Die erste Zeitung war 1863 die Liechtensteinische Landeszeitung

Anfang 2023 ist das Liechtensteiner Volksblatt nach 145 Jahren eingegangen. Das Volksblatt war aber nicht die erste Zeitung, die in Liechtenstein erschien. Schon vor 160 Jahren gab es die Liechtensteinische Landeszeitung, die fünf Jahre lang herausgegeben wurde. Erst fünf Jahre später wurde der nächste Versuch unternommen – mit der Liechtensteinischen Wochenzeitung, die von 1873 bis 1877 gedruckt wurde. 

Text: Günther Meier

Auf das Revolutionsjahr 1848, das in Liechtenstein relativ ruhig ablief, folgten mit etwas Distanz einige Reformen, die dem Volk mehr Rechte versprachen. Als sich Österreich anschickte, sich vom Absolutismus abzuwenden, nahm Fürst Johann II. dies zum Anlass, dem Land eine neue Verfassung zu geben. Der Bevölkerung sollten damit mehr Rechte eingeräumt werden. Auf diese konstitutionelle Verfassung, die einen Ausgleich zwischen Fürstenmacht und Volkssouveränität suchte, beriefen sich die Herausgeber der ersten Zeitung in Liechtenstein, deren erste Ausgabe am 12. April 1863 erschien. Die Verfassung sichere der Bevölkerung die Mitwirkung an den öffentlichen Angelegenheiten zu, schrieben die beiden Herausgeber Karl Schädler und Gregor Fischer. Wenn diese neue Errungenschaft verbreitet werden solle, so brauche es eine Zeitung – eben die «Liechtensteinische Landeszeitung». 

Die erste Ausgabe war als «Probe-Nummer» gekennzeichnet. Auf der Frontseite der vierseitigen Zeitung gaben die Herausgeber bekannt, was sie sich unter der Zeitung vorstellten: «Die Landeszeitung soll der wahre Ausdruck der öffentlichen Meinung sein.» Die Zeitung wolle den Weg anbahnen für die naturgemässe Fortbildung der politischen Zustände, aber auch für die Beseitigung von Mängeln. Geplant seien «fortlaufende Wochenberichte über die wichtigsten Ereignisse in der grossen Welt», womit sich die Bevölkerung das Geld für teure Zeitungen von anderswo ersparen könnte. Zur Sprache kam auch die Finanzierung der Landeszeitung. Alle Gesetze und Verordnung des Landes würden als Amtliche Bekanntmachungen publiziert, wofür die Regierung eine Subvention leiste. Damit sei gewährleistet, dass der Preis der neuen Zeitung erschwinglich gehalten werden könne. Allerdings, so der Aufruf, es brauche schon eine ausreichende Anzahl von Abnehmern, um die Kosten der Zeitung zu decken. Als Preis wurde 1 Gulden verlangt für ein Jahres-Abonnement in Liechtenstein verlangt, ausserhalb Liechtensteins kostete das Abo 2 Gulden. 

Zuerst die Weltpolitik, dann das liechtensteinische Geschehen 

Die Herausgeber hatten offensichtlich ein Bedürfnis in der Bevölkerung entdeckt, über das Geschehen im Ausland informiert zu werden. Die «Politische Umschau» deckte deshalb zuerst das Weltgeschehen ab, angefangen beim Ringen um Polen, das nach der Niederlage durch Russland zu einem Königreich gemacht werden solle. Mit blumiger Sprache wurden darüber Zweifel geäussert, ob es dazu kommen könne: «Schon sammeln sich diplomatische Raben um die Leiche». Lobende Worte dafür für das östliche Nachbarland, das als kürzlich noch «gedemütigtes Österreich» im Rat der Mächte wieder «in voller Anerkennung» mitspiele. Ganz anders die Sicht auf Preussen, dessen Rolle gegenüber Polen kritisiert wird. Dazu die Einschätzung, «der Deutsche, der heute an Preussen denkt, muss schamrot werden!» Die deutschen Staaten seien in ihren Meinungen gegenüber Preussen geteilt, eine klare Haltung zeige der südlichste deutsche Staat: Das «gut regierte und glückliche Bayern»!

Nach dieser europäischen Rundschau gab es etwas, was es vor dem Erscheinen der Liechtensteinischen Landeszeitung noch nie gegeben hatte: Berichte aus dem Land selbst. Breiten Raum nahm in der ersten Ausgabe die Eröffnung der Landtagssitzung mit dem Verlesen einer Botschaft von Fürst Johann II. und den Dankesworten von Regierung und Landtag an den Monarchen. Ferner berichtete die Zeitung, der Fürst werde in absehbarer Zeit das Land besuchen, nachdem der Landtag eindringlich den Wunsch ausgesprochen hatte, der Landesvater möge doch bald seinem Fürstentum einen offiziellen Besuch abstatten. Die Bevölkerung wurde in einem weiteren Artikel aufmerksam gemacht, dass nach der Sanktion des Militäraushebungsgesetzes durch den Fürsten nun die Aushebung der jungen Männer vorgenommen werde: «Es sind 21 Rekruten aus der Altersklasse 1842 zu stellen. Durch die diesjährige Aushebung und durch die Einreihung der Mannschaft aus dem ersten Jahrgange der Reserve wird das liechtensteinische Bundeskontingent auf 82 Mann Hauptkontingent und 18 Mann Ersatzkontingent gebracht.» Am Schluss, unter der Rubrik «Verschiedenes», informierte die Landeszeitung über den Aufbau der
Maulbeerbaumzucht: Auch in Liechtenstein seien bereits Pflanzungen angelegt worden. In Vaduz soll sogar ein Versuch mit Raupenzucht gestartet werden – woran die Hoffnung verknüpft wurde, schon in absehbarer Zeit könnte der Rohstoff für Seide aus Liechtenstein kommen. 

Nicht nur Weltpolitik, auch Kriminalfälle aus dem eigenen Land

Auch die zweite Ausgabe der Landeszeitung befasste sich mit dem Aufstand in Polen, jedoch weniger ausführlich. Mehr Raum nahm dagegen die Berichterstattung aus Liechtenstein ein. Im Landtag war über die Finanzierung der Rheinwuhrbauten diskutiert worden, wobei sich unterschiedliche Auffassungen zeigten. Einige der Abgeordneten meinten, weil der Rhein die Landesgrenze bilde und die Wuhrbauten das Überschwemmungsgebiet schützten, sollten auch Landesmittel für den Bau und Unterhalt der Wuhrbauten eingesetzt werden. Damit würden die Rheingemeinden entlastet, die den Hauptteil der Kosten tragen müssten. Gleichzeitig erinnerten andere Abgeordnete daran, dass auch die Berggemeinden vom Land unterstützt werden sollten, denn auch sie hätten grosse Lasten für die Allgemeinheit zu tragen. Neu für die Bevölkerung Liechtensteins war wohl die Berichterstattung über aktuelle Gerichtsfälle. Eine Kostprobe davon in der Nummer 2 der Landeszeitung: Vor dem Landgericht hatte sich ein in Liechtenstein vorübergehend wohnhafter Schmied aus Württemberg zu verantworten, nachdem ihm die Vaterschaft für ein Kind in Mauren zur Last gelegt wurde – und er zur Zahlung von Alimenten aufgefordert worden war. Der Angeklagte habe unter Eid vor dem Richter ausgesagt, mit der Kindsmutter in der angesprochenen Zeit keinen Umgang gepflegt zu haben. «Da jedoch mehrfache Verdachtsgründe vorhanden waren», schrieb die Landeszeitung, «dass sich der Angeklagte zu einem falschen Eid angeboten, wurde die zivilrechtliche Verhandlung vor dem Landgericht sofort eingestellt, und der Angeklagte als des Verbrechens des Betrugs dringend verdächtig, in den Untersuchungsarrest abgeführt.» Wohlwollend kommentierte Landeszeitung die Vorgehensweise des Gerichtes: «Solche Beispiele in der Justizpflege sind das geeignetste Mittel, das gesunkene Ansehen des Eides wieder herzustellen.» 

Allerlei Bundes im Informationsangebot 

Ausführlich berichtete die Landeszeitung im Verlaufe des ersten Erscheinungsjahres über die «Erste landwirtschaftliche Ausstellung im Fürstentum Liechtenstein». Die Berichte befassten sich mit den Schwierigkeiten, ohne Messe-Fachleute in kurzer Zeit eine Ausstellung zu organisieren, sowie mit der Präsentation der ausgestellten Landwirtschaftsprodukte – von Äpfeln und Birnen über Trauben und Wein bis zum Vieh, das sonst in den Ställen stand. Daran schloss sich ein kritischer Beitrag über den «Schutz des Obstes vor Diebstahl» an. Aber nicht nur die «lüsterne Jugend», auch viele «begehrliche Erwachsene» betrachteten das Obst auf den Bäumen als Allgemeingut. Was also unternehmen? Die Landeszeitung hatte einen Vorschlag: «Einige exemplarische Geld- oder Gefängnisstrafen gegen Obstdiebe würden heilsamen Schrecken verbreiten und dem Übel Einhalt tun.» 

Die Landeszeitung befasste sich auch mit volkswirtschaftlichen Fragen, wie etwa mit den Vorteilen von Sennereigenossenschaften, wie damals in Triesenberg gegründet, aber von den Bauern nur zögerlich angenommen. Die Zeitung pries die Vorteile des Zusammenschlusses und prophezeite, die Triesenberger würden mit einer guten Idee vorangehen, die anderen würden angesichts des Erfolgs dem Beispiel folgen. 

Auch Berichte, die in heutigen Medien meistens unter «Vermischtes» publiziert werden, hatte die Landeszeitung zu bieten. Der Fischer Xaver Banzer aus Triesen habe im Rhein eine «riesenhafte Seeforelle» gefangen, die «ein Gewicht von 32 Zollpfund (16 Kilo), eine Länge von 40 Zoll (ca. 102 cm) und einen Körperumfang von 22 Zoll (ca. 56 cm) hatte». Die Landeszeitung informierte die Leserschaft, wie die Seeforellen die Hindernisse rheinaufwärts überwinden könnten: «Sie krümmen den Körper, nehmen den Schwanz ins Maul, lassen ihn dann los und schlagen damit gegen den Wasserspiegel, wodurch die abprallen und in die Höhe geschleudert werden.»

Die Nachfolgezeitungen der Liechtensteinischen Landeszeitung

1863 mit einer Probe-Nummer gestartet, wurde die Landeszeitung schon fünf Jahre später aufgegeben. Anlass für die Aufgabe war der Wegzug von Gregor Fischer, der die Funktion des Herausgebers innehatte. Landtagspräsident Karl Schädler, der als «verantwortlicher Redaktor» zeichnete, konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht beide Aufgaben – Herausgeber und Chefredaktor – wahrnehmen. Erst fünf Jahre später erschien wieder eine Zeitung, die Liechtensteinische Wochenzeitung, die von 1873 bis 1877 herausgegeben wurde. Herausgeber war Rudolf Schädler, der Sohn von Karl Schädler. Auch die Wochenzeitung war Amtliches Publikationsorgan und erhielt Zuschüsse des Staates – eine Art Medienförderung, was aber nicht verhindern konnte, dass das Blatt schon fünf Jahre aufgegeben wurde, weil kein Nachfolger in die Fussstapfen von Rudolf Schädler treten wollte. Aber bereits ein knappes Jahr später – am 16. August 1878 – folgte die nächste Zeitung: Hofkaplan Johann Franz Fetz war der Herausgeber des «Liechtensteiner Volksblatt», das 145 Jahre lang ununterbrochen erschien, bis es anfangs 2023 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde. 

«Nach der Einstellung der Liechtensteinischen Landeszeitung folgte am 16. August 1878 das Liechtensteiner
Volksblatt.
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