„Wir blicken auf glückliche 300 Jahre zurück“

253
S.D. der Erbprinz wandte sich an das Volk

Nach dem Gesetz der Fürstlichen Familie ist er zur Thronfolge bestimmt: Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein nimmt seit fast 15 Jahren die Aufgaben des Staatsoberhauptes von Liechtenstein wahr. Im Interview spricht er über die Besonderheiten seines Heimatlandes.

Durchlaucht, vor 300 Jahren entstand aus dem Zusammenschluss der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg das heutige Fürstentum Liechtenstein. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die wechselhafte Geschichte zurück?
Mit Dankbarkeit und Stolz, weil das Fürstentum Liechtenstein auf insgesamt sehr glückliche 300 Jahre zurückblicken kann. Das Land hat sich eindrücklich entwickelt, und es gibt nur ganz wenige Staaten, die seit 300 Jahren friedlich in denselben Grenzen leben.

Wie ist es Liechtenstein gelungen, seine Souveränität beizubehalten?
Für die Souveränität von Liechtenstein war 1806 die Aufnahme in den Rheinbund, ein von Napoleon initiierter Bund souveräner Staaten, entscheidend. Wichtig war außerdem, dass die Souveränität 1815 am Wiener Kongress und durch den Beitritt zum Deutschen Bund weiter abgesichert werden konnte. Dabei war auch bedeutend, dass der damalige Fürst große Anerkennung genoss und gut vernetzt war.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Liechtenstein sehr arm, heute gehört es zu den wohlhabendsten Staaten der Welt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Für den Erfolg waren verschiedene Faktoren verantwortlich: eine gut ausgebildete Bevölkerung, attraktive Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, die enge Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten und die weltweite Öffnung der Märkte. Aber auch die politische und gesellschaftliche Stabilität, die unsere Staatsform über Generationen hinweg gewährleistete, hat einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet.

Was tun Sie konkret, um Tradition und Innovation zu verbinden?
Wir bieten einerseits hohe Rechts- und Planungssicherheit und andererseits gute Voraussetzungen für Innovationen. Vor allem unsere Bildungspolitik und unsere wirtschaftsliberale Regulierung erleichtern Innovationen – dazu zählt auch unser Steuersystem, das für Investitionen in die Forschung attraktiv ist.

Was schätzen Sie an den Liechtensteinern besonders?
An den Liechtensteinern mag ich besonders deren Unternehmergeist und Einfallsreichtum. Auch schätze ich ihre Bodenständigkeit und ihren Pragmatismus, die ein unverkrampftes Verhältnis zwischen der Bevölkerung und dem Fürstenhaus erlauben.

Inwieweit profitieren Fürstenhaus und das Liechtensteiner Volk voneinander?
Unsere Staatsform mit ihren starken monarchischen und direktdemokratischen Elementen erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Volk und Fürstenhaus. Das auf keinen Wiederwahltermin ausgerichtete Staatsoberhaupt kann Stabilität, Kontinuität und eine langfristige politische Ausrichtung einbringen sowie eine neutrale, zwischen den Parteien vermittelnde Rolle einnehmen und sich für Minderheiten einsetzen. Die direkte Demokratie mit der pragmatisch denkenden und selbstbewussten Bevölkerung sorgt für eine unbürokratische und bürgernahe Politik. Von dieser Kombination profitieren beide. Gleichzeitig hat die Bevölkerung laut Verfassung die Möglichkeit, mit einer einfachen einfachen Mehrheit der Stimmen den Fürsten abzusetzen und die Monarchie abzuschaffen.

Wie kam es dazu?
Dies geht auf einen Vorschlag meines Vaters zurück. Diese Verfassungsbestimmung garantiert, dass auch der nicht gewählte Fürst dem Volk gegenüber direkt verantwortlich ist.

Sehen Sie darin keine Gefahr für Ihre eigene Funktion?
Nein, solange ich diese Funktion im Interesse des Volkes wahrnehme.

Anders als die meisten anderen europäischen Monarchen spielen Sie eine aktive Rolle im politischen Geschehen. Wie sieht diese aus?
Als Monarch übt man die Rolle des Staatsoberhauptes aus. Dabei befasse ich mich insbesondere mit den für das Land grundlegenden strategischen Fragen und mit der Gesetzgebung. Dazu tausche ich mich regelmäßig mit Politikern, Vertretern der Wirtschaft und Interessenverbänden aus. Die Kleinheit des Landes erlaubt es auch, ein offenes Haus für die Bevölkerung zu haben. Außerdem vertrete ich das Land nach außen, unter anderem durch die Akkreditierung von Botschaftern, den Empfang ausländischer Politiker und Auslandsbesuche.

Sie sind nicht nur stellvertretendes Staatsoberhaupt, sondern treiben gleichzeitig eine ganze Reihe von unternehmerischen Aktivitäten voran. Was gehört zu Ihrem Portfolio?
Unsere Familie ist in den Bereichen Finanz-, Forst- und Landwirtschaft tätig. Außerdem verfügt sie über historische Liegenschaften in Österreich und eine bedeutende Kunstsammlung. Seit ich die Funktion des stellvertretenden Staatsoberhauptes übernommen habe, beschränkt sich meine unternehmerische Tätigkeit auf den stellvertretenden Vorsitz der Familienstiftungen, die diese Beteiligungen halten. Dies ist eine rein strategische Funktion, für die operative Tätigkeit ist jeweils ein erfahrenes Management zuständig.

Nach welchen Kriterien führen Sie die fürstlichen Unternehmungen?

Neben den üblichen wirtschaftlichen Kriterien legen wir besonderen Wert auf eine langfristige und nachhaltige Ausrichtung.

Mit Deutschland verbindet Sie eine enge Partnerschaft. Welche Gemeinsamkeiten entdecken Sie zwischen den beiden Ländern – und wo liegen die Unterschiede?
Uns verbindet die Sprache und die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum – auch wenn wir nicht EU-Mitglied sind. Mit dem südwestdeutschen Raum teilen wir außerdem die gemeinsamen alemannischen Wurzeln und die Mitgliedschaft in der Euroregio Bodensee, eine der wirtschaftlich bedeutendsten Regionen Europas. Deutschland ist daher für unsere Wirtschaft auch der wichtigste Markt. Die Unterschiede liegen hauptsächlich in der höchst unterschiedlichen Größe unserer Länder und in der Staatsform. Dem engen Verhältnis zwischen den beiden Staaten tut dies aber keinerlei Abbruch.

Weltweit geraten Demokratien immer mehr unter Druck. Repressionen nehmen zu, politische Freiheiten werden zunehmend beschnitten. Erfüllt Sie das mit Sorge?
Ja. Sorgen macht mir auch der zunehmende Protektionismus. Dieser ist für Kleinstaaten, die auf offene Märkte angewiesen sind, besonders problematisch.

Was wünschen Sie sich speziell mit Blick auf die Zukunft Europas?
Ich hoffe, dass es trotz den gegenwärtigen welt- und europapolitischen Turbulenzen gelingt, die herausragenden Errungenschaften der EU, nämlich die Sicherung des Friedens in Europa und den wirtschaftlichen Erfolg, zu festigen. Die EU ist für uns ein zentraler Partner, um die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu meistern.

Was muss Liechtenstein tun, um seiner Rolle als eine Art „Leuchtturm“ weiterhin gerecht zu werden?
Wir sollten die Chancen nutzen, die sich aufgrund der technologischen Entwicklung, vor allem der Digitalisierung, bieten. Die Thematik der nachhaltigen Entwicklung hat zudem international stark an Bedeutung gewonnen. Durch kluge Schritte in Richtung einer umfassenden Nachhaltigkeit können wir nicht nur die Attraktivität des Standorts Liechtenstein erhöhen, sondern auch international Verantwortung übernehmen und zum Vorteil der Staatengemeinschaft Mehrwert schaffen.

Und zu guter Letzt: Was sind Ihre persönlichen Höhepunkte des Jubiläumsjahrs?
Diese Frage stellen Sie mir am besten nochmal am Ende dieses spannenden Jahres.