Neujahrsbotschaft 2024 von Regierungschef Dr. Daniel Risch

Regierungschef Dr. Daniel Risch bei der Neujahrsansprache.
Liebe Einwohnerinnen und liebe Einwohner von Liechtenstein 

Ich hatte kurz vor dem Jahreswechsel zwei Begegnungen, die mich nachdenklich
gemacht haben.

Die erste Begegnung war mit meiner Tochter. Sie bekam in der Schule die Aufgabe,
ein «Friedensplakat» zu zeichnen. Ihr Plakat zeigt, wie die Welt von Frieden träumt.
Darauf zu sehen ist eine Erdkugel mit geschlossenen Augen, mit Menschen aus allen
Staaten der Welt, die das Friedenszeichen bilden. Ich finde das eine sehr schöne Idee.

Die zweite Begegnung war mit jemandem, der mir vom so genannten «Overview-
Effect» erzählt hat. Ich gebe zu, dass ich diesen Begriff davor noch nie gehört habe.
Der «Überblick-Effekt» beschreibt das Gefühl von Astronauten, wenn sie das erste Mal
die Erdkugel von oben sehen.

Merkmale dieses Effekts seien ein Gefühl der Demut, ein tiefes Verstehen der
Verbundenheit des Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden von Verantwortung
für unsere Umwelt. Es wird als Erfahrung beschrieben, die die Perspektive auf unsere
Welt, die Natur und die Lebewesen langfristig verändern soll.

Geschätzte Einwohnerinnen und Einwohner,
vermutlich werden die wenigsten von uns, das beschriebene Gefühl des «Überblick-
Effekts» aus dem Weltall schon erlebt haben oder in Zukunft noch erleben können.
Aber man muss vermutlich gar nicht so hoch hinauf. Mir selbst geht es auf den Drei
Schwestern oder auf dem Alpspitz manchmal – glaube ich – ganz ähnlich. Man schaut
ins Tal, sieht praktisch unser ganzes Land, Teile der Schweiz und Österreichs, den
Bodensee und an schönen Tagen sieht man sogar bis nach Bayern und Baden-
Württemberg.

Es ist unsere «erweiterte» Heimat, wo wir leben und wo all das ist, was wir schätzen.
Die Menschen, die Natur. Topographisch geschützt im wunderschönen Rheintal. Aber
auch geschützt durch die politische Stabilität, eine starke Wirtschaft und gute
Beziehungen mit dem nahen und weiteren Ausland.

Die Stabilität und Sicherheit und damit insgesamt die gute Ausgangslage in
Liechtenstein erleichtern uns das tägliche Leben im Vergleich zu vielen anderen
Menschen auf der Welt erheblich. Das ist gut, denn wir können uns auch mit Themen
der Zukunft intensiver auseinanderzusetzen, wenn wir nicht in täglichen Problemen
untergehen.

Wir tun das in der Politik, wenn wir uns beispielsweise um die zukünftige Absicherung
mit einem Beitritt zum Internationalen Währungsfonds kümmern. Oder wenn wir uns
mit Energievorlagen befassen, um unsere Klimazielen zu erreichen, oder mit der
Altersstrategie, um das lebenswerte Älterwerden in Liechtenstein zu garantieren.
Ich möchte Sie ermuntern, dass auch in Ihrem täglichen Leben und Ihrem persönlichen
Umfeld, so gut es geht, zu tun. Im Hier und Jetzt zu leben, aber zuversichtlich
Entscheide für die Zukunft zu treffen. Denn wir alle können unsere eigene aber auch
die grosse Welt positiv verändern.

Manchmal hilft es, nicht nur auf einen Berg zu steigen und einen Überblick zu haben.
Auch ein Blick zurück auf das Erreichte kann ermutigend sein. Trotz aller globalen
Schwierigkeiten hatte das letzte Jahr auch viele positive Momente. Ich denke dabei
vor allem an die Feierlichkeiten rund um das 100-Jahr-Jubliäum des Zollvertrags mit
der Schweiz oder auch an den Staatsfeiertag mit der Gastgemeinde Triesenberg auf
dem Peter-Kaiser-Platz. Beide Veranstaltungen haben die Menschen zusammen-
gebracht und den Zusammenhalt gestärkt.

Das zeigt auch: Wir pflegen stabile Beziehungen und den Zusammenhalt. Nicht nur
nach innen, sondern vor allem auch nach aussen. Dies zeigt der Zollvertrag genauso
wie der EWR, die UNO-Mitgliedschaft oder der Europarat. Gerade durften wir beim
Europarat zum dritten Mal den Vorsitz übernehmen und ich weiss aus eigener
Erfahrung, dass Liechtenstein auch international ein geschätzter Partner ist. Nicht nur,
aber gerade auch, wenn wir uns für die Menschenrechte und die Grundwerte wie
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsetzen. Wir können als kleiner Staat in der Welt etwas bewegen – und in unserem Land, kann auch jeder einzelne etwas beitragen.

Wir stehen vor einem hochpolitischen Jahr. Wir starten ins vierte Jahr der Legislatur
und auch das Volk wird gleich mehrfach gefragt sein. Mehrere Volksabstimmungen
sind angesagt. Und das finde ich gut. Denn anders als man manchmal hört, gibt es in
Liechtenstein nicht eine «Verbots»- sondern eine «Mitmach»-Kultur. Wir alle können
mitbestimmen, wir können sagen, was für ein Land und was für eine Gesellschaft wir
sein wollen. Die Regierung führt die Entscheide aus, Fürst und Volk geben den Weg
vor.

Jede Abstimmung steht für eine funktionierende Demokratie. Das Volk kann sich
einbringen. Unterschiedliche Meinungen sind erwünscht, ja sogar notwendig. Es ist
wichtig, dass wir Gespräche und Diskussionen führen. Dies gehört zu einer gesunden
Demokratie dazu, genauso, dass wir auch einen Mehrheitsentscheid akzeptieren.
Auch das ist und gibt Stabilität! Und wenn wir uns manchmal fragen, ob wir selbst den Unterschied machen können, dann finde ich ein afrikanisches Sprichwort, das mir jüngst begegnet ist, sehr ermutigend. Es lautet: «Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.»

Und damit, sind wir wieder beim grossen Ganzen, bei der Erdkugel vom Anfang. Das
Gesicht der Welt. Und weil wir nur die eine Erde haben, sollten wir ihr und uns Sorge
tragen.

Mit diesen Gedanken wünsche ich allen ein erfolgreiches, gesundes und friedliches
neues Jahr. Und ich hoffe, dass 2024 im Kleinen und Grossen ein Jahr der Stabilität,
des Fortschritts und auch des Friedens sein wird. Es soll ein Jahr sein, wo wir
aufeinander zugehen und bemüht sind, Missverständnisse zu klären und den
Überblick nicht zu verlieren.
Ich wünsche Ihnen ganz ein gutes Neues Jahr.