«Es braucht Chancengleicheit für alle»

Johannes Kaiser im Gespräch mit der jungen, gesellschaftskritischen und kommunikativen Ruggellerin Sina Lenherr.

Sina Lenherr aus Ruggell ist 18 Jahre jung und beschäftigt sich stark damit, wie eine gerechtere Zukunft für alle Menschen aussehen könnte. Ein Lösungsansatz liegt für sie darin, Kinder und Jugendliche stärker in Entscheidungsfindungen einzubinden. Aber auch die Schule sieht sie mehr in der Pflicht.

Welche Ausbildung absolvierst du derzeit?
Sina Lenherr:
Ich besuche die Bildungsanstalt für Elementarpädagogik in Feldkirch. Mir ist es nach dem Abschluss beispielsweise möglich, in einem Kindergarten, einer Spielgruppe oder einer Tagesbetreuung zu arbeiten oder ein Studium zu beginnen.

Angesichts dieses Hintergrunds: Werden junge Menschen in der Schule in ausreichender Weise an gesellschaftliche Themen herangeführt?
Leider zweifle ich daran, dass unser Schulsystem darauf aufgebaut ist, Kindern etwas beizubringen, das sie in ihrer Zukunft wirklich brauchen. Man befasst sich damit, wie man ein Gedicht interpretiert oder einen biologischen Ablauf bis ins Detail beschreibt. Allerdings wissen viele Jugendliche nicht, wie eine Steuererklärung ausgefüllt wird oder was bei einem Mietvertrag beachtet werden muss. Das empfinde ich als bedauerlich. Zudem machen gesellschaftliche Probleme nicht vor Schultüren halt: Rassismus, Mobbing und Sexismus passieren in der Schule wie ausserhalb. Und dies, obwohl es gerade in der Schule die Möglichkeit gäbe, zu sensibilisieren und aufzuklären. 

Umwelt, Klimawandel und verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen sind Themen, die für die Zukunftsgestaltung von entscheidender Bedeutung sind. Müsste die Jugend in die Entscheidungsfindung  stärker eingebunden werden?
Natürlich. Schliesslich sind wir jene Generation, die unter den Auswirkungen und den Entscheidungen irgendwann einmal «leiden» muss. Es sollte mehr Geld in Forschungen gesteckt werden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Alternativen zu finden. Ich denke an klimaneutrale Alternativen in der Energiegewinnung, Recycling oder auch Fortbewegungsmittel. 

Wie sieht für dich ein solcher stärkerer Einbezug aus?
Es könnte ein Kinder- und Jugendparlament aufgebaut werden, das neben dem Landtag bei wichtigen Entscheidungen einbezogen wird. Mir ist wichtig, dass Politik etwas Greifbares für alle wird, einem die Chance bietet, aktiv mitzuentscheiden und etwas zu bewirken – es braucht Partizipation. Man könnte das Kinder- und Jugendparlament in Fragen rund um den Klimawandel bzw. das Klima miteinbeziehen, es aber auch allgemein um seine Meinung zu gesellschaftspolitischen Themen fragen. 

Welchen Themen sollte sich die Politik deines Erachtens dringend mehr annehmen? Wo erwartest du mehr Mut von der Volksvertretung?
Bei einer «Inklusiven Lebensumwelt» für alle. Momentan haben wir den Fall, dass immer noch viele Menschen darunter leiden müssen, dass unsere Gesellschaft nur integriert und nicht inkludiert wird. Für mich ist es von Bedeutung, dass alle Menschen am sozialen Leben teilhaben können. Das bedeutet konkret, dass vor allem öffentliche Gebäude barrierefrei gemacht werden, dass Schulen zu inklusiven Schulen werden, dass alle Menschen die gleiche Chance auf Bildung erhalten, dass Menschen am Existenzminimum mehr Unterstützung erfahren, dass Frauen frei über ihren Körper entscheiden dürfen, dass es kostenlose Anlaufstellen für psychische Belange gibt. Niemand soll auf der Strecke gelassen werden, es braucht Chancengleichheit für alle. 

Wie stehst du zum Wahlalter mit 16?
Ein Ja zum Wahlalter mit 16. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft. Das sollte auch bedeuten, gehört zu werden und mitbestimmen zu können, was momentan leider nicht der Fall ist. Jene Menschen, welche die Zukunft repräsentieren, werden erst gar nicht um ihre Meinung gefragt. Dies betrifft Menschen ab 16. Allerdings würde ich gerne weiter gehen. Warum wollen wir nicht allgemein mehr auf die Standpunkte von Kindern und Jugendlichen eingehen – wie bereits erwähnt durch ein Kinder- und Jugendparlament?