«Die soziale Gerechtigkeit war immer ein Thema für mich»

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Alfons Schädler war während vieler Jahre u. a. als Vorsteher von Triesenberg politisch aktiv. In einer spannenden Zeit des Aufbruchs von 1966 bis 1987 hat er vieles bewegt und in die Wege geleitet und somit seine geliebte Heimatgemeinde entscheidend mitgestaltet. Noch heute verfolgt er interessiert das Zeitgeschehen. Den heutigen Werteverlust sieht er als gefährlich an und hofft auf ein baldiges Umdenken.

Von Tamara Beck

 

Herr Schädler, Sie werden heuer 88 – ein stolzes Alter. Wie verbringen Sie Ihre Tage? 

Alfons Schädler: Seit meiner Pension lebe ich nicht mehr nach Terminvorgaben. Das schätze ich am meisten. Gesundheitlich geht es mir gut. Neben meinen vielen Bergwanderungen im In- und Ausland, die in den letzten Jahren leider beschwerlicher wurden, lese ich viel und pflege meinen Garten zu Hause sowie im Ried in der Lavadina. Das gibt Arbeit in Hülle und Fülle.

Sie waren lange politisch aktiv und verfolgen heute noch täglich das Geschehen?

Ich war eine Weile noch in reduzierter Form in Parteigremien tätig, habe dies aber zusehends zurückgestellt. Wegstreichen kann man es nach so langer Tätigkeit aber nicht einfach so.

Woher kam Ihr Faible für die Politik schon in jungen Jahren?

Wir waren eine Grossfamilie. Ich hatte sechs Brüder und eine Schwester, wobei ich Drittjüngster war. Es wurde in unserer Familie viel diskutiert: über die Arbeitslosigkeit, das Erwerbsleben, die öffentlichen Belange und Verhältnisse. Ich bin da einfach hineingewachsen. Ich fühlte mich zugehörig, sagte meine Meinung und wollte mich nötigenfalls auch zur Verfügung stellen.

Sie waren verhältnismässig lange im Amt des Gemeindevorstehers. Wie kam das? 

Es war eine hochinteressante, vielfältige, erinnerungsreiche, aber auch arbeitsintensive Zeit. Dennoch war es mir möglich, das Vorsteheramt im Nebenamt auszuführen. Vor meiner Zeit als Vorsteher war ich zwei Amtsperioden im Gemeinderat, wodurch mir die Gemeindeangelegenheiten näher bekannt geworden waren.

Sie arbeiteten währenddessen Vollzeit in der Hoval und beim Liechtensteiner Arbeitnehmerverband (LANV)?

Bis 1979 war das so. Ich nahm mir jeweils den Mittwochnachmittag in der Hoval für die Gemeindeangelegenheiten frei. Die gleiche Lösung habe ich während der Zeit meines Dienstes beim LANV so beibehalten können. Glücklicherweise wurde mir seitens der Hoval und des LANV grosses Verständnis für meine nebenamtliche Vorstehertätigkeit entgegengebracht. Mein Tag begann um 5 Uhr und endete selten vor Mitternacht. Auf Dauer gesehen ging die Arbeitsbelastung jedoch an die Grenze des Zumutbaren. Die Familie war ja schliesslich auch noch da.

Sie haben sehr viel bewegt. 

Die Gemeinde befand sich im Aufbruch. Vielfältige Probleme harrten einer Lösung, und eine Reihe von Reglementen war zu erlassen. Der Infrastrukturausbau und die Trinkwasserversorgung sowie die Abwasserentsorgung standen im Vordergrund. Diverse Bau- und Sanierungsprojekte standen an. Auch lief seit 1960 die gesamte Gütermelioration für Triesenberg. Die Finanzierung all dieser Aufgaben stellte für unsere Berggemeinde dannzumal ein schwerwiegendes Problem dar.

Wie gingen Sie dieses Problem an?

Über die Bestimmung einer Gemeindefinanzkommission 1966 bzw. durch deren Erarbeitung einer längeren Finanzplanung. Nach längeren, etwas zähen Verhandlungen mit den vom Land zuständigen Organen und Stellen wurde eine Verbesserung der Finanzausgleichsleistungen an die Gemeinde Triesenberg erreicht.

Was sagen Sie zur heutigen Politik in Liechtenstein?

Es ist anzuerkennen, dass sich unser Lebensstandard gegenüber früheren Zeiten unerwartet auf einen beachtlich hohen Standard entwickelt hat. Damit hat sich auch die Politik im Land verändert. Ebenso haben sich durch den wirtschaftlichen Verlauf die Erwerbseinkommen in den letzten Jahrzehnten um einiges verbessert. Die ererbte Heimat gut zu verwalten, um diese ungeschmälert unserer Nachfolgegeneration übergeben zu können, ist jedoch meines Erachtens eine gesamtpolitische Verpflichtung. Dies im Sinne des Sprichwortes: «Dem guten Alten die Treue halten, am kräftigen Neuen sich stärken und auch erfreuen, wird niemand gereuen.»

Was würden Sie raten? 

Eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte ist gefragt. Etwas weniger könnte längerfristig wohl viel mehr sein. Aber das ist schwer in die Köpfe zu bringen. Die Nachbarshilfe und der Gemeinschaftssinn für das Miteinander sollten nach meiner Ansicht vermehrt gepflegt werden. Wie dies früher z. B. beim Holzschlagen, beim Heuen, beim Hausdächer eindecken usw. war. Zudem erinnere ich mich an die seinerzeitigen Renovationsarbeiten bei der Kapelle auf Masescha in den Jahren 1949/50. Da hat jedes Mitglied der katholischen Jungmannschaft Triesenberg einen Frondienstarbeitstag geleistet.

Von 1959 bis 1966 waren Sie bereits Regierungsrat-Stellvertreter. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Ich war damals im Alter von dreissig Jahren der Junior in der Regierung, diese Zeit war für mich höchst interessant und sehr lehrreich. Ich bekam Einsicht in das Geschehen im Land und in die Verwaltung, war in vielen Kommissionen, später auch im Landtag, und lernte die Wege kennen, die man gehen muss, um etwas zu erreichen, was mir später als Vorsteher natürlich sehr half. 1963 startete ich mit Kollegen bereits eine Initiative zur Erhöhung der Kinderzulagen, die hoch angenommen wurde. So konnte ich mich für verschiedene Belange einsetzen. Die soziale Gerechtigkeit war immer ein Leitthema für mich, ich konnte viele Anliegen aus der Arbeitnehmerschaft einbringen.

Deswegen wurden Sie auch Präsident im Liechtensteiner Arbeitnehmerverband. Wie zufrieden sind Sie mit dem LANV heute?

Als ich das Amt 1994 abgegeben habe, war es bereits mühsam, neue Mitglieder zu finden. Die Bereitschaft zur Solidarität ist abhandengekommen. Es ist suspekt, dass heute niemand mehr «Arbeiter» ist. Man ist «Angestellter». Lohnempfänger sind aber alle. Ich stelle fest, dass die Gewerkschaft zusehends Mühe hat. Wir haben damals den bestehenden vier Gesamtarbeitsverträgen weitere zwanzig hinzugefügt, und vieles konnte einigermassen geregelt werden. Es herrschten seinerzeitig in Einzelfällen sehr bedenkliche Arbeitsverhältnisse. Heute fehlt je länger, je mehr die Bereitschaft, einen der Zeit entsprechenden Jahresbeitrag an die Kosten des Verbands zu leisten. Der Staat soll doch zahlen. Aber der LANV hat eine wichtige öffentliche Aufgabe und sollte möglichst unabhängig bleiben. Eine Welle zunehmender Solidarität seitens der Arbeitnehmerschaft ist dem LANV nur zu wünschen.

Welche Themen beschäftigen Sie heute noch?

In letzter Zeit beunruhigt mich zusehends die Situation des Islam in Europa. Die traditionellen und angestammten Werte des Abendlands gehen teils verloren, die Rechtsstaatlichkeit sowie die festgelegten Menschenrechte werden infrage gestellt. In gewissen Kreisen werden gesetzliche Vergehen und Tätlichkeiten bereits nach islamischem Recht, der Scharia, beurteilt. Die Frauen werden hintangestellt, und die Frauenorganisationen verhalten sich noch sehr zurückhaltend. Erdogan bekommt Europa vermehrt in den Griff. Diese Entwicklung ist für die europäischen Rechtsstaaten sehr bedenklich.