Reserven für Lebensqualität und Generationenprojekte

Wenn man die Jahresrechnung des Landes Liechtenstein für das Jahr 2020 betrachtet, kommt man nicht um die Feststellung herum, dass wir in finanzieller Hinsicht in einem Wunderland leben. Ein Gewinn von 300 Millionen entspricht einer Gewinnmarge von 25 Prozent auf den Umsatz, sprich die Staatseinnahmen. Viele Länder kämpfen mit Defiziten von mehreren Prozenten des BIP. Wir müssen und können aufgrund unserer komfortablen Situation auch in Menschen investieren, die es weniger gut haben, und wir können an Zukunftsprojekte denken, z. B. im Bereich Verkehr und Infrastruktur, die etwas mehr kosten – dafür diese Themen an der Wurzel anpacken.  

Ziehen wir vom Betriebsergebnis von 158 Millionen Franken den Steuer-Sonderfall auf Landesebene mit netto 238 Millionen ab, würde für 2020 ein Verlust von 80 Millionen herausschauen. Unter Herausrechnung der beiden Sonderpositionen Corona-Hilfen und AHV-Sonderbeitrag von je 100 Millionen betrüge der betriebliche Gewinn immer noch 120 Millionen statt der ausgewiesenen 158 Millionen, also nur etwa 38 Millionen weniger und die Gesamtrechnung würde dennoch einen Gewinn von über 260 Millionen Franken ergeben.

Aus Sicht des Landes ist das Steuerjahr 2020 optimal verlaufen. Dank der Deckelungsregelung bei der Ertragssteuer konnte das Land den Löwenanteil des Steuer-Sonderfalls für sich verbuchen. Aber auch andere Steuerarten waren positiv und zum Teil deutlich über Budget: Mehrwertsteuer, Vermögens- und Erwerbssteuer, Stempelabgaben, Quellensteuer. Und nicht zu vergessen ist die Geldspielabgabe mit rund 27 Millionen Franken, obwohl coronabedingte Einschränkungen respektive längere Schliessungen zu verzeichnen waren. 

Beitragsleistungen zielgerichtet für jene, die es brauchen
Die Beitragsleistungen liegen unter den budgetierten Vorgaben, sofern nicht Corona-Massnahmen eingewirkt haben. Hauptposition dafür war der Zuschuss von 80 Millionen Franken an die Arbeitslosenversicherung und von rund 20 Millionen für die Wirtschaftsförderung. Wenn wir die inzwischen eingesetzte wirtschaftliche Erholung betrachten, so war dies mit den Massnahmen zur Sicherung der Arbeitsplätze und zur Unterstützung der Arbeitgeber eine gute Investition. Der Mensch will und muss auch arbeiten für seine Lebensgestaltung. 

Die Ergänzungsleistungen sind ein wichtiges Element unserer Hilfestellungen. Mit den laufenden Ergänzungsleistungen zur AHV wurden im Jahr 2020 insgesamt 878 Alters-, Verwitweten- und IV-Rentner unterstützt, das sind rund zehn Prozent der in Liechtenstein wohnhaften Rentnerinnen und Rentner. Mit der Hilflosenentschädigung wurden 453 Personen bedient und beim Pflegegeld nochmals 508 Personen. Der insgesamt aufgewendete Betrag von 31,8 Millionen Franken erscheint zwar auf den ersten Blick hoch, aber wenn wir sehen, dass wir rund 2000 Personen eine echte Hilfestellung geben konnten, ist dies ebenfalls gut investiertes Geld. Abgesehen davon übernehmen die Gemeinden die Hälfte davon ausser beim Pflegegeld. 

Finanzvermögen: mit 3 Milliarden gerüstet für Generationenprojekte
Ein Blick in die Bilanz zeigt, dass wir über ein Finanzvermögen von drei Milliarden Franken verfügen. Dieses hat sich in den vergangenen zehn Jahren trotz einiger turbulenten Zeiten um eine Milliarde erhöht. Die Staatskasse ist also prall gefüllt und mit einem Eigenkapital von 3,3 Milliarden Franken sind wir gut gerüstet für die kommenden Herausforderungen – für Generationenprojekte! 

Das Finanzvermögen ist nicht nur hoch, sondern geht aus meiner Sicht mittlerweile auch deutlich über eine angemessene, risikobewusste Reservenbildung hinaus. Ich denke, es ist Zeit für gewisse Änderungen und dabei die vielzitierten Zukunftsprojekte jetzt aktiv anzugehen, mit besserem Einbezug der Gemeinden. Gerade im Bereich Verkehr und Infrastruktur können wir nur mit aktiver Mithilfe der Gemeinden etwas bewegen. 

Natürlich sind bereits einige Grossprojekte aufgegleist und in der Finanzplanung enthalten, aber das kann im Endeffekt dieser Reservenhöhe nicht viel anhaben, da die Investitionen meist aus den laufenden Einnahmen bestritten werden. Und dass höhere Ausgaben auf das Land zukommen, z. B. im Pflege- und Umweltbereich, ist uns allen ebenfalls bewusst  

Kein Grund für übergrosse Reservenhortung und Pessimismus
Die Aussichten sind dennoch gut, wie das kürzlich bestätigte AAA-Rating für Liechtenstein gezeigt hat. Es gibt keinen Grund für übergrosse Reservenhortung oder sogar für Pessimismus. Ich werde jedenfalls meine Stimme weiterhin dafür erheben, den schlechter Gestellten und Bedürftigen in unserem Land bessere finanzielle Leistungen zukommen zu lassen. Dabei können wir durchaus etwas grosszügiger sein! Ich lasse mich diesbezüglich auch nicht zu sehr von pessimistischen Prognosen beeinflussen.