Wie das Ellhorn in Balzers in den Besitz der Schweizer kam

Vor 75 Jahren beschloss der Landtag, das Ellhorn an die Schweiz abzutreten, gegen Bodentausch und Realersatz. Der Verkauf stiess in Balzers auf starke Ablehnung. Jahrelang hatte die Schweiz massiven Druck auf Liechtenstein ausgeübt, sodass kaum etwas anderes übrigblieb, als den für das Schweizer Militär wichtigen Felsen zu verkaufen.

Text: Günther Meier

Dass ein Land einem Nachbarland ein Stück des Staatsgebietes abtritt, dürfte eher selten vorkommen. 1948 ging das Ellhorn in Balzers, dieser markante Felsen hoch über dem Rhein, auch Loreley des Alpenrheins genannt, von Liechtenstein an die Schweiz. Der Landtag stimmte am 30. Dezember 1948 dem Vertrag über die Gebietsabtretung zu, der das Ellhorn nicht ausdrücklich erwähnt, sondern als «allgemeine Revision der Landesgrenze» umschreibt. Vor dieser Vertragszustimmung hatte sich der Landtag mehrfach mit der Ellhorn-Frage befasst. Entscheidend dazu war die Sitzung vom 13. Dezember 1948, als der Landtag der Abtretung des Ellhorns grundsätzlich zustimmte – nicht einstimmig, sondern nur mit einer Mehrheit von 10 der 15 Abgeordneten. Der Weg war damit frei, dass die liechtensteinische Regierung und der schweizerische Bundesrat am 23. Dezember 1948 den Grenzvertrag in Bern unterzeichnen konnten. 

Festungen Schollberg und Ellhorn als Riegel

Mehr als zehn Jahre hatte es gedauert, bis die Schweiz ihr Ziel erreicht hatte. Das Ellhorn erschien bereits etliche Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem Radar des Schweizer Militärs. In Armeekreisen entstanden schon 1934 Pläne, wie die Schweiz in den Besitz dieses Felsens gelangen könnte. Die Militärführer waren besorgt, dass im Rheintal ein offener, nicht befestigter Zugang zum Bündnerland und in Richtung Zürich bestand. Nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland verfestigten sich die Pläne, zur militärischen Sicherung des Sarganser Beckens neue Festungsbauten auf beiden Seiten des Rheins zu errichten. Der Generalstab der Armee stellte einen für die Landesverteidigung ungünstigen Grenzverlauf beim Ellhorn fest, das sich zu jener Zeit noch im Besitz Liechtensteins befand. Zudem bestand laut Militärkreisen die Gefahr, dass sich feindliche Truppen über das hinter dem Ellhorn liegende Elltal nähern könnten, weil dieses kleine Tal von Sargans aus nicht überblickt werden konnte. Hinter dieser Befürchtung stand die Mutmassung, Liechtenstein könnte an das Deutsche Reich angeschlossen werden oder sich freiwillig anschliessen. Nach dem 1938 erfolgten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich beschleunigte die Armee die Festungspläne im Raum Sargans, womit das Ellhorn als weit sichtbarer Fels an der schmalsten Stelle des Rheintals erneut in den Fokus des Militärs geriet. Im August 1938 richtete der Generalstab den Wunsch an den Bundesrat, das Ellhorn für die Schweiz zu kaufen und in die geplante Festigungslinie einzufügen. Auf der gegenüberliegenden Seite baute das Militär den Schollberg zur Festung aus, doch fehlte für einen wehrhaften Riegel gegen feindliche Aufmärsche eine entsprechende Festung beim Ellhorn. 

Forderungen Liechtensteins an die Schweiz

Weil die Schweiz aufgrund der militärischen Aufrüstung in Deutschland und der Kriegsdrohungen Hitlers kein Aufsehen erregen wollte, sollte dieses Unterfangen möglichst diskret angegangen werden. Die bereits laufenden Verhandlungen über die Vermarkung der Grenze Liechtenstein-Schweiz hätten sich dafür angeboten, schreibt der Historiker Peter Geiger im Buch «Krisenzeit». Anfang Dezember 1938 traf sich Regierungschef Josef Hoop in Bern mit Militärs und dem Bundesrat, der aus den Besprechungen das Fazit zog, Liechtenstein sei zur Abtretung des Ellhorns bereit. Regierungschef Hoop lieferte anschliessend die liechtensteinischen Forderungen an den Bundesrat: Bei einer Grenzregulierung müsse Liechtenstein flächenmässig mindestens so viel Boden an anderer Stelle erhalten, wie beim Ellhorn abgetreten werde. Sollte dieser Realtausch nicht ganz möglich sein, müsste die Schweiz zu anderen Kompensationen bereit sein. Liechtenstein hatte dafür eine Liste bereit: Freizügigkeit für liechtensteinische Arbeitskräfte in der Schweiz, Aufnahme der liechtensteinischen Banken in die Schweizerische Bankiervereinigung, Integration Liechtensteins in die schweizerische Wirtschaft, vergleichbar mit der Stellung der Kantone gegenüber dem Bund. Daraus ist erkennbar, dass Regierungschef Hoop möglichst viel für das Land herausholen wollte. Gleichzeitig setzte er auch etwas Druck auf: Liechtenstein war nach dem Anschluss Österreichs zum unmittelbaren Nachbarn von Hitler-Deutschland geworden – und der neue Nachbar habe ebenfalls Wünsche im Fall von Grenzbereinigungen.

In Balzers formierte sich Widerstand

Regierungschef Hoop hatte sich die Abtretung des Ellhorns offenbar zu einfach vorgestellt. In der Regierung regte sich Widerstand, weil Hoop allein mit der Schweiz verhandelt hatte. Die Gemeinde Balzers reagierte mit einem klaren Nein, und auch Fürst Franz Josef II. war dagegen, aber aus anderen Gründen: Das Fürstenhaus stand zur gleichen Zeit in Verhandlungen mit dem Dritten Reich über die Rückgabe von Gütern, die in der Tschechoslowakei zwangsenteignet worden waren. Die Sache nahm nun eine dramatische Wende. Weil Regierungschef Hoop krank war, reisten nur Landtagspräsident Anton Frommelt und der als deutschfreundlich geltende Regierungschef-Stellvertreter Alois Vogt zur zweiten Verhandlungsrunde nach Bern. Frommelt und Vogt erklärten dem Bundesrat, in Liechtenstein sei alles andere als klar, das Ellhorn an die Schweiz abzutreten. In Balzers formiere sich Widerstand, und aus Deutschland sei signalisiert worden, eine Abtretung des Ellhorns würde als eine Neutralitätsverletzung betrachtet. Der Bundesrat reagierte ungehalten: «Sollte wider Erwarten die liechtensteinische Regierung starr an ihrem Standpunkt festhalten, so könnte das dazu führen, dass die Schweiz ihre Hefte gegenüber Liechtenstein revidieren würde.» Die Schweiz forderte Liechtenstein unmissverständlich auf, klar gegen staatsgefährdende Umtriebe von Deutschfreundlichen vorzugehen, wie das die Schweiz mache. Zudem blockierte der Bundesrat einen Kredit an Liechtenstein: Eine Million Franken war bereits überwiesen worden, die zweite Million werde «bis zur Klärung der Situation» gesperrt. In Liechtenstein ging zudem die Angst um, die Schweiz könnte den 1923 abgeschlossenen Zollvertrag kündigen. 

Die Schweiz argumentiert mit dem Kalten Krieg

Es kam zwar nicht zum Bruch, aber doch zu einer Abkühlung der Beziehungen mit der Schweiz. Dann begann der Zweite Weltkrieg – und andere Themen beschäftigten die beiden Länder. Obwohl das Ellhorn in der Planung des Schweizer Militärs fehlte, wurden die Festungen in der Region Sarganserland ausgebaut. Das Militär hatte jedoch die «Loreley des Alpenrheins» nicht aus den Augen verloren. Schon am 17. März 1945, noch vor dem offiziellen Kriegsende mit der Kapitulation Deutschlands, forderte General Guisan erneute Verhandlungen mit Liechtenstein über das Ellhorn. Bei diesem zweiten Anlauf befand sich die Schweiz in einer stärkeren Position, denn für Liechtenstein fiel das Hauptargument weg, Deutschland wäre mit der Abtretung des Ellhorns nicht einverstanden. Militärkreise argumentierten wie früher mit der strategischen Schlüsselrolle des Ellhorns, aber nicht mehr als Schutz gegen das Dritte Reich, sondern neu mit dem Ost-West-Konflikt im beginnenden Kalten Krieg, der zu einem Dritten Weltkrieg führen könnte. Die Schweiz wollte unbedingt das Ellhorn und ging auf den Vorschlag Liechtensteins, den begehrten Felsvorsprung der Schweiz für militärische Zwecke über einen längeren Zeitraum zu verpachten, nicht ein. Auch der Widerstand in der Gemeinde Balzers konnte nicht als Hebel benutzt werden, obwohl sich an einer Gemeindeversammlung eine überwältigende Mehrheit der Balzner gegen die Ellhorn-Abtretung wehrte: 302 Balzner stimmten dagegen, nur vier wollten der Schweiz entgegenkommen. Die Abstimmung hatte ohnehin nur konsultativen Charakter, sollte aber ein Stimmungsbild für den Landtag abgeben, der sich nun mit der Frage zu befassen hatte. Wie aufgewühlt die Stimmung in der Bevölkerung war, illustriert eine Wortmeldung an einer Versammlung: «Nun wird auch der Loreley-Felsen ausgebohrt und zu einer Festung gemacht!»

 

Russen- und Kommunistenfurcht im Landtag

Der Landtag befand sich in einer unangenehmen Situation. Auf der einen Seite gab es die Proteste aus Balzers, die einen Verkauf des Ellhorns unbedingt verhindern wollten. Andererseits hatte die Schweiz den Druck auf Liechtenstein erhöht, dem die Regierung kaum widerstehen konnte. Das Pralament befasste sich im Herbst 1948 in vier Sitzungen mit der Ellhorn-Frage. Eigentlich wollte keiner der Abgeordneten den Felsen an die Schweiz verkaufen, doch im Hinterkopf hatten wohl die meisten die Befürchtung, die Eidgenossen könnten den Zollvertrag kündigen. Prinz Heinrich, der damalige Botschafter Liechtensteins in der Schweiz, informierte den Landtag über die Sicherheitslage in Europa und liess durchblicken, angesichts des Kalten Kriegs sei ein neuer Weltkrieg nicht mehr ausgeschlossen. Dieser Hintergrund gebe den Argumenten des Schweizer Militärs zusätzliches Gewicht, das Ellhorn als Festung auszubauen. Der Historiker Arthur Brunhart schreibt in den Balzner Neujahrsblättern über die Stimmung im Landtag: Einerseits habe es die Befürchtung gegeben, die Schweiz könnte den Zollvertrag kündigen, wenn Liechtenstein nicht einlenke, auf der anderen Seite habe Russen- und Kommunistenfurcht die Debatten geprägt. Das eindeutige Resultat der Konsultativ-Abstimmung in Balzers hatte zweifellos auch Auswirkungen auf das Abstimmungsverhalten im Landtag: Eine Mehrheit von 10 Abgeordneten stimmte der Abtretung des Ellhorns an die Schweiz zu, während fünf Abgeordnete dagegen votierten! 

Finanzielle Entschädigung für Balzers

Der Balzner Abgeordnete Heinrich Brunhart erklärte dazu im Landtag, die Gemeinde Balzers habe für das Land Opfer gebracht, nun müsse die Gemeinde grosszügig entschädigt werden. Laut Historiker Arthur Brunhart wurden in den Gebieten Ellhorn und And rund 45 Hektaren mit einem Schätzwert von 80’000 Franken an die Schweiz abgetreten. Im Gegenzug erhielt Balzers andernorts eine etwa gleich grosse Fläche mit einem Schätzwert von 120’000 Franken. Rein rechnerisch hatte sich also die Abtretung des Ellhorns gelohnt, doch für die Balzner war die Weitergabe des markanten Felsens emotional ein herber Verlust, den finanzielle Entschädigungen nicht wettmachen konnten. An einer Gemeindeversammlung Anfang 1949 richteten die Balzner Entschädigungsansprüche an die Regierung. Allerdings erfüllten sich die Hoffnung der Balzner nicht ganz: Die ursprünglichen Forderungen beliefen sich auf 1,3 Millionen Franken, die mehrfach reduziert wurden. Am 17. Mai 1949 beschloss der Landtag, die Gemeinde Balzers mit 412’500 Franken zu entschädigen. 


Ausführliche Darstellungen über den Verkauf des Ellhorns finden sich in
folgenden Publikationen:
Peter Geiger: «Der Ellhornhandel 1938/39» im Buch «Krisenzeit» Band 2.
Arthur Brunhart: «Der Verlust des Ellhorns 1948» in den Balzner Neujahrsblätter 1999.