Leserbrief von Jo Schädler, Bendern
Nachdem die Fürsten Liechtenstein 1719 die bettelarmen Grafschaften Vaduz und Schellenberg in Besitz und unter ihre Fittiche nahmen, wurde es langsam aber stetig besser im Lande. Der Rhein wurde gebändigt, der Binnenkanal ausgehoben, Strassen, Kirchen und Schulen gebaut, Industrien kamen anbei und das einst sumpfige Gäu, wurde zusehends lebenswert – falls man lebenswert mit Geld aufwiegt.
Meisterhafte Krönung dieser Entwicklung war neben der Einführung des Frauenstimmrechtes, der Bau eines neuen Landtaggebäudes, in dessen Innern sich alles im runden Kreise dreht und deren kreisende Geister den Bürger immer mehr zu Statisten formen und versuchen, im monotonen Rhythmus der Legislaturen, ihn mit Gewalt der phönizischen Prinzessin Europa auf ihren Altar zu werfen.
Wer hätte jemals gedacht, dass ein Volk, das einstmals willens und in der Lage war, nur mit Ochsenkarren und Schaufeln bewehrt, einen fünfundzwanzig Kilometer langen, gewaltigen Damm aufzuschütten, kläglich scheitert, wenn es darum geht, ein Spital, oder auch nur eine Bücherei zu bauen? Obwohl das so ist und unser Fortschritt sich in schlampig reparierten Schlaglöchern sonnt und sich an der Kurbel der Gesetzes und Verordnungstrommel abarbeitet, schmettern aus amtlichen Stellen andauernd Klänge lieblicher Schalmeinen; gerne schlagen oft sogar Trompeten drein, wie gut und wie schön wir es doch hätten, hier im sichersten aller Zustände, in staatlich verordneter Glückseligkeit. Antwort gibt ein Zitat von Günter Anders der meinte: „Überfluss ist die Mutter der Phantasielosigkeit“.
In diesem Zustand, in dem wir uns nun befinden, gilt es aus den Nebeln der Selbstbeweihräucherung emporzusteigen und überhaupt jenen Sinn zu suchen, für den es sich zu leben lohnt. Und dazu haben wir nicht mehr viel Zeit. Die phönizische Prinzessin ist kriegsversessen und wenn sie auf den falschen Knopf drückt, dann wird es dunkel um uns herum und wir verschwinden wieder, bevor wir überhaupt richtig da waren.

