(Sozial-)psychiatrische Versorgung durch inkonsequente Implementierung von tarmed in Gefahr

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Die 38. Plenarversammlung der Liechtensteiner Ärztekammer hat im Bereich der psychiatrischen Versorgung grossen Handlungsbedarf geortet. Bild: Picture Alliance, Frankfurt/Main, Imagebild

 

Medienmitteilung der Ärztekammer

  • Rechtliche Rahmenbedingungen verhindern vollumfängliche Anwendung von tarmed in der Psychiatrie
  • Fehlende Strukturen verlagern gesamte Versorgung in Praxen – tarmed dafür nicht ausgelegt
  • Akuter Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen gegeben

Eschen – Die 38. Plenarversammlung der Ärztekammer hat im Bereich der psychiatrischen Versorgung grossen Handlungsbedarf geortet und den Vorstand beauftragt, gemeinsam mit der Politik umgehend Massnahmen zu erarbeiten, um die drohenden negativen Auswirkungen auf die ambulante (sozial-) psychiatrische Versorgung abzufangen.

 

tarmed nicht analog zur Schweiz umgesetzt

tarmed kann in Liechtenstein im Bereich der Psychiatrie durch die unterschiedliche Rechtslage aktuell nicht analog zur Schweiz umgesetzt werden. So sind viele der 27 für den Fachbereich Psychiatrie vorgesehenen Tarifpositionen nicht anwendbar. Grund ist die klare gesetzliche Trennung der Gesundheitsberufe, durch welche die delegierte Psychotherapie in Liechtenstein nicht umsetzbar ist. Die hiesigen Psychiater sind daher im Vergleich zu ihren Schweizer Kollegen benachteiligt, obwohl dasselbe Tarifsystem hinterlegt ist. Eine analoge Anwendung von tarmed ist aus Sicht der Ärztekammer zwingend, die Politik muss umgehend die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine vollumfängliche Anwendung von tarmed schaffen.

Delegierte Psychiatrie wäre geeignet, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, da sowohl die Psychiatrie als auch die psychologische Psychotherapie durch Bedarfsplanungen gedeckelt sind. Die aktuelle Nachfrage verlangt zusätzliche Kapazitäten, um lange Wartezeiten zu vermeiden. Lange Wartezeiten können gerade im Bereich der Psychiatrie negative Folgen für die Patienten haben oder durch die Überweisung in kostenintensive Kliniken unnötige Kosten verursachen.

Fehlende Versorgungsstrukturen verlagern gesamte Psychiatrie in die Praxen

Tarmed ist in der Schweiz in kantonale Psychiatriekonzepte eingebettet. Tarmed selbst ist nicht dafür ausgelegt, alle Spektren der Psychiatrie in den Praxen zu erbringen, die Versorgungslandschaft (stationäre Kliniken, Tageskliniken, sozialpsychiatrische Ambulatorien, Suchtfachstellen etc.) greift in der Schweiz nahtlos ineinander.

In Liechtenstein fehlen solche Strukturen grossteils, die benachbarten Schweizer Institutionen sind mit Schweizer Patienten ausgelastet und aufgrund fehlender Zuschüsse durch das Land Liechtenstein werden Schweizer Patienten vorrangig behandelt. Insgesamt ist der Zugang zu den notwendigen ausländischen Infrastrukturen unzureichend und kanalisiert (sozial-)psychiatrische Erkrankungen in die Praxen. tarmed ist jedoch nicht dafür ausgelegt, koordinierte Intervention in den Praxen abzubilden.

Limitationen und Taxpunkte führen zu massiven Umsatzeinbrüchen

Die psychiatrische Behandlung ist im tarmed grossteils zeitlich limitiert. So vergütet tarmed Therapieeinheiten maximal während 75 Minuten. In der Praxis dauern Therapieeinheiten je nach Krankheitsbild und Therapieform oftmals länger. Beispielhaft kann hier die Kriseninterventionen angeführt werden, welche in den Praxen bei gleichhoher Qualität deutlich kostengünstiger erbracht werden kann als in stationären Institutionen. Diese Zeit kann von den Psychiatern nicht abgerechnet werden, was unnötigerweise zu Überweisungen in Kliniken führt. In der Schweiz werden solche Interventionen in staatlich subventionierten Strukturen erbracht, welche genau für solche Fälle ausgelegt sind. Aufgrund der fehlenden inländischen Infrastruktur und dem erschwerten Zugang zu Schweizer Institutionen infolge langer Wartezeiten werden solche Therapien notgedrungen in den psychiatrischen Praxen erbracht, was versorgungstechnisch und tariflich wenig zielführend ist.

Umsetzung von tarmed analog zur Schweiz zwingend

Die Politik ist gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um tarmed analog zur Schweiz umsetzen zu können. Es ist zu gewährleisten, dass die niedergelassenen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie alle Positionen des tarmed anwenden können. Darüber hinaus ist die psychiatrische Versorgung generell in ein landesweites Psychiatriekonzept einzubetten. Die Ärztekammer wird gemeinsam mit dem Fachbereich Psychiatrie an die Regierung gelangen, um zeitnah die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Mittelfristig ist die psychiatrische Spezialversorgung unter den jetzigen Umständen nicht aufrecht zu erhalten. Die stetige Zunahme von psychiatrischen Erkrankungen ist eine globale Entwicklung, die vor Liechtenstein nicht haltmacht. Es ist höchste Zeit, die Strukturen auf diese Entwicklung anzupassen, die Ärztekammer wird die Regierung und den Landtag bestmöglich fachlich unterstützen.