1880 wurde in Schaan die Brauerei Quaderer eröffnet. Wo früher Bier gebraut wurde, ist inzwischen eine «Kulturbrauerei» entstanden. Im restaurierten Gebäude sollen künftig Künstlerinnen und Künstler für einige Monate ihr Quartier aufschlagen und sich kreativ dem Kunstschaffen widmen. Ein Rückblick auf die Bierherstellung in früheren Zeiten in der heutigen «Kulturbrauerei».
Text: Günther Meier
Mit «Anzeige und Empfehlung» kündigte ein Inserat im «Liechtensteiner Volksblatt» eine Neuigkeit in Liechtenstein an. Auf den Sonntag, 1. Februar 1880, lud Rudolf Quaderer die Bevölkerung zur Eröffnung seiner «Bierwirtschaft mit selbsterzeugtem Bier» ein, musikalisch begleitet von einer Musikkapelle und einer Sängergruppe. Wem das Bier schmeckte, der konnte laut Inserat das Getränk auch nach Hause liefern lassen: Er verkaufe das Bier in Zukunft auch «auf die Achse», womit er wohl ankündigte, man könne sich das Getränk nach Hause liefern lassen.
Bei dieser Anzeige ging es um die Eröffnung der Bierwirtschaft. Die Geschichte des Biers in Liechtenstein begann aber lange Zeit vorher. Schon im Jahr 1794 erwarb Anton Frommelt die Konzession von der Regierung, Bier zu brauen und in Verkauf zu bringen. Allerdings konnte er sein Vorhaben nicht umsetzen: Nach Abwägungen des Absatzes und des möglichen Verdienstes, heute würde man von einem «Business-Plan» sprechen, verzichtete er auf den Aufbau einer Brauerei. Anton Frommelt liess sich aber von seinem Plan nicht abbringen. Einige Jahre später versuchte er sein Glück erneut, diesmal mit Benedikt Huber, einem Glasermeister. Das Geschäft florierte allerdings nur kurze Zeit, offenbar waren die Liechtensteiner Männer eher dem Most zugetan. Die Idee von einer eigenen Bierbrauerei aber hatten noch andere, wie etwa der Küfer Anton Rheinberger aus Vaduz, der sein Selbstgebrautes von 1821 bis 1830 anbot. Auf den Vaduzer Rheinberger folgte der Schaaner Baptist Quaderer, der 1841 das Recht auf Brauerei zuerst auf zwölf Jahre erhielt und damit den Grundstein für die Dynastie des «Quaderer-Bier» legte.

Bier ist ein uraltes Getränk
Liechtenstein kam relativ spät zum selbstgebrauten Bier. Nach Überlieferungen geht die Geschichte des Bierbrauens auf wahrscheinlich 10’000 Jahre zurück. Menschen entdeckten in der Frühgeschichte die Gärung von Getreide und damit ein Getränk, das bis dahin unbekannt war. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde mit Gerste und anderen Getreidesorten experimentiert, bis ein bekömmliches, aber alkoholhaltiges Gebräu hergestellt werden konnte. Voraussetzung dafür war der Anbau von Gerste, was aber nur sesshaften Völkern möglich war, nicht aber den Nomaden, die umherzogen. Damit bleibt die Frage offen oder umstritten, ob die Sesshaftigkeit der Menschen den Grundstein für das Bierbrauen legte oder ob das Bier der dafür entscheidende Faktor war, dass die Menschen zu sesshaften Bauern wurden. Historische Hinweise auf Bier, lange vor Christi Geburt, gibt es aus China, von den Völkern im Vorderen Orient und aus Ägypten.
«Bierhüsle» und Brauerei bildeten eine Einheit
Der erste Braumeister der Familie Quaderer, der das Bierbrauen als Hauptberuf ausübte, war Rudolf Quaderer. Er war es auch, der – wie erwähnt – im Jahr 1880 die Bierwirtschaft eröffnete. Unmittelbar daneben hatte er die Brauerei eingerichtet, in einem Gebäude, das heute noch steht und nach einem Umbau als «Kulturbrauerei» wiedereröffnet wurde: Das Gasthaus, allgemein «Bierhüsle» genannt, und Bierbrauerei bildeten lange Zeit eine Einheit. Wie in der Entstehungsgeschichte Bier gebraut und Eis zur Kühlung hergestellt wurde, hat der frühere Leiter des Landesveterinäramtes und Amtes für Lebensmittelkontrolle, Erich Goop, im Buch «Festgabe für Alexander Frick zum 75. Geburtstag» ausführlich beschrieben. Im Kellergeschoss wurde das Bier gelagert, im Parterre befanden sich die Gärbottiche und im ersten Stock war die grosse Sudpfanne untergebracht. Gebraut wurde untergäriges Bier, das über Monate haltbar war und sich deshalb zur Lagerung eignete. Weil diese Art von Bier aber nur bei tiefen Temperaturen hergestellt werden konnte, waren Einrichtungen zur Kühlung notwendig. Ebenso erforderte die Lagerung des Getränks kühle Keller. Beides wurde in der Quaderer-Brauerei mit Eis aus eigenem Weiher bewerkstelligt.
Kühlung des Biers mit Eis aus «Bierwöts Weiher»
Laut der Beschreibung von Erich Goop befand sich einer der Eiskeller unter dem Brauereigebäude, während eine zweite Anlage im Tiefgeschoss des Gasthauses Bierkeller untergebracht war. Eine imposante Anlage, wie Goop beschreibt: «Auf 52 Treppenstufen gelangt man zur tiefsten Punkt, ungefähr 11 Meter unterhalb des Strassenniveaus. Hier befinden sich, übereinander liegend, zwei geräumige Lagerkeller, während der diesen anliegende sogenannte Eiskeller mit ca. 9 Metern die doppelte Höhe der beiden Lagerkeller aufweist. Diese Eiskeller wurden über den Winter durch eine Öffnung in der Decke mit Eisklötzen gefüllt, die sich zu einem mächtigen Eisberg verbanden.» Gewonnen wurde es in einem Weiher, im Schaaner Dialekt «Bierwörts Weiher» genannt, aus dem bei tiefen Temperaturen das Eis geschnitten und auf Fuhrwerken zur Brauerei transportiert wurde.
Das Quaderer-Bier wurde nicht nur in Fässer, sondern auch in Flaschen abgefüllt. Um auch Bier «auf die Achse» verkaufen zu können, ersuchte Rudolf Quaderer bei der Regierung um eine Bewilligung. Eine erste Verkaufsstelle errichtete er bei Anna Röckle im Mühleholz. Diesen Standort hatte er ausgesucht, weil sich in der Nähe die Weberei Rosenthal und die Spoerry-Fabrik befanden. Dortige Arbeiter hätten sicher Lust, so seine kaufmännische Überlegung, einmal ein schmackhaftes Bier zu trinken statt öden Kaffee oder Branntwein. Die Regierung erteilte die Bewilligung für den Verkauf von Flaschenbier, nicht zuletzt um dem schädlichen Branntwein-Genuss etwas entgegenzusetzen. Die Konzession enthielt ausdrücklich das Verbot für den Verkauf anderer alkoholischer Getränke ausser Quaderer-Bier. Der Bierverkauf erfüllte offenbar die Erwartungen von Quaderer, denn schon bald wurde eine zweite Verkaufsstelle im Mühleholz eingerichtet.

2007 den Brauprozess; Urheber: Sven Beham, Ruggell; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz; CDB 159/061
Kein Bier mehr, weil die Braugerste fehlte
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) hatte fatale Auswirkungen für die Quaderer-Brauerei. Die Rohstoffe für die Bierherstellung hatte die Brauerei aus Österreich bezogen, doch bald nach Kriegsbeginn stockten die Lieferungen für die Braugerste. Ab Anfang 1917 wurden sie ganz eingestellt, wie aus einem Brief der Brauereizentral Graz an die Regierung hervorgeht: Aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Österreich sei es ungewiss, ob weiterhin Gerste und Malz geliefert werden können. Sollte sich die Situation verbessern, würden die Lieferungen wieder aufgenommen. Die Quaderer-Brauerei, die über dieses Schreiben an die Regierung vorab informiert worden war, hatte keine Rohstoffe mehr zur Verfügung. Das Brauen musste eingestellt werden. Liechtenstein wurde nach 1917 für Jahrzehnte zum «Land ohne eigenes Bier».
Rohstoffmangel im Ersten Weltkrieg
Die Quaderer-Bierbrauerei musste – wie bereits erwähnt – im Jahr 1917 den Betrieb einstellen, weil aus Österreich keine Rohstoffe für die Bierherstellung wie Braugerste mehr geliefert wurden. Der Rohstoffmangel betraf auch andere Branchen in der Industrie und im Gewerbe. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden in der Industrie noch 747 Personen beschäftigt, der überwiegende Teil in den Webereien und Spinnereien Jenny & Spoerry in Vaduz und Triesen. Im Lauf des Krieges stellte sich Mangel an Baumwolle ein, sodass die Produktion in beiden Fabriken ab 1916 fast vollständig eingestellt werden musste. Grosse Schwierigkeiten hatten auch Gewerbler, die Leder verarbeiteten, wie Schuhmacher und Sattler, weil Felle und Häute nur sehr schwer zu bekommen waren. Ein grosses Problem war darüber hinaus die Beschaffung von Petroleum, das damals vorwiegend für die Beleuchtung von Häusern benötigt wurde. Ebenso schwierig gestaltete sich die Einfuhr von Kohle zu Heizzwecken. Im Verlauf des Krieges wurden Kerzen zu einem gefragten Artikel: Weil Petroleum für Lampen nur noch eingeschränkt zu erhalten war, stellten die Leute auf Kerzenlicht um, was zur Folge hatte, dass auch Kerzen zur Mangelware wurden. Auf der anderen Seite gab es Beschränkungen für Ausfuhren von Industrie- und Gewerbeprodukten, sodass viele Betriebe in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Zur Sicherung der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung wählte der Landtag am 14. Dezember 1914, schon kurz nach Kriegsausbruch, eine Landesnotstandskommission. Zwei Jahre später gab es solche Kommissionen auch in den Gemeinden, weil man der Ansicht war, diese seien näher am Volk und seinen Bedürfnissen.


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