzigartigen Kultur drohe zu sterben.
Sonderausstellung «Tibet in Kunst und Kultur»
Vor der Pressekonferenz und dem öffentlichen Vortrag hatte der Dalai Lama die Sonderausstellung «Tibet in Kunst und Kultur» besucht. Der überwiegende Teil der ausgestellten Kunst- und Kultgegenstände sowie Gebrauchsgeräte stammte aus dem Besitz von Heinrich Harrer, der diese Teile der Tibet-Sammlung an Liechtenstein verkauft hatte. Der Österreicher Harrer, der viele Jahre auch in Liechtenstein wohnte, lebte vor der Besetzung Tibets durch die Chinesen während sieben Jahren in Tibet und war dort auch als Lehrer für den Dalai Lama tätig.
Der Dalai Lama zeigte sich bei einem Rundgang durch die Sonderausstellung im Landesmuseum beeindruckt von der Präsentation der tibetischen Gegenstände aus Kultur und Alltag. Ins Gästebuch schrieb er: «Mögen die Kultgegenstände und die Gemälde die Schönheit Tibets und seine friedvolle Hochkultur widerspiegeln.» Durch den Kulturexport erblickte er keine Gefahr für Tibet, wie manche Kritiker im Vorfeld der Sonderausstellung befürchtet und bemängelt hatten. Ganz im Gegenteil: In der Ausstellung im Landesmuseum sei er mit Gegenständen in Berührung gekommen, die es in Tibet gar nicht mehr gebe. Gleichzeitig drückte er allerdings auch seinen Wunsch aus, dass sich diese Gegenstände nach einer Änderung in Tibet von Vaduz aufmachen würden, um an ihren Ursprungsort zurückzukehren. Heinrich Harrer, ebenfalls beim Rundgang mit dabei, ergänzte den Dalai Lama: Wenn diese Gegenstände nicht aus Tibet herausgebracht worden wären, dann wären sie wahrscheinlich zerstört worden oder verloren gegangen.
Bei der Eröffnung der Ausstellung hatte der damalige Regierungschef Hans Brunhart betont, es sei wichtig, dass die Tibet-Gegenstände als Kulturgüter erhalten und der Öffentlichkeit gezeigt würden. Die Ausstellung könne den Blick aus Liechtenstein ausweiten in die Welt und nach Tibet, in eine Welt, die den meisten unbekannt anmute und damit von einer Aura der Geheimnisse umgeben sei.

Der Dalai Lama bereitet seine Nachfolge vor
Seit der Tibet-Ausstellung im Landesmuseum und dem Besuch des Dalai Lama in in Liechtenstein sind inzwischen über 30 Jahre vergangen. Im Umfeld zu seinem 90. Geburtstag gab das geistliche Oberhaupt der Tibeter zu verstehen, dass er seine Nachfolge vorbereite. Mit dieser Agenda befasst sich allerdings auch das offizielle China, das in den vergangenen drei Jahrzehnten seinen Einfluss in Tibet ausgebaut hat. Die Volksrepublik betrachtet Tibet als Teil Chinas, was völkerrechtlich umstritten ist. Der Dalai Lama verkündete, sein Nachfolger werde «in der freien Welt» geboren, also nicht in Tibet. Ausserdem erklärte er an seinem 90. Geburtstag, die Institution des Dalai Lama werde fortbestehen. Keine andere Instanz besitze das Recht, bei der Auswahl des künftigen geistlichen Oberhauptes einzugreifen, betonte er in Richtung China. Die Chinesen werden sich laut Beobachtern aber von dieser Botschaft wohl nicht abhalten lassen, einen eigenen Dalai Lama zu installieren. In diesem Fall gäbe es künftig zwei Dalai Lamas – einen in China und einen im Exil, wahrscheinlich wie der jetzige Dalai Lama, der 1959 nach Nordindien geflohen ist und seither dort lebt.
Der Dalai Lama, den die Chinesen als gefährlichen Separatisten betrachten und als «Wolf in Mönchskutte» bezeichnen, kam 1935 unter dem Geburtsnamen Lhamo Thondup (in anderer Schreibweise auch Lhamo Döndrub) zur Welt. Im Alter von zwei Jahren wurde Lhamo, der Sohn einer Bauernfamilie, als die Wiedergeburt des verstorbenen 13. Dalai Lama ausgemacht. Am 22. Februar 1940, damals um die vier Jahre alt, wurde er in der Hauptstadt Lhasa als 14. Dalai Lama inthronisiert. Im Jahr 1950 wurde dem 15-Jährigen auch die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen, was zu Konflikten mit China führte. Für kurze Zeit flüchtete er über die Grenze nach Indien, kehrte aber wieder zurück. Seine endgültige Flucht nach Indien erfolgte 1959 nach dem Tibet-Aufstand, in dem sich die Tibeter gegen die chinesische Besetzung aufgelehnt hatten.





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